Zum 20. Todestag von Maurice Banach

Muckis Buden

Maurice Banach galt einst als eines der größten Talente im deutschen Fußball. 1990 wurde er im Trikot von Wattenscheid Zweitligatorschützenkönig, beim 1. FC Köln schoss er 24 Tore in 49 Spielen. Heute vor 20 Jahren starb er bei einem Autounfall. Eine Erinnerung. Zum 20. Todestag von Maurice Banachimago

Die Sonne scheint durch die Straßen von Münster, durch die Fenster dieses Hauses, durch das Wohnzimmer von Claudia Banach. Es ist ein guter Tag zum Fußballspielen, ein guter Tag um mit den Kindern nach draußen zu gehen. Ein Tag im Herbst. Es ist der 17. November 1991 und Claudia Banach steht am Telefon. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten hat sie nun den Telefonhörer abgenommen. Wieder meldet sich ein Bekannter, und wieder endet das Gespräch in einem Smalltalk. Sonst nichts. Ein wenig unwirklich. Sie legt den Telefonhörer auf die Gabel.

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Prompt klingelt es erneut. Der Anrufer will ihren Vater sprechen. Er ist der erste, der sich traut, von dem Unglück zu berichten. Maurice Banach ist bei einem Autounfall auf der A1 bei Remscheid in Höhe der Autobahnraststätte Remscheid ums Leben gekommen. Er war gegen 8:27 Uhr mit seinem Opel Omega frontal gegen einen Brückenpfeiler gerast und im brennenden Autowrack gestorben. Die Uhr steht auf kurz nach 11. Die Zeit steht still. Vier Stunden zuvor hatte sich Maurice Banach, den alle nur »Mucki« nennen, bei seiner Frau mit den Worten verabschiedet: »Ich fahre allein zum Training, bleibt ihr ruhig hier. Ich bin gegen Mittag wieder hier.«

Jörg Berger scheucht seine Mannschaft an jenem Sonntagmorgen über den Platz. Der 1. FC Köln war am Vortag 0:3 gegen den FC Schalke unter die Räde gekommen. Banach sagte nach dem Spiel, dass er nicht mit der Mannschaft nach Köln fahren werde, sondern einen Abstecher in seine alte Heimat Münster machen wollte. Berger erlaubte es ihm.

Minuten wie ein ganzes Leben

Das Training ist fast vorbei, als ein Polizist den Rasen betritt. »Hat Maurice Banach heute mittrainiert?«, fragt er Kölns Trainer. Als Berger verneint, eröffnet ihm der Polizist, dass der Stürmer vermutlich bei einem Autounfall gestorben sei. Berger dreht sich um. Dann geht er in die Kabine. Die Mannschaft folgt ihm. Minuten der Stille, die sich anfühlen wie Stunden, wie Tage, wie ein ganzes Leben.

»Wenn man dieses fürchterliche Unglück sieht, erkennt man, dass es andere Dimensionen als den Sport gibt«, sagt Pierre Littbarski in der Presse. Andere Spieler sagen auch etwas. Doch die Worte sagen eigentlich nichts. Nichts kann das Geschehene beschreiben. Das Spiel am kommenden Wochenende gegen Dynamo Dresden sagt der Klub ab. Zwei Wochen später geht es gegen den VfL Bochum. Köln gewinnt durch ein Tor von Ralf Sturm. 13.000 Zuschauer sind im Stadion. Es jubelt kaum einer.  

Maurice Banach war im Sommer 1990 für 1,2 Millionen Mark zum 1. FC Köln gewechselt. Zuvor hatte er für Wattenscheid 09 Tore am Fließband geschossen, in der Saison 1989/90 war er 21 Mal erfolgreich und damit nicht nur Torschützenkönig geworden, sondern auch eine der heißesten Personalien auf dem Bundesliga-Transfermarkt. Die halbe Bundesliga soll hinter ihm her gewesen sein, und Berti Vogts, damals Co-Trainer der deutschen Nationalmannschaft, sagte: »Im Strafraum gehört er zu den allerbesten.« In Köln setzten sie ein Siegerlächeln auf, als sie den Zuschlag erhielten. Nicht Pierre Littbarski oder Frank Ordenewitz würden ihnen eine goldene Zukunft bescheren, sondern Maurice Banach. Sie waren sich sehr sicher.

Dieser unbedingte Wille, ein Tor erzielen zu wollen

Wenn der schlaksige Stürmer den Ball in den kommenden Wochen und Monaten für den FC ins Tor bugsiert, beschleicht den Zuschauer nicht das Gefühl vom großen Rasenzauber oder vollendeter Brillianz. Die Tore erinnern ihn vielmehr wieder daran, dass Fußball ein sehr einfaches Spiel ist. Im Pokalfinale 1991 gegen Werder Bremen erzielt Banach etwa ein Tor, das im ersten Moment spektakulär aussieht – er trifft in der 62. Minute per Seitfallzieher –, in Wahrheit schlichtweg einen Stürmer zeigt, der das immer komplexer werdende Spiel auf seine eigentliche Idee runterbricht: Ball, Schuss, Tor. In diesem Pokalfinale segelt eine Flanke in der 62. Minute über Freund und Feind hinweg in den Strafraum, Pierre Litbarski legt mit dem Kopf ab, Maurice Banace dreht sich und trifft, halb im Fallen, halb im Flug. Es ist sein achtzehntes Pflichtspieltor, das er in seiner ersten Saison für den FC erzielt.

War Maurice Banach betrunken? Blendete ihn die Sonne?

Und so geht es weiter. Bis zu jenem Spiel auf Schalke am 16. November 1991 führt er die Torjägerliste der Bundesliga an. Banach tänzelt immer noch nicht, er spielt nicht Hacke, er macht keine Übersteiger. Er schießt einfach. Immer wieder. Ball, Schuss, Tor. Im September 1991 geht es gegen seinen Ex-Klub Wattenscheid 09. Wieder ein Anspiel an die Strafraumgrenze, wieder stehen mehr Gegen- als Mitspieler um ihn herum. In Sekundenbruchteilen erkennt Banach die Situation, eine Drehung, und dann zimmert er den Ball mit links einfach unter die Latte. Am 12. Oktober 1991 gegen den MSV Duisburg bekommt er ein Anspiel über 25 Meter, dieses Mal lauern zwei Gegenspieler. Banach nimmt den Ball mit rechts an und schießt den Ball mit links in den Winkel. Sucht man nach gegenwärtigen Vergleichen, fallen einem Spieler wie Ruud van Nistelrooy oder Thomas Müller ein, die beiden diesen Drang zum Tor und diese Simplizität des Spiels vereinen.

Seine letzten Tore schießt Maurice Banach am 9. November beim 4:1-Heimspielsieg gegen Fortuna Düsseldorf. Der große Triumph gegen den Rivalen vom anderen Rheinufer.

Doch ist Banach auch einer, dem das Licht der Bundesliga manchmal ein wenig zu grell scheint. Das zeigt sich schon im Jubel. Er zelebriert seine Tore nicht. Er reißt für gewöhnlich einfach die Arme hoch oder ballt die Faust. Auch für diese Bodenständigkeit schätzt man ihn. Abseits des Platzes gilt er als ruhig, manchmal schüchtern. Später steht in der Todesanzeige, die sein Klub im Kölner Stadtanzeiger veröffentlicht: »Maurice genoss durch seine ruhige, besonnene, zurückhaltende, aber zugleich fröhliche Art allgemeine Wertschätzung.«

War Maurice Banach betrunken? Blendete ihn die Sonne?

Es gibt ein Video, das ihn drei Monate vor dem Unfall nach einer Trainingseinheit zeigt. Er schlendert vom Platz, die Kinder recken ihm Stifte und Zettel entgegen, er unterschreibt artig, doch irgendwie abwesend. Er heuchelt kein übersteigertes Interesse, aber wirkt auch nicht arrogant. Er scheint schlicht wie der Junge von nebenan, der Fußball spielt und der es gar nicht so richtig versteht, dass Leute seinen Namen rufen. Wenige Tage vor dem Unfall verlängert der 1. FC Köln seinen Vertrag für drei weitere Jahre. Und wenige Tage vor seinem Unfall sagt er in einem seiner letzten Interviews: »Eines Tages möchte ich nach Irland, das muss wunderbar sein, die Natur, die Luft. Da fahre ich dann nur Fahrrad.« Danach legt sich die bleierne Schwere über den Fußball und das Leben.

Die genauen Umstände des Todes sind bis heute nicht geklärt. Die Presse vermeldete im November 1991, Banach sei mit Restalkohol im Blut von Münster aus losgefahren. Am Abend zuvor sollen er und seine Frau eine Karnevalsparty besucht haben. Banachs Frau zweifelte die Blutwerte allerdings erfolgreich vor Gericht an. Andere Theorien besagen, dass der Spieler an jenem Morgen von der aufgehenden Sonne geblendet wurde und die Kontrolle über das Auto verlor.

»Ich müsste mir ja keinen neuen Mann kaufen«

Vor zwei Jahren ging Claudia Banach noch einmal an die Öffentlichkeit. Über diverse Kölner Zeitungen monierte sie, dass sich der Klub nach dem Unglück nie um die Hinterbliebenen gekümmert habe. »Sie waren sich damals schon zu fein auf die Trauerfeier in einer Gaststätte zu kommen. Die FC-Delegation ging in ein Fünf-Sterne-Hotel«, sagte sie bei einem Treffen im FC-Stammtisch, später wurde sie so in der »Bild«-Zeitung zitiert. Auch wurden Details über eine Versicherung öffentlich, die der Klub für die Familie abgeschlossen hatte. »Der Geschäftsführer Wolfgang Schänzler zahlte mir nur einen kleinen Teil. Die Begründung: Ich müsste mir ja keinen neuen Mann kaufen, der FC aber einen neuen Stürmer«, sagte Claudia Banach.

Heute lebt sie mit ihren Kindern in Münster. Sie ist wieder verheiratet. An der Unfallstelle ist sie nie wieder vorbeigefahren. Wenn sie von Münster aus Richtung Köln unterwegs sind, nimmt sie immer die A 43 statt die A1.

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