Zu Gast bei den parteiischsten Sportzeitungen der Welt

Die rasenden Reporter

Selbst das härteste Duell zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona ist nach spätestens 120 Minuten vorbei. In den Redaktionen ihrer Zentralorgane aber dauert der Clasico das ganze Jahr. Ein Besuch bei »Mundo Deportivo« und »As«.

Christiane von Enzberg
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Gegen Mitternacht kocht Tomas Roncero vor Wut. Ist schließlich ein Skandal, was sich gerade zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona abgespielt hat. Platzverweis gegen Sergio Ramos, Reals Verteidiger. Zwei der drei Tore von Lionel Messi durch Elfmeter. Merkwürdig! Roncero, der Fußballreporter, wittert eine Verschwörung.

Er lässt sich eine Kamera bringen, direkt vor seinen Schreibtisch, mitten im Großraumbüro der spanischen Sportzeitung »As«. Um ihn herum hämmern die Kollegen auf ihre Tastaturen. In einer Stunde ist Redaktionsschluss. Aber Roncero, 48 Jahre alt, kann jetzt nicht schreiben. Er muss erst seinen Frust loswerden über Reals 3:4-Niederlage und die aus seiner Sicht seltsamen Begleitumstände. Also beginnt er, in die Kamera zu sprechen. Sie ist in den nächsten fünf Minuten sein Ventil. Es folgt eine Wutrede, die an zwei Personen gerichtet ist: Alberto Undiano, den Schiedsrichter des Spiels. Und Victoriano Sanchez Arminio, den Schiedsrichterchef der Primera Division.

Niemand kann die Eruption stoppen

Roncero beginnt gefasst, einsichtig. »Keine Frage, Barça hat gut gespielt. Für sie ging es um alles, klar.« Pause. »Aber …« Roncero holt tief Luft. »Die Hälfte der Barça-Tore kam durch Elfmeter zustande – kurios.« Er redet über einige andere strittige Szenen: Handspiel von Cesc Fabregas, Foul von Gerard Pique an Gareth Bale im Strafraum. Nie gab es Elfmeter für Real. Roncero gerät in Rage. Irgendwann fährt er mit der rechten Hand über seinen linken Oberarm, als würde er einen Fussel abstreifen. »Das war es, was Sergio Ramos bei Neymar gemacht hat. Mehr nicht! Und Undiano? Gibt Rot. Da veränderte sich der Clasico! Veränderte sich die Liga! Veränderte sich das Leben!«

Nun bricht es vulkanartig aus Roncero heraus. Niemand kann seine Eruption stoppen. »Undiano hat vor einigen Jahren schon einmal den Verlauf einer Meisterschaft verändert. Welch Zufall!« Roncero reißt seine tiefbraunen Augen weit auf, gestikuliert wild mit den Händen, und mit zigarettengeteerter Stimme bellt er: »Ganz ruhig Victoriano. Die Liga ist deine. Schon seit vielen Jahren. Aber deine Liga ist nicht die wahre Liga. Und wir Madridistas wissen das.« Weitere Tiraden gegen Sanchez Arminio folgen. Bis Roncero mit den Worten schließt: »Que penita me das, Victoriano.« Du tust mir echt leid, Victoriano. Dann klopft er sich mit der Hand aufs Herz und wendet sich von der Kamera ab.

El Clasico. Real Madrid gegen den FC Barcelona. Spanien spielt verrückt. Und mittendrin die vier großen Sportzeitungen des Landes: »As« und »Marca« aus Madrid, »Mundo Deportivo« und »Sport« aus Barcelona. Jedes Blatt hält mehr oder minder fanatisch zum Team aus der eigenen Stadt. Zusammen kommen sie im Durchschnitt auf knapp eine Million verkaufte Exemplare – pro Tag. Ihre Reichweite ist aber deutlich größer, weil die Zeitungen so gut wie immer in den Bars ausliegen, wo sie von mehreren Menschen gelesen werden.

Man stelle sich vor, Werner Hansch würde poltern

Auf dem Platz mögen Cristiano Ronaldo und Lionel Messi die Stars sein. Produziert werden die Schlagzeilen jedoch von Menschen wie Tomas Roncero, Carmen Colino, Joan Poqui oder Francesc Perearnau. In ihren Köpfen ist stets Clasico. Real gegen Barcelona, an 365 Tagen im Jahr. Wenn die beiden Giganten des Weltfußballs aufeinandertreffen, geht es in den Zeitungen mindestens genauso hitzig zu wie auf dem Rasen. Mit ihren Meinungsbeiträgen polarisieren die Journalisten, heizen die Atmosphäre auf. So funktioniert Zeitung in Spanien. Man kauft sich ein bestimmtes Blatt, um seine Meinung zu bestätigen. Nicht, um sich eine Meinung zu bilden.

Wer begreifen will, warum der Ton bei »As« oder »Mundo Deportivo« ist, wie er ist, muss die Journalisten verstehen, die dort arbeiten. Wer sind sie? Was bewegt sie? Wie viel Authentizität steckt in den Beiträgen? Wie viel ist Show? Um die Auflage in die Höhe zu treiben. Zeitungen sind immer auch Abbilder der Menschen, die sie machen. Nicht nur in Spanien.

Wer ist also dieser Mann, der vor laufender Kamera wütet, Schiedsrichter und den Verband kritisiert und Verschwörungstheorien andeutet? Also Dinge tut, die woanders fremd erscheinen. Man stelle sich vor, Werner Hansch würde nach einem Spiel zwischen Schalke 04 und dem FC Bayern poltern: »Und Gagelmann? Gibt Rot. Da ver­änderte sich die Bundesliga! Veränderte sich das Leben! Du tust mir echt leid, Herbert Fandel!«

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