Zum 6. Todestag George Best

Where did it all go wrong?

Heute vor sechs Jahren, am 25. November 2005, starb George Best. Den Ball beherrschte, am Leben scheiterte er. Dass ihn der Alkohol ruinierte, war ihm bewusst, trotzdem trank er weiter. So blieb er auch im Sterben ein großer Verweigerer. Zum 6. Todestag George Best

»Wenn es zu spät zur Umkehr ist, kann man sich nur noch zu Tode saufen oder versuchen, dem Teufel große Werke zu errichten.« (Irisches Sprichtwort)

Er hatte sich für die erste Alternative entschieden und es endlich hinter sich gebracht.War auf die andere Seite übergewechselt und überrascht haben dürfte es niemanden. Man hatte es kommen sehen, seit wie vielen Jahren eigentlich schon? Es war wohl mehr als seine Karriere, deren unrühmliches Ende mehr als 20 Jahre zurückliegt, angedauert hat. Was danach noch folgte, war eine einzige Freakshow. Obwohl es einen im Grunde einen Dreck angeht, wird man wütend. Wer auch nach der Lebertransplantation weitersäuft wie tausend Russen, der hat selbst Schuld. Als ob es um Schuld ginge, oder darum, wer Mitleid verdient.

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Der vielleicht nicht größte, mit gewisser Wahrscheinlichkeit aber charismatischste Fußballer aller Zeiten ist tot. Andere haben häufiger Titel abgeräumt und mehr Tore geschossen, aber kaum einer repräsentierte seine Zeit so nachhaltig wie George Best. Und wenn die Zeit, für die er stand, immer stehen wird, nun einmal diejenige ist, die einen selbst geprägt hat, dann zählt eben nur sie. It’s as simple as that! Bestie, der Belfast Boy, Geordie (wie er in seiner Heimatstadt immer nur hieß), der fünfte Beatle, zu dem man ihn zeitweise ernannte, hat sich mit wenig Grandezza, aber brutaler Konsequenz unter die Erde gesoffen. He did it his way! Ein letztes Mal.

59 ist noch kein Sterbealter

Der runde Sechzigste, an dem man ihn wohl noch einmal im großen Stil abgefeiert und ihm vielleicht auch für viele seiner Entgleisungen öffentlich Absolution erteilt hätte, der war ihm nicht mehr vergönnt. Nein, 59 ist noch kein Sterbealter, und klar, es ist ungesund, permanent zu verdrängen, dass man irgendwann halt den Preis für seinen Lebenswandel bezahlt, oder in Bests Fall wohl besser: die Zeche. Trotzdem konnte und wollte man sich einen geläuterten und altersmilden Bestie, der als elder statesman ausgewogene Statements von sich gibt, auch nicht unbedingt vorstellen. Außerdem: Bobby Moore, diesen wahren Ausbund an Seriosität und in jeder Beziehung das krasse Gegenteil von Best, raffte the big C mit Anfang 50 dahin, und John Lennon wurde mit gerade mal 40 von einem Irren abgeknallt. Und Brendan Behan, das andere irische Schandmaul das in seinem Beritt jeden anderen nach Belieben an die Wand gespielt hat, ertränkte seine gequälte Seele im Whiskey gerade zu der Zeit, als Best anfing groß herauszukommen.

Die Frage »Where did it all go wrong, Georgie?« wurde oft genug gestellt. An laienpsychologischen Fernanalysen über die Ursachen seiner Sucht und seiner Selbstzerstörung herrscht seit Jahrzehnten kein Mangel. Genau wie an Versuchen, ihn als letztlich Gescheiterten oder Unvollendeten zu porträtieren. Erinnern wir uns lieber an den Fußballer George Best, denn als solcher war er vielleicht doch der Größte.

Welche Position er spielte, war völlig egal

Verdammt schwierig, die Magie nach all der Zeit auf einen Nenner zu bringen.Vielleicht war es die enge Ballführung bei hohem Tempo; vielleicht die kleinen provozierenden Sidesteps, mit denen er, bevor er sich einen oder mehrere Kontrahenten zur Brust nahm, das gegnerische Publikum herausforderte; vielleicht aber auch nur die lässige Art, wie er einen Moment lang dastand, unmittelbar bevor er zu einer Aktion ansetzte, die man so noch nie gesehen hatte: mit lockeren Hüften und in den Knien wiegend, nicht unähnlich den Gunslingern aus den ersten Italowestern, die gerade herauskamen. Einer seiner furiosen Sololäufe, bei dem er es mit wehender Mähne, irrwitzigem Gleichgewichtsgefühl und abgrundtiefer Verachtung für alle Blutgrätschen, die ihn aufhalten wollten, am liebsten mit einem halben Dutzend Gegenspieler aufnahm, das war so etwas wie Schienbeinsurfen und ist, zumindest aus britischer Perspektive, ein genuines Abbild der Sixties, so wie der Auftritt der Yardbirds in »Blow Up«, eine Modenshau mit Twiggy oder die Titelsequenz von »The Prisoner«. Dabei ließ er aber so gut wie nie den nötigen Zug zum Tor vermissen, was ihn von den Fummelbrüdern südeuropäischer Prägung unterschied. Er war beidfüßig, sauschnell und viel robuster, als sein schmaler und auf den ersten Blick so mickrig wirkender Körper vermuten ließ. Seine Trickkiste war vielleicht nicht ganz so prall gefüllt wie die von Garrincha, und weniger zirkuskompatibel wirkte er auch, dafür aber traf er viel öfter ins Tor.



Die Natur hatte ein Füllhorn angeborenes Talent über ihm ausgeschüttet, dazu war er, was oft vergessen wird, geradezu zwanghaft trainingsbesessen, womit er die Auswirkungen der Sauferei erstaunlich lange kompensieren konnte. Vom reinen Rüstzeug her war er also nahezu komplett, was aber viele junge Spieler waren und sind, daher sind es wohl doch Auftreten und Attitüde gewesen, die ihn zur Ausnahmeerscheinung werden ließen, swagger und savvy eben. Es hat mit der Arroganz der Jugend zu tun, und mit dem Bewusstsein, Vertreter einer neuen Zeit zu sein, die gerade anbrach. Welche Position er auf dem Papier spielte, war vollkommen egal, und sein und unser Glück war, dass er mit Manchester United in ein Team geraten war, in dem die taktische Marschroute des Managers selten über ein »Gentlemen, go out and enjoy yourself« hinausreichte und jeder Spieler der Offensivabteilung seine Rolle freizügig und für jene Zeit höchst ungewöhnlich interpretierte. Alles hing von momentaner Eingebung und Tagesform ab, machte aber das Manchester United der Midsixties zu einem Team, das einen einzigartigen, weil völlig unberechenbaren Fußball spielte und ein Flair hatte wie kein Zweites von der Insel. Ganz anders als der weitaus effizientere, aber nicht gerade mit Genialität geadelte FC Liverpool oder gar die Rüpelbande aus Leeds.

»He could take care of himself«

Doch nicht wenige Fans bewunderten Best auch dafür, dass er eine unterschwellige Gemeinheit und Gefährlichkeit ausstrahlte, eine richtige Drecksau sein konnte und nach Kräften zurücktrat. »He could take care of himself«, wurde das immer euphemistisch umschrieben, und es war auch nötig in einer Zeit, in der die Regelauslegung eine andere war. So lange der Ball halbwegs mit dabei war, musste man schon einen einwandfreien Mordversuch begehen, um vom Platz zu fliegen. Heute würde jedenfalls keiner der damaligen Verteidigerlegenden von Paul Reaney (der einzige Kontrahent, gegen den Best stets Schienbeinschoner trug ) bis »Chopper« Harris den Schlusspfiff auf dem Platz erleben, und Nobby Stiles wohl auch nicht. Bests in dieser Hinsicht schaurigster Moment ereignete sich im Dezember 1970, bei einer 1:4-Heimpleite gegen City, die viel dazu beitrug, die Machtverhältnisse in Manchester umzukehren. Wie ein Torpedo, kein Körperteil hatte mehr Bodenkontakt, rauschte er von hinten in Glyn Pardoe, der längst abgespielt hatte, hinein und zerschmetterte ihm Schienund Wadenbein. Pardoe, ein Spieler vom Typ »gute Seele der Mannschaft«, schrammte nur knapp an einer Amputation vorbei. Auch diese Reminiszenz gehört zum Gesamtkunstwerk George Best.



Sehr früh schon war es schwierig, zwischen dem Fußballspieler Best und der öffentlichen Figur zu unterscheiden, was aber nichts machte, denn genau danach hatte man ja gelechzt, unbewusst natürlich und auch nur, wenn man jung genug war. Ein Balltreter, der, nebenbei oder eigentlich, auch so etwas wie ein Popstar ist, ein fehlgeleiteter Rock‘n‘Roller, dem nur die Gitarre abhanden gekommen war, diese bis dahin nur ersehnte Kombination war für eine bestimmte Generation a dream come true, durchaus ein Äquivalent zur wenige Jahre später gesuchten Kreuztoleranz zweier spitzenmäßigen LSD-Sorten. Wie die allermeisten Bands hatte er rund fünf Jahre, in denen er neu und wirklich aufregend war. Wie er ab etwa 1965 auftrat, sich stylte und kleidete, das war eine Kampfansage an die bestehenden Verhältnisse und somit eine bewusste und mutige Entscheidung. Und es wurde natürlich bald überall nachgeahmt. So ab 1970 hatte fast jede englische Profimannschaft ihr Best-Imitat, langmähnige Dauerdribbler mit knackigen Lebensabschnittsgefährtinnen und in der gutter press lustvoll ausgeschlachteten Disziplinproblemen.

An Best kam keiner heran

Einige wie Charlie George, Frank Worthington, Stan Bowles oder Rodney Marsh besaßen echten Unterhaltungswert, an Best heran kam jedoch keiner. Ab 1969 begann sein Stern zu sinken und bald befand sich auch sein Verein im freien Fall. Aber da war man schon unbescheiden geworden, wollte partout nicht einsehen, dass er für genug Wirbel gesorgt und dem britischen Fußball einen Innovationsschub verpasst hatte, der rückblickend betrachtet geradezu ungeheuerlich war. Und irgendwann brauchte man Idole wie ihn auch nicht mehr so dringend wie noch wenige Jahre zuvor. Eine auch nur ansatzweise vergleichbare Figur konnte aus dem Bereich Fußball nicht mehr kommen. Wenn man mit den Stones und Steve McQueen aufgewachsen ist, kann man U2 und Tom Cruise schließlich auch nicht ernst nehmen.

George Best, als 15-Jähriger in Belfast entdeckt, war United vom raubauzigen Scout Bob Bishop als »Genie« offeriert worden, seine allererste Leistung war daher, dass er an dieser Erwartungshaltung nicht scheiterte wie etliche andere Sturmhoffnungen, Alex Dawson oder Mark Pearson etwa. Im Gegenteil, er übertraf sämtliche in ihn gesetzten Hoffnungen. Und für alles, was die spätere Legende Best ausmachte, wurde der Grundstein in den ersten fünf Jahren seiner Karriere gelegt, als United tatsächlich den europäischen Gipfel erklomm.

...damals immer nur seinen Arsch gesehen

Am 14. September 1963, dem Tag, an dem Best in der ersten Division debütierte, sprang »She Loves You« von den Beatles an die Spitze der englischen Charts, wodurch der Rummel um die Fab Four endgültig Züge von Massenhysterie annahm. Beim 1:0 gegen West Brom erzielte der 17-jährige Wunderknabe natürlich keine vier Treffer, wie der »Spiegel« in seinem faktenfehlergesättigten Nachruf behauptete (das Tor schoss Besties gleichaltriger Kumpel David Sadler), spielte aber als Rechtsaußen seinen Widersacher Graham Williams in aufreizender Manier schwindlig. Noch Jahrzehnte später trat Bests erstes Schlachtopfer in TV-Sendungen auf: »Zeigt mir endlich mal ein Foto von dem Kerl, ich habe damals immer nur seinen Arsch gesehen.« Die Regionalpresse horchte auf, aber Busby ließ es bei dem ersten Eindruck bewenden und versteckte seinen Rohdiamanten wieder in der Reserve. Best tauchte erst zum Jahresende wieder regelmäßig in der ersten Mannschaft auf und schoss beim 5:1 gegen Burnley sein erstes Ligator.



Doch der Dämon Alkohol hatte da schon seine Krallen nach ihm ausgestreckt: Bei einem Jugendturnier in Zürich wird er von Teamkollegen nach Strich und Faden abgefüllt. Er kotzt ein Taxi voll und muss den Rest der Nacht die Wände des Hotelzimmers um sich rotieren lassen. Wie von allem bekommt Busby auch von diesem Fehltritt Wind, hält den Vorfall aber für eine der unter jungen Burschen nun einmal üblichen Initiationsriten. Einer der absoluten Leistungsträger Uniteds in den frühen 60ern war Dennis Violett, dessen 32 Ligatore aus der Saison 59/60 noch immer Vereinsrekord bedeuten. Er war ein schmächtiger, aber unglaublich wendiger Halbstürmer mit feiner Technik und einem Mordsbumms in beiden Beinen. Und einem Mordsdurst. Jeder wusste es, aber man tuschelte nur hinter vorgehaltener Hand darüber: Violett säuft und zwar weit über das unter britischen Fußballern übliche Maß hinaus. Hilfsangebote von Vereinsseite: keine. Busby griff zu einer Strategie der Konfliktlösung, die er, wenn irgendwas nicht in sein biederes Weltbild passte, gerne praktizierte. Das Thema wurde zum Tabu erklärt, man duldete Violett so lange er als Torfabrik funktionierte, dann schob Busby ihn still und heimlich zu Stoke City in die 2. Liga ab. Best hatte später mehr Glück. Denn die Zahl der Menschen aus dem Umfeld des Vereins, die sich nach Kräften bemüht haben, ihm zu helfen, die ist Legion. Vielleicht sind aber doch nur die Gene Schuld: Bests Mutter Ann, die stets völlig abstinent gelebt hatte, griff erst zur Flasche, nachdem sie im Alter von 43 ihr letztes Kind zur Welt gebracht hatte. Sie starb mit 54 als Säuferin.

Zaghafte Annäherung zwischen Fußball und Pop

In Manchester und Belfast hatte es Best bereits zu begrenztem Ruhm gebracht, jetzt galt es, Großbritannien zu erobern. Der Tag, an dem dies geschah, war der 30. September 1964 und die Bühne dafür war intelligent gewählt. Denn ausschließlich London war es, wo die wirklich wichtigen Schlagzeilen produziert wurden, und damals, als es im Fernsehen nur sehr wenig Fußball zu sehen gab, war der Einfluss der gedruckten Sportberichterstattung noch ungleich größer als heute. Da traf es sich gut, dass ManUnited, nach allenfalls mittelprächtigem Saisonstart, beim ungeschlagenen Tabellenführer Chelsea antreten musste, schon damals der Lieblingsverein der Londoner Bohème und Society. Vor 60.000 Zuschauern, die angesichts seiner schon aufreizend arroganten Dribblings bald johlten wie beim Stierkampf und ihn schließlich mit Standing Ovations verabschiedeten, lieferte Best ein Spiel ab, dass mit Sicherheit zu den fünf besten seiner Karriere zählt. Er treibt seinen direkten Gegenspieler Ken Shellito in einen Wahnsinn, von dem sich dieser niemals erholen sollte. Er umkurvte mühelos zwei, drei Gegner und setzte dann zu seltsamen Doppelpässen an, indem er den nächsten Kontrahenten einfach in voller Absicht anschoss. Er erzielte auch ein eigentlich unmögliches Tor, in dem er sich in einen Rückpass von Hinton zu Keeper Bonetti mogelte. Best bot all das und noch mehr, aber er machte es anders, selbstverliebter, kreativer und dreister als die unzähligen Fummelkönige, die es immer schon gegeben hatte und die sich an einem guten Tag auch in einen Trancezustand spielen konnten, in dem sie nicht aufzuhalten waren.



Auf unbewusste Weise brachte er die jugendliche Spiel- und Lebensfreude, die diese Ära in der Rückschau so besonders machen, zum Ausdruck. Er packte den Zeitgeist, der gerade im Begriff war, London zur wichtigsten Stadt der Welt zu machen, bei den Hörnern und spielte ihm frech den Ball durch die Beine. Sein Auftritt, der die Selbstsicherheit dessen, der einfach weiß, dass er über Klasse und Charisma verfügt, mit rotziger Aufmüpfigkeit gegen tausend bisher nicht hinterfragte Konventionen paarte, war der vielleicht erste zaghafte Ansatz, die Subkulturen des Fußballs und des Pop zueinander finden zu lassen. Und die hatten bis dahin kaum Berührungspunkte. Noch kurz vor der WM 1966 kokettierten die Beatles damit, keinen einzigen Spieler des englischen Teams mit Namen zu kennen. »A Star is born«, an diesem Herbsttag galt die ausgelutschte Floskel wirklich. Die bright young things der Popwelt nahmen Best mit offenen Armen auf. Und ihre Fans erst recht. Von nun an ging alles rasend schnell, blieb nichts mehr, wie es war. Und Matt Busby ahnte wohl, dass es schon bald Probleme geben würde.

Die Hochzeit der »Holy Trinity«

Best würde nie der alleinige Star seiner Mannschaft sein, was jetzt begann, war die Hochzeit der »Holy Trinity«. Die älteren, traditionellen Fans bewunderten Bobby Charlton, der als unreifer Junge nach Belgrad flog und als Mann, der ein Team zu führen hatte, zurückkehrte. Er war unsagbar schüchtern, aber seine Noblesse, die stille Demut, mit der er dem von Matt Busby vorgegebenen Ziel diente, die Würde, mit der er das Gelübde von München mit jeder Faser seines Körpers lebte, ohne große Worte zu verlieren, hoben ihn auf einen Sockel, auf dem er bis heute steht. So jemand duldete natürlich keinerlei Schlendrian und auch Bests Neigung, auf dem Spielfeld gern zu vergessen, dass Fußball ein Mannschaftssport ist, blieb ihm suspekt.

Vorprogrammiert war daher, dass die beiden regelmäßig aneinandergerieten. Charlton strafte durch demonstrative Verachtung. Zwischen ihnen stand der Schotte Denis Law, der mal der einen, mal der anderen Partei zugeneigt war. Der überhaupt ein bisschen schizophren wirkte. Einerseits ein rührender und völlig gesittet lebender Familienmensch, der sich aber immer mal wieder in emotionale Ausnahmezustände hineinsteigerte, um seinem irrationalen Hass auf England im Allgemeinen und die englische Nationalmannschaft im Besonderen Zucker zu geben. Auf dem Spielfeld meistens ein begnadet lauffauler Abstauberkönig, der aber bei besonderen Anlässen auch Sololäufe im Repertoire hatte, die die von Best noch in den Schatten stellten. Der bei seinem Kurzaufenthalt in Italien möglicherweise auch Schauspielunterricht genossen hatte, denn so gockelhaft überheblich stolzierte zu dieser Zeit kein zweiter Spieler über ein britisches Fußballfeld, was dem privat wohltuend selbstironisch auftretenden Mann krass widersprach. Aber zuerst und zuletzt war er »the King«, schon weil er die meisten und wichtigsten Tore schoss.

Der beste Platz ist immer neben der Damentoilette

Ein wichtiges Datum in der Fußballtrivialgeschichte Manchesters war der August 1965. Da verpflichtete City nämlich Mike Summerbee, in dem Best den idealen »drinking buddy« fand. Man freundete sich schnell an und machte gemeinsam die Stadt unsicher. Alles noch völlig harmlos und aus heutiger Sicht rührend naiv. Zunächst bevorzugte man jene Coffeebars, in denen Heerscharen von Büromäuschen ihre Mittagspause verbrachten. Best war da noch kein Anmachertyp, hatte jedoch schnell heraus, dass er bei Frauen Mutterinstinkte weckte. Die Affären waren zahlreich, aber noch frei von Komplikationen, nicht zuletzt deshalb, weil zu dieser Zeit die Pille frei zugänglich wurde. Bald darauf erweiterten die beiden immer topmodern gekleideten und mit ausgesuchter Höflichkeit auftretenden Kicker ihr Jagdrevier um Manchesters Nobeldisco »Le Phonographe«, wo auch die örtliche Halbwelt verkehrte. Sie trauten sich noch nicht, jemanden anzusprechen, weil sie sich für ihre provinziellen Dialekte schämen, postieren sich aber stets strategisch günstig neben der Damentoilette, wo die Mädels ja vorbeikommen mussten. Bests späteres Verhängnis, sich weit weniger für die Teenies, die sich an den Fenstern von Uniteds Mannschaftsbus die Näschen plattdrücken, zu interessieren, als für ältere Frauen, die oft mit Typen verheiratet waren, die ihm wirklichen Ärger machen konnten, nahm hier seinen Anfang.



Und weil Manchester ein großes Dorf war, wusste Busby immer bald alles. Die Standpauken, die er seinem Lieblingsschüler mit gütiger Strenge erteilte, wurden länger und intensiver. Exakt 276 Tierfiguren befanden sich auf dem Tapetenmuster der Rückwand von Busbys Büro, weiß Richard Kurt (in »Red Devils – A History of Man United’s Rogues and Devils«) zu berichten, denn Best hatte sie bei diesen, äußerlich mit stoischer Gelassenheit ertragenen Appellen an seine Vernunft immer wieder stumm durchgezählt. Nun eröffneten Best und Summerbee gemeinsam ihre mythenumrankte Boutique »Edwardia« im südlichen Vorort Sale. Es dürfte wohl nur wenige andere Herrenausstatter gegeben haben, deren Kundschaft sich fast ausschließlich aus überwiegend minderjährigen Mädchen rekrutierte. Während Summerbee später ein echtes geschäftliches Interesse an Mode entwickelte und heute sein Geld mit der Herstellung maßgeschneiderter Hemden verdient, gestand Best freimütig, dass pulling birds sein Hauptmotiv für die finanzielle Beteiligung gewesen sei. Folglich investierte er später noch in weitere Klamottenläden.

Paralleluniversum von Sex, Pop und Fußball

Für eines der beiden Lokalderbys der Saison 1966/67 gab der »Daily Express« eine Farbsonderbeilage heraus. Unter der Headline »March of the Mods« posierten die beiden Jungunternehmer vor dem Shop und strahlten coole Selbstsicherheit aus. Summerbee sah in seinem dezent hellblauen Outfit tatsächlich wie der perfekte Mod aus und hätte auch neben Steve Marriott bestehen können. Best, der die deutlich längeren Haare hatte, trug ein ockergelbes Sakko, einen schwarzen Rollkragenpullover, enge schwarze Hosen und schwarze Stiefeletten. Für einen deutschen Betrachter waren das Bilder aus einem Paralleluniversum, in dem Fußball tatsächlich etwas mit Sex und Pop zu tun hatte.

Best wurde zu jener Zeit von United mit 125 Pfund in der Woche entlohnt, und durch Nebeneinnahmen kam ungefähr noch einmal die gleiche Summe herein. Auf Empfehlung Denis Laws beschäftigte er mit Ken Stanley einen Agenten, der drei Sekretärinnen brauchte, um die einlaufenden Angebote zu sondieren. Jeder wollte sich mit Bests Namen schmücken, und in dessen Vokabular war das Wort »nein« so gut wie nicht vorhanden. Also verfassten Ghostwriter die ersten Kolumnen, in denen George sich kenntnisreich über Mode, Musik, Autos und gelegentlich auch Fußball äußerte. In Anzeigen und später auch TV-Spots wurde für Rasierwasser, Fußballschuhe der Marke Stylo, Kaugummi, Regenschirme und Unmengen von Klamotten geworben. Er absolvierte erste Auftritte auf dem Laufsteg und machte dabei eine ebenso gute Figur wie beim Besuch in der Musikshow »Ready, Steady, Go!«.



Um Busby, der es wie alle Manager seiner Generation gerne sah, wenn Spieler mit spätestens 20 eine Sandkastenfreundin ehelichten, zu besänftigen, titulierte er jedes zweite Girl, mit dem er sich drei Tage herumtrieb, als »Verlobte«. Nur wenn Stanley todsichere Tipps für langfristige Geldanlagen unterbreitete, stellte Best die Ohren auf Durchzug, was er später bitter bereute und, infantil wie er nun einmal war, United, das ihn besser hätte absichern sollen, zum Vorwurf machte. Die oft demütigende und seinen Untergang mit Sicherheit beschleunigende Tingelei der letzten 20 Jahre wäre zu vermeiden gewesen, wenn er nur ein bisschen besser vorgesorgt hätte. Aber auch in jener Zeit, als er im Duo mit Rodney Marsh den Elefantenfriedhof des Public Speaking Circuit unsicher machte und sich bei Sky TV als Gastkommentator verdingte (und das waren noch die seriöseren Jobs), bewahrte er sich zumindest so viel Klasse, nicht – wie etwa Jimmy Greaves – unter seinem Namen eines jener hyperpeinlichen »Alkohol ist keine Lösung«-Bekenntnisbücher schreiben zu lassen.

1968: Drei schneeweiße Jaguars

Aber in den Midsixties kam die Kohle in rauen Mengen herein und wurde auch gleich wieder mit beiden Händen unter die Leute gebracht, was aber kaum verwunderte, denn in Manchester wurde ja schließlich der Kapitalismus erfunden. So folgten beispielsweise auf den himmelblauen Sunbeam Alpine, der auf unzähligen Fotos verewigt ist, in rascher Folge immer schnellere und schnittigere Karossen. Allein im Jahr 1968 arbeitete sich Best durch drei schneeweiße Jaguars. Und Papa Dickie, der immer sein größter Fan bleiben wird, bekam einen Fish-and-Chip-Shop spendiert, damit er aus der Knochenmühle seines Werftarbeiterjobs heraus kam. Kaum zu glauben, aber wahr: Best war vermögend und einer der populärsten jungen Männer des Landes, hauste aber immer noch in einem Pensionszimmer und musste sich für seine Sauftouren und amourösen Eskapaden davonstehlen wie ein Pennäler auf Klassenfahrt.

Für ihre One Night Stands mieteten er und Summerbee, der von City ähnlich karg untergebracht war, zwar ein Apartment an, dennoch blieb er der schrulligen Mrs. Fullaway, bei der United seit Menschengedenken auswärtige Nachwuchsspieler einquartierte, fast zehn Jahre lang treu. Erst 1970 ging er einem total durchgeknallten Stararchitekten auf den Leim, der mit Bests Geld sein Traumhaus baute, für das »futuristischer Albtraum« noch eine dezente Beschreibung war. Innen war, wie in einer James-Bond-Parodie, alles vollautomatisch, aber wenn man auf den Knopf drückte, durch den die Jalousien herabsinken sollten, lief die versenkbare Badewanne voll. Und da der einstöckige Kasten an allen Seiten hohe Panoramafenster hatte, blieb auch sein häusliches Leben schön transparent, denn im Vorgarten kampierten immer irgendwelche Mädels, die obendrein die Goldfische aus dem von einem Landschaftgärtner angelegten Teich klauten.

Ein Rebell war er dann doch nicht

Nein, ein Rebell, wie so oft vorschnell behauptet, war Best dann wohl doch nicht, dazu hatte er es sich viel zu lange auf Kosten anderer viel zu gut gehen lassen. Aber er hat sich, ob aus purem Trotz oder weil er wie Peter Pan einfach nicht erwachsen werden konnte, nach dem Ende seiner aktiven Zeit gleich freiwillig in die Schmuddelecke getrollt und dabei konsequent eine Verweigerungshaltung durchgehalten, die ihn eben nicht so werden ließ, wie es von einem Spieler seiner Klasse und Bedeutung eigentlich erwartet wurde, wie die Pelés, Platinis, Cruyffs und Beckenbauers, die alle auf ihre Weise daran mitgewirkt haben, dass der internationale Spitzenfußball kaum noch mehr ist als der beliebige Zweig einer immer entseelteren Entertainmentindustrie, die sich wie ein Krebsgeschwür unaufhaltsam um die Welt frisst. Ein paar Tage nach Bests Tod fand das als WM-Gruppenauslosung getarnte Zombietreffen statt, bei dem einige Altstars (Pelé natürlich vorneweg), vorgeführt wie die Tanzbären, mal wieder brav Pfötchen geben und ihr Sprüchlein aufsagen durften. Da war es schon lustvoll, sich mal kurz vorzustellen, welch herrlichen Eklat es gegeben hätte, wenn mitten in der peinlichen Show Bestie gut angeballert dahergewankt gekommen wäre, um Hallo zu sagen und dem ewig grinsenden Model, das genau seiner Kragenweite entsprochen hätte, seine Aufwartung zu machen.

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