Am Ende herrschte großes Durcheinander, und man könnte wieder mal über die Unverhältnismäßigkeit eines Polizeieinsatzes diskutieren oder darüber, wie man sich als Fußballfan in der Masse verhält. Es stehen Aussagen gegen Aussagen. »Die Polizei hatte richtig Lust, das eskalieren zu lassen«, sagt Christian Mössner von den »Ultras Nürnberg«. »Durch das besonnene aber konsequente Zusammenwirken aller eingesetzten Kräfte konnte die Situation entschärft werden«, heißt es im Polizeibericht.
Was der Sache dieses Mal eine neue Qualität verleiht: Es war alles vorhersehbar. Eintracht Frankfurt hatte ein Bundesligaspiel sicher machen wollen – und das Gegenteil bewirkt.
200 Kilogramm Pyrotechnik?
Es begann am 3. Februar. Oliver Lerch, der Sicherheitsbeauftragte von Eintracht Frankfurt, erhielt an diesem Tag Informationen der Polizeistellen in Frankfurt und Nürnberg, wonach FCN-Ultras in Tschechien über 200 Kilogramm Pyrotechnik geordert hätten.
Am 5. Februar ging Lerch mit diesen Infos ins Sicherheitsgespräch für das anstehende Heimspiel gegen den »Club«. Es wurde über Maßnahmen diskutiert. Etwa über eine neue Kamera, die schon beim Spiel gegen 1899 Hoffenheim testweise eingesetzt worden war. Mit dieser modernen hochauflösenden Kamera ist es möglich, sämtliche Stellen eines Stadions gestochen scharf abzufilmen. Beim Spiel gegen den FCN sollte sie ausschließlich auf den Gästeblock gerichtet sein. Ein Verbot von Fanutensilien stand bei diesem ersten Gespräch noch nicht zur Debatte, sagt Lerch.
Am 6. Februar erhielt er allerdings erneut einen Anruf von der Frankfurter Polizei. Laut ihren Informationen würden Nürnberger Fans die eigene Blockfahne als Sichtschutz nutzen, um hinter dieser ungestört die Pyrotechnik abzufackeln. Am 7. Februar, zwei Tage vor dem Spiel, wies Eintracht Frankurt auf seiner Vereinshomepage auf »größere Sicherheitsstörungen und Auseinandersetzungen der Fanlager« hin.
Verhalten im Krisengebiet
Nun erfuhr die Öffentlichkeit zum ersten Mal von anstehenden Maßnahmen. Der Verein verbot den Gästeanhängern – und zwar nicht nur den Ultras, sondern sämtlichen Fanklubs – ihre Fahnen, die Reederei verbot ihnen die geplante Schiffsanreise nach Frankfurt. Wegen Hochwasser. Tatsächlich stand das Wasser in der Woche über dem Normalniveau, die Meldung auf der Eintracht-Homepage ließ allerdings darauf schließen, dass bereits diese Anreise Konfliktpotenzial geborgen hätte. Im nächsten Satz hieß es nämlich: »Nach hiesiger Einschätzung könnte es weitere provokative Aktionen dieser Gruppierung geben. Unser Maßnahmenkonzept ist darauf abgestimmt, diesen gezielt entgegen zu wirken.«
Der Ton erinnerte im Ganzen an Nachrichten des Auswärtigen Amtes, wenn dieses über das Verhalten in Krisengebieten informiert. Die Meldung schloss mit den Worten: »Wir bitten Sie, auch zu Ihrer Sicherheit, nach Spielende zügig Ihre Heimreise anzutreten.«
Heino Hassler vom Fanprojekt Nürnberg war irritiert. »In den vergangenen Jahren haben sich die Nürnberger Ultras kaum etwas zu schulden kommen lassen«, sagt er. Die Ultragruppen der beiden Vereine seien zwar nicht die besten Freunde, bei Spielen in Frankfurt sei es allerdings seit beinahe fünf Jahren zu keinen erwähnenswerten Zwischenfällen mehr gekommen. Damals, im April 2008, hatten Fans vermehrt Pyrotechnik abgefackelt, das Spiel musste für 20 Minuten unterbrochen werden.
Fans mit Pfefferspray?
Auch die Nürnberger Ultras waren irritiert, schließlich hatten die Bundesligavereine, auch Eintracht Frankfurt, in den vergangenen Wochen zur Ruhe und Mäßigung gemahnt. Es wurde viel über verbale Abrüstung und Gesprächsbereitschaft diskutiert. »Der Dialog war doch gerade erst wieder aufgenommen worden,« sagt Mössner. Das Problem: Die Fans erfuhren dieses Mal erst zwei Tage vor dem Spiel von den Maßnahmen.
Statt mit dem Schiff reisten die Nürnberger mit einem Sonderzug nach Frankfurt. Im Gepäck hatten sie trotz der Verbote ihre Fahnen. »Es wäre sogar ein Leichtes gewesen, sie ins Stadion zu schmuggeln«, sagt Mössner. »Doch wir wollten offen mit der Situation umgehen.«
Hatte die Polizei ein Problem mit den Fahnen?
Ab 13 Uhr warteten die Ultras vor dem Stadion auf den Einlass. Und während hinter ihnen Eintracht-Boss Heribert Bruchhagen rüber zum Lindner Hotel eilte, wagte sich ein Mitglied der Gruppe vor zum Eingang. Er trug eine Fahne mit sich, doch der Ordner schüttelte den Kopf und verwies auf das bestehende Verbot. Danach forderten die Capos der Gruppe ein Gespräch mit Eintracht-Sicherheitschef Oliver Lerch. Der Polizei-Einsatzleiter soll den Ultras zuvor mitgeteilt haben, dass er kein Problem darin sehe, wenn Fahnen mitgebracht werden. Man halte sich lediglich an Vorgaben des Veranstalters: Eintracht Frankfurt.
Lerch wich allerdings nicht von seiner Strategie ab. Das Verbot blieb bestehen. Dabei hätte die Aussage des Polizeieinsatzleiters darauf schließen lassen können, dass die Pyrogefahr gar nicht mehr besteht. Nur: Wurde sie, wie Mössner behauptet, überhaupt getätigt? »Ich kann mir nicht vorstellen, dass unser Einsatzleiter vor Ort irgendetwas in der Richtung gesagt hat«, sagt Polizeisprecher Manfred Vonhausen.
Als die Partie um 15.30 Uhr angepfiffen wurde, herrschte Geisterspielstimmung. Der Auswärtsblock war fast leer. Die Fans, die schon im Stadion waren, verließen den Block und solidarisierten sich mit den Ultras vor den Toren. Es kam, was kommen musste: Die Situation eskalierte.
Pfefferspray von den Fans?
Die Fans unterstützen die Mannschaft von außen, von wo aus sie etwa 20 Prozent des Spielfelds einsehen konnten. Bierbecher und Schlagstöcke flogen. Polizisten ritten auf Pferden an, Fans versuchten über die Zäune ins Stadion zu kommen, Beamte gingen rigoros dazwischen. Später war in verschiedenen Medien von Pfeffersprayeinsatz der Fans die Rede. »Das ist Quatsch«, sagt Mössner.
Einige Fans erlitten Kopfverletzungen, laut Polizeibericht trugen 19 Beamte und zwei Mitarbeiter des Ordnungsdienstes Blessuren davon. »Es war ein gigantisches Polizeiaufgebot«, sagt Heino Hassler. Eintracht-Sicherheitschef Oliver Lerch sieht sich hingegen bestätigt, schließlich wurde »auch auf dem Weg zum Stadion Pyrotechnik gezündet«. Man könne sicherlich fragen, ob diese wegen des Materialverbots gezündet wurde. Aber das sei hypothetisch.
Dabei steht am Ende eigentlich nur eine Frage: Wieso war den Beteiligten nicht klar, dass 500 Leute vor dem Stadion ein größeres Problem darstellen würden als Zaunfahnen im Fanblock?