Zulu-Krieger schmeißt Zähne weg

»Eine gottverdammte Lücke«

Nach einem Treffer im Finale des Afrika-Cups 1996 kommt es zu einer grausigen Szene: Südafrikas Torjäger Mark Williams reißt sich die Schneidezähne heraus. Sein damaliger Mitspieler Mark Fish erinnert sich. Zulu-Krieger schmeißt Zähne wegPaul Paetzel
Heft #91 06/2009
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Es gab schon immer Zulu-Krieger in Südafrika. Und die heutige Generation der Zulus besticht nicht weniger als früher durch ihre Stärke, ihre Leidensfähigkeit, ihren Kampfgeist. Als 1996 der Afrika-Cup in unserem eigenen Land stattfand, war auch der Zulu Mark Williams für den Kader nominiert worden. Gerne hörten wir ihm zu, wenn er sich an seine wilde Jugend erinnerte. Es waren die Berichte aus einer anderen Welt. Einmal erzählte er uns, dass er sich früher von seinen Kumpels absichtlich die Schneidzähne herausschlagen ließ. Es war wohl eine Art Mutprobe: Seht her, ich bin ein Zulu, ich kenne keinen Schmerz.

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In unserer Mannschaft war Mark Williams immer sehr beliebt, er war ein Kindskopf. Vielleicht so wie Lukas Podolski in Deutschland: Immer für einen Spaß zu haben, immer am Lachen. Der Afrika-Cup sollte schließlich sein Turnier werden. Er hätte sich wahrscheinlich auf die Schenkel geschlagen, hätte man ihm vorher gesagt, er würde Torschützenkönig werden. Doch gleich im ersten Spiel gelang ihm ein Tor gegen Kamerun, in der zweiten Partie erzielte er den Siegtreffer gegen Angola. Wir spielten uns in einen wahren Rausch mit Mark an vorderster Front. Im Halbfinale war Ghana der klare Favorit, doch wieder wirbelte unsere Angriffsreihe alles durcheinander, und wir gewannen sensationell mit 3:0. Vor dem Finale gegen Tunesien sagte Mark zu mir, heute werde sein Tag. Noch nie habe er so viele Menschen begeistern können, die Massen liebten ihn, und heute werde er Südafrika zum großen Triumph führen. Doch Trainer Clive Barker sah ihn im Finale – zu unserer aller Überraschung – nicht unter den ersten Elf, Mark musste auf der Bank Platz nehmen.

Kurz vor dem Anpfiff ging ich zu ihm, er wirkte abwesend, enttäuscht. Ich schrie ihn an, er solle jetzt den Kopf nicht hängen lassen, er bekomme heute seine Chance bestimmt noch – und dann werde er es allen zeigen können. »Du musst kämpfen«, brüllte ich, »du bist doch ein Zulu!« Doch Mark schaute mich nur traurig an. Das Finale gegen Tunesien begann schleppend. Es war deutlich zu sehen, dass uns Mark als letzte Anspielstation fehlte. Wir hatten in der ersten Halbzeit kaum eine Torchance. In der 65. Minute war es dann endlich soweit: Mark wurde für Phil Masinga eingewechselt. Als er an mir vorbeilief, fauchte er. Es dauerte keine zehn Minuten – und Mark erzielte das wichtige 1:0. Wahnsinn! Als die Tunesier anstießen, kamen wir sofort wieder an den Ball, ein Pass in die Spitze – und Mark erhöhte auf 2:0.

Mein Herz schlug mir fast aus der Brust. Ich riss die Arme hoch und schrie, spurtete hinter Mark her, den jetzt nichts mehr hielt. Dann sah ich von hinten, wie er seinen Kopf auf die Brust legte und im nächsten Moment mit einer weiten Ausholbewegung etwas von sich weg schmiss. Er wurde endlich langsamer und drehte sich um. Als ich ihn endlich in die Arme schließen wollte, grinste er mich an – ohne Schneidezähne! Er hatte eine gottverdammte Lücke im Gesicht! Die ganzen Jahre nach seiner Prügelei trug er nun schon eine Prothese, eine Zahnbrücke inmitten seines Lächelns. Noch nie hatte ich ihn ohne seine Zähne gesehen, es sah einfach nur schrecklich aus.

Ich packte mir seinen Kopf und schüttelte ihn, ich war außer mir. Er hatte sich seinen großen Traum doch noch erfüllt und konnte wieder lachen – wenn auch ohne Zähne.

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