Zum 60. Geburtstag von Huub Stevens

Stinkbomben in der Arena

In seiner Bundesliga-Zeit wandelte sich Huub Stevens vom »Knurrer von Kerkrade« zum »Gurrer von Gelsenkirchen«. Heute arbeitet er in Griechenland. Unser Autor Benjamin Kuhlhoff vermisst ihn derzeit sehr und gratuliert dem Niederländer deswegen ganz persönlich zu dessen 60. Geburtstag.

imago

Lieber Huub Stevens,

ich schreibe Ihnen, weil Sie mittlerweile in Griechenland arbeiten. Genauer gesagt in Thessaloniki. Das ist sehr weit weg von meiner Heimat Berlin. Von der Bundesliga sowieso. Ich sage dazu: leider. Denn jemanden wie Sie braucht die Liga in diesen Tagen vielleicht dringender denn je. Nicht, dass wir uns falsch verstehen, wir haben derzeit ganz hervorragende Fachmänner auf den hiesigen Trainerbänken sitzen. Akribische Matchplaner wie Thomas Tuchel und Christian Streich, gallige Motivationsmaschinen wie Jürgen Klopp, mit Pep Guardiola hat offenbar sogar ein waschechter Gott die Bundesliga heimgesucht. Halleluja. Und dennoch klafft da eine Lücke. Und die haben Sie hinterlassen.

In dieser glattgebügelten Maschine fehlt ein knorriger Souverän mit Arbeitercharme. Einer, der über den Dingen steht. Der seine Gesprächspartner erst ankeift und Sekunden später zum Schenkelklopfen zwingt. Der auf die Regeln, Gepflogenheiten und Kleidungsrichtlinien der Fußballverbände pfeift und sich auch in der Champions League im ausgebeulten Jogginganzug auf die Bank setzt. Die Haare stets mit Frisiercreme betoniert, als käme er gerade vom Rentnerschwimmen. Auch wenn er so in diesem inszenierten Hochglanz-Epos wirkt wie ein frisch gelandeter Zeitreisender aus den sechziger Jahren. Eben einer, der den ganzen Mist nur bis zu einem gewissen Grad erträgt.

Sie würden den schlaffen Profis des FC Schalke mal ganz gehörig den Marsch blasen, anstatt sie Woche für Woche – trotz mitunter unterirdischer Auftritte – mit ein paar seichten Worten davon kommen zu lassen. Denn Sie kannten stets das gesunde Maß zwischen Show und Arbeit. All das mag nur ein ganz persönliches Gefühl sein. Aber mir fehlt das nun mal.

Der Wahnsinn steht auf der Gehaltsliste

Aber ich kann Sie verstehen. Vielleicht haben Sie einfach die Nase voll von unserer Liga. Sie haben sich an ihr abgearbeitet. Köln, Berlin, Hamburg – Sie gingen stets an Orte, an denen es sehr schnell, sehr weh tun kann. Allen voran natürlich beim FC Schalke. Ihrer großen Liebe, bei der Sie vor knapp einem Jahr als Gruppenerster in der Champions League, Vater des besten Saisonstarts seit Ruhrgebietsgedenken, Derbysieger und Halbgott dermaßen unehrenhaft aus dem Amt getrieben wurden, dass man es ihnen nachgesehen hätte, wenn Sie zum Abschluss eine infernale Stinkbombe in der Arena gezündet hätten.

Sicher hätte es einige absurde Geschichten über ihre letzten Tage in Gelsenkirchen zu erzählen gegeben. Sicher hätten diese Geschichten der Nachwelt gezeigt, dass am Ernst-Kuzorra-Weg der Wahnsinn noch immer als einer der Topverdiener auf der Gehaltsliste steht. Sie hatten allen Grund beleidigt auszupacken. Haben Sie aber nicht. Sie haben Ihr Auto gewaschen, Ihren Schlüssel an der Geschäftsstelle abgegeben, sich jede Form des Nachtretens gespart und sich verdrückt. Davor ziehe ich den Hut, weil es gezeigt hat, dass Sie sich nicht wichtiger nehmen als ihr Verein. Dass Loyalität für Sie keine siegbringendes Wort beim abendlichen Scrabble-Spiel ist, sondern eine Lebensmaxime. Das ist selten genug in einem Geschäft, in dem Egoismus tatsächlich als positive Eigenschaft angesehen wird. Danke dafür.

Um es abschließend mit Ihren eigenen Worten zu sagen: »Und wie denn auch« feiern Sie heute Ihren 60. Geburtstag! »Von da heraus« bleibt mir nichts anderes übrig, als Ihnen auf diesem Weg herzlichst zu gratulieren. Und wenn ich einen Wunsch hätte, würde ich Sie gerne noch einmal auf einer Trainerbank in der Bundesliga sehen. Im Jogginganzug. Mit streng zurückgelegten Haaren. Und ich glaube, mit diesem Wunsch bin ich nicht allein.

Alles Gute,

Benjamin Kuhlhoff

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!