Zu den Pfiffen der FCK-Fans gegen Srdjan Lakic

Der Feind in seinem Block

Mitten im Abstiegskampf pfeifen die Fans des FCK ihren besten Mann Srdjan Lakic aus. Trainer und Spieler sind entsetzt. Dahinter steht die Frage: Muss die Moral sich den Gepflogenheiten des modernen Fußballs anpassen? Oder muss sie erst recht unerbittlich bleiben? Zu den Pfiffen der FCK-Fans gegen Srdjan Lakic

Werner Melzer ist mit 374 Bundesligaeinsätzen der Rekordspieler des 1. FC Kaiserslautern, der Inbegriff von Vereinstreue. Er ist mit seinem Klub nie abgestiegen. Bei Srdjan Lakic stehen erst 70 Spiele zu Buche, viele werden nicht mehr hinzukommen. Und seine Zeit am Betzenberg könnte mit dem Gang ins Unterhaus enden.

Es wäre eine tragische Geschichte. Eine Geschichte aus der Kluft zwischen Geschäft und Moral.  

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Srdjan Lakic stemmt sich gegen den Abstieg, er kämpft, wie Melzer es einst tat. Aber die eigenen Fans sehen etwas vollkommen anderes in ihm. Das Gegenteil von Melzer. Den Treulosen. Den Verräter. Den gewissenlosen Profi, der dem Ruf des Geldes folgt. Srdjan Lakic ist nicht länger einer von ihnen.

In der Hinrunde liebten sie ihren »Lucky Lakic« noch, da schoss er elf Tore. In der Rückrunde ist er bislang ohne Erfolg geblieben, und parallel dazu konnte der Klub noch keinen Sieg erringen. Srdjan Lakic wirkt etwas glücklos, Bälle verspringen ihm, die ihm vor Jahresfrist noch am Fuß kleben blieben. Solche Phasen hat ein Stürmer manchmal, solche Phasen überwindet er meistens wieder. Dazu braucht er die Unterstützung der Fans. Srdjan Lakic aber bekommt keine Unterstützung mehr.   

Trifft er nicht mehr, weil er nicht mehr treffen will?

Er hat den Feind in seinem Block: Beim 1:1 gegen den HSV pfiffen ihn die eigenen Fans gnadenlos aus, manche beschimpften ihn sogar aufs Wüsteste, als er sich nach dem Abpfiff mit seinen Kollegen in die Kurve begab. Der Grund für ihre zügellose Wut ist nicht allein seine abhanden gekommene Treffsicherheit. Der Grund ist vielmehr, dass Srdjan Lakic zum VfL Wolfsburg wechseln wird. So jemand, das ist ihre irrationale These, trifft nicht mehr, weil er nicht mehr treffen will.

Ende Januar fuhr Srdjan Lakic zur Vertragsunterzeichnung nach Wolfsburg. Er ist nun 27 Jahre alt, kein Stürmer von internationaler Klasse, aber einer der besseren in der Bundesliga. Er tat, was viele in seiner Situation tun: Er nahm den besser dotierten Vertrag an, ein logischer Schritt zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere.

Das Geschäft hat ihn gelehrt, seine Laufbahn in Verträgen zu denken

Werner Melzer wurde in Clausen in der Südwestpfalz geboren. Ihm wäre Wolfsburg wohl zu weit weg gewesen, »dehäm is dehäm«. Srdjan Lakic kam in Dubrovnik im heutigen Kroatien zur Welt. Das Geschäft hat ihn gelehrt, seine Laufbahn in Verträgen zu denken und nicht in Begriffen wie »Heimat«. Dubrovnik, Zagreb, Kamen Ingrad, Berlin, Almelo, Kaiserslautern, nun also Wolfsburg.

Als die Tinte noch trockntete, ließ Srdjan Lakic sich mit Wolfsburgs Manager Dieter Hoeneß ablichten, gemeinsam hielten sie eine VfL-Trikot in die Kamera. Beide hätten gut daran getan, diese Aufnahme nicht machen zu lassen oder sie zumindest bis zum Ablauf der Spielzeit unter Verschluss zu halten. Dieter Hoeneß ist lang genug im Geschäft. Er hätte seinen zukünftigen Spieler schützen müssen. Denn das, was Srdjan Lakic nun gerade widerfährt, war absehbar.      

Doch schon am Folgetag erschien das Foto in mehreren Publikationen (WAZ, Bild, SportBild etc.). Der VfL Wolfsburg stellte es mit einem Artikel auf die Homepage, der die Verpflichtung vermeldete.  Seitdem ist Srdjan Lakic in den Herzen der Lauterer ein Wolfsburger.  

Dass er seitdem auch die Hütte nicht mehr trifft, mag ein Zufall sein. Ein ziemlich dummer zumal. Es mag damit zusammen hängen, dass seine Fans ihm die Liebe entzogen haben. Dass er einfach von der Rolle ist. An seiner Moral liegt es nicht. Srdjan Lakic kämpft um jeden Zentimeter. »Der Junge arbeitet wie ein Verrückter«, bescheinigt ihm Trainer Marco Kurz. Und Mitspieler Christian Tiffert fügt hinzu: »Es ist sehr bitter, dass einem verdienten Spieler so in den Hintern getreten wird.«  

Was sich am Samstag in Kaiserslautern ereignete, erinnert an ein archaisches Stammesritual: Jemand wird aus der Gruppe ausgestoßen. Motto: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Dass sich die Fans, indem sie dem besten Torjäger zum Aussätzigen erklären, selbst in den Fuß schießen, ist ihnen offenbar egal. Sie wollen lieber absteigen, als sich von einem vermeintlichen Wolfsburger zum Klassenerhalt schießen zu lassen. Laut einer aktuellen Umfrage des FCK-Fanforums der-betze-brennt.de wollen 30 Prozent der Abstimmenden Srdjan Lakic auf der Bank sitzen sehen, eine erstaunliche Quote mitten im Existenzkampf. Lieber tot als Tor – ein paradoxer Akt der Selbstzerstörung.   

War er nicht zuvor ein Dubroviker, ein Almeloer, ein Berliner? 

Nun ist Srdjan Lakic also keiner mehr von ihnen. Kein Lauterer mehr. Am Rande seien ein paar Fragen gestattet: War er nicht zuvor ein Dubroviker, ein Almeloer, ein Berliner? Wie kommt ein Spieler wie Srdjan Lakic wohl nach Kaiserlautern, ohne zuvor genau das Sakrileg begangen zu haben, das sie ihm jetzt vorwerfen? Und war nicht klar, dass die Wahrscheinlichkeit seines Abgangs umso größer würde, je öfter er trifft? 

Was für die wütenden FCK-Fans spricht: Ihre Moral ist zwar primitiv, aber sie haben noch eine. Die Beschleunigung des Transfermarkts hat in der Pfalz offenbar noch nicht zu einer Aufweichung der Kategorien geführt.

Wie dehnbar ist Moral? 

Zwei Welten prallen hier aufeinander: Kühle Kostenrechnung und Karriereplanung hier, bedingungslose Vereinsliebe bis zum bitteren Ende dort. Doch bevor sich jemand über Letztere lustig macht: Ist das andere Extrem, Shrimps fressende VIP-Gäste, die nur noch müde mit den Schultern zucken, wenn ein Leistungsträger hinfort transferiert wird, unbedingt wünschenswerter als der Lauterer Groll?

Und wie dehnbar ist Moral überhaupt? Muss sie sich dem Geschäft wirklich anpassen? Oder muss sie – wie gerade beim FCK – umso orthodoxer sein, je moderner die Geschäftsmethoden werden? Kurzum: Darf man Srdjan Lakic an Werner Melzer messen?
 
Fragen, die in einem zentralen Dilemma des modernen Fußballs münden. Vereinstreue ist passé, die Verweildauer von Profis bei ihren Vereinen seit dem Bosman-Urteil auf klägliche 2,33 Jahre zusammengeschrumpft. Aber Identifikation ist dennoch vonnöten. 

Marco Kurz und die andere Repräsentanten des FCK stehen mitten im Abstiegskampf vor genau diesem Problem: Wie bekommen sie es hin, dass die Fans Srdjan Lakic wieder lieb haben? Wohl gar nicht. Nur Tore können die Liebe wieder entfachen. Srdjan Lakic hat etwas wieder gut zu machen, was er selbst nicht verbockt hat.   

Am 7. Mai muss der FCK in Wolfsburg antreten, am vorletzten Spieltag. Beide Mannschaften könnten zu diesem Zeitpunkt durchaus noch unten drin hängen. Was würden die FCK-Fans wohl machen, wenn Srdjan Lakic dort das Tor zum Klassenerhalt schießen würde?

Dann müssten sie wohl einem Wolfsburger zujubeln. Wie gesagt: Eine tragische Geschichte. Eine Geschichte aus der Kluft zwischen Geschäft und Moral.   

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