Zu den Gewaltausbrüchen in Englands Fußball

Keiner mag euch, nicht scheißegal!

Am Wochenende prügelten sich in London und Newcastle englische Fußballfans. Es waren die extremsten Ausschreitungen auf der Insel seit Jahren. Unser England-Experte Titus Chalk fragt sich, was das zu bedeuten hat.

Manch einer wünschte sich ein 10-Millionen-Pfund-Staatsbegräbnis für sie. Dave Whelan, Besitzer von Wigan Athletic, regte eine Gedenkminute vor dem Anpiff des FA-Cup-Halbfinals an. Letztlich waren es aber die Fans des FC Millwall, die der jüngst verstorbenen Ex-Premierministerin Margaret Thatcher eine schaurige Hommage erwiesen und so das aufpolierte Hochglanz-Image des englischen Fußballs mit dem wohl extremsten Gewaltausbruch der Post-Hillsborough-Ära besudelten.

Thatcher glaubte, Fußballfans seien Tiere. Und dank ein paar halbstarken Spinnern aus Südlondon (und ihrer schwarz-weiß-gestreiften Vettern aus Newcastle am nächsten Tag), kann sie sich nun auf ihrer Privatwolke da oben selbstgefällig die Hände reiben, nachdem sich all ihre Vorurteile mal wieder öffentlichkeitswirksam bestätigt haben.

Ausnahmen bestätigen die Regel

Die anachronistische Rückkehr der englischen Fußballgewalt am Wochenende ist eine echte Ausnahme und bestätigt so doch wieder Thatchers Meinung über Fans. Fakt ist, Jahr für Jahr sinken die Zahlen für Festnahmen rund um englische Stadien. In der letzten Saison gab es in den vier Topligen lediglich 2363 Verhaftungen  – bei insgesamt 29,5 Millionen Zuschauern. Die Geschehnisse vom Wochenende beweisen aber auch, dass es nach wie vor gewaltbereite Zuschauer im englischen Fußball gibt.  Respekt, Millwall: Trotz Stadionverboten, Aussteiger-Programmen, Fanorganisationen und Friedensrethorik haben Teile ihrer Fans ihren Klub mal wieder mit einer perfekten Demonstration der deprimierenden Absurdität der Fußballgewalt blamiert. Und das, obwohl vermutlich die meisten wissen, dass Fußball es nicht Wert ist, sich untereinander zu bekriegen.

Das wiederum bewiesen jene Schläger, deren Weltbild so verengt zu sein scheint, dass sie jede Art von Fansupport aufgegeben haben und – aus Mangel an ernsthaften Gegnern – einfach aufeinander losgingen. Elf Schläger wurden verhaftet, doch Dutzende hatten sich zuvor über die Plastiksitze von Wembley geworfen und hemmungslos aufeinander eingetreten. Und während direkt neben ihnen verängstigte Familien flüchteten, die einfach nur gemeinsam am größten Spiel der jüngeren Klubgeschichte teilhaben wollten, entwickelte sich ein absurd-blutiges Handgemenge unter den Unverbesserlichen.

»No one likes us, we don't care«

Es scheint, als habe Millwall immer noch ein echtes Problem. Zusammen mit Birmingham City belegte der Klub in der vergangenen Saison die traurige Spitze der Verhaftungscharts. Es scheint eben doch nicht so einfach die Spielverderber aus den eigenen Reihen zu schütteln wie alte Federn aus einem Kissen. Im Verein selbst spürt man seit langem Resignation und Verweigerung – da wird lieber mit den Schultern gezuckt und werden schlaffe Erklärungen abgeben, statt angemessen auf die Vorkommnisse von Wembley zu reagieren. Vielleicht hat sich der Klub – neben all den positiven Dingen, die er für den eher ungeliebten Teil Südlondons geleistet hat – auch zu sehr in den eigenen selbstzerstörenden Mythos verliebt. Jener Mythos, der von den eigenen Fans lautstark besungen wird und rund um das eigene Stadion »The Den« omnipräsent auf Bannern und Merchandise grüßt: »No one likes us, we don’t care« (»Keiner mag uns, scheißegal«).

Ein Motto, das eine Art Belagerungsmentalität bewahrt und praktisch die Eigenverantwortung aller Beteiligten leugnet. Dass die offensichtlichen Probleme beim berüchtigsten Klub Englands, der auf einem fiktiven Abschaum-O-Meter nur knapp vor Leeds United und dem FC Chelsea rangiert, bis heute ungelöst sind, liegt auch daran, dass ihr postmoderner Stolz-Slogan eben vor allem auch Leute anzieht, die ihn als allgemeingültigen Haftungsausschluss sehen, der ihren Mangel an Rücksicht auf andere perfekt tarnt.

Ja, es ist ein Aufruf für zynische Biester. Es ist uns scheißegal, singen sie, und meinen damit gesellschaftliche Normen genauso wie moralische Grenzen und den Mumpitz, den andere Gesetz nennen. Sie sind der festen Überzeugung, dass sie ungestraft davonkommen. Der FC Millwall zieht seit Jahren Störenfriede an wie Speck die Maden – entsprechend fühlen sich auch andere Unruhestifter in ihrer Sache bestätigt, wenn Millwall in ihrer Stadt ist. Deswegen ist eine grundsätzliche Änderung ihres Selbstverständnisses notwendig, um diesen schwachsinnigen Kreis aus Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen.

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