Zu den Ausschreitungen beim Istanbuler Derby

Getrennt in den Farben, getrennt in der Sache

Noch vor wenigen Monaten demonstrierten Fans von Besiktas, Galatasaray und Fenerbahce gemeinsam gegen die türkische Regierung um Tayyip Recep Erdogan. Am Sonntag kam es beim Derby zu massiven Ausschreitungen. Was ist aus »Istanbul United« geworden?

imago
Heft: #
143

Es gibt einen Satz, auf den sich viele Fußballfans einigen können. Er lautet: »Getrennt in den Farben, vereint in der Sache.« Man hat ihn in den vergangenen Jahren immer dann gehört, wenn die deutschen Fußballanhänger gegen Sicherheitskonzepte oder Polizeigewalt protestiert haben, wenn sie sich auf vereins- und fanübergreifenden Kongressen trafen und über den Status quo der Fankultur diskutierten. Manchmal kam es vor, dass dabei Vertreter vom 1. FC Köln und Bayer Leverkusen, vom FC St. Pauli und dem HSV oder von Eintracht Frankfurt und dem 1. FC Kaiserslautern gemeinsam an einem Tisch saßen.
 
Wenn wir in den vergangenen Jahren mit Fans ausländischer Klubs gesprochen haben, rief dieses Szenario oft eine Mischung aus Ver- und Bewunderung hervor. Verfeindete Fanlage, die sachlich miteinander kommunizieren? Das schien in vielen ausländischen Fankurven utopisch. Auch deshalb war es für uns schwer vorstellbar, dass Ultras von Besiktas, Galatasaray und Fenerbahce jemals gemeinsame Sache machen könnten. Schließlich zeigt sich die türkische Fankultur oft ein bisschen ernster, mitunter radikaler und gewalttätiger als die in Norwegen, Frankreich oder England. Zwar besteht seit 1997 ein Friedensabkommen zwischen den Ultragruppen der großen Istanbuler Klubs, doch immer noch sterben bei Auseinandersetzungen Fans. Zuletzt im Mai 2013, als ein Fenerbahce-Fan von einem Galatasaray-Anhänger erstochen wurde.
 
Wer waren diese Leute?
 
In diesem Sommer schien alles anders zu werden. Schon wenige Tage, nachdem die Proteste gegen die türkische Regierung um Recep Tayyip Erdogan entfacht waren, verbreitete sich im Internet ein Bild, auf dem Fans der drei großen Istanbuler Klubs in trauter Eintracht auf der Bosporus-Brücke stehen. Darüber der Slogan »Tayyip, do you know: Istanbul United!«
 
Wer waren diese Leute? Welche Rollen hatten sie in ihren Kurven? War dieses Bild Ausdruck einer allgemeinen Stimmung unter Fußballfans? Oder war der Slogan doch nur durch Facebook und Co. medien- und PR-wirksam verbreitet worden?
 
In der Folge berichteten zahlreiche Medien – auch 11freunde.de – über die Rolle der Fußballfans bei den Protesten. Es ging um Kämpfe gegen die Polizei, um junge Galatasaray-Fans, die Besiktas-Anhänger aus den Fängen der Polizei befreiten, um Fenerbahce-Ultras, die Galatasaray-Fans die Augen auswuschen. Um die Gruppe Carsi, Besiktas größte Ultragruppe, die an vielen Tagen die Proteste anführte, weil sie erprobt war im Kampf gegen die Polizei. Es ging um vereinte Kräfte im Widerstand gegen ein System, für den die Fans die vergangenen Kriege ruhen ließen.

Zersplitterte Fankurven
 
Doch so einfach war die Sache nicht. Denn »Istanbul United« – oder die Berichterstattung darüber – ging von homogenen Ultraszenen aus. Von einem allgemeinen und kurvenübergreifenden Selbstverständnis, das die Regierung um Recep Tayyip Erdogan ablehnt. Während sich aber Carsi gegen Erdogan positioniert, stehen die führenden Ultragruppen von Fenerbahce und Galatasaray – Genc Fenerbahceliler (GFB) und UltrAslan – der Regierungspartei AKP nahe.

Die Kurven bei Galatasaray und Fenerbahce sind bis heute zersplittert in Pro- und Anti-Erdogan-Fraktionen, und seit die Saison wieder angefangen hat, kann man die Antipoden in ihren Stadien deutlich erkennen. Es kam immer wieder zu Handgreiflichkeiten zwischen den verschiedenen politischen Lagern. Und mehr noch: Ultras von Galatasaray und Fenerbahce zeigten sich sogar an der Seite der Staatsmacht. Auf einem Foto sieht man sogar führende Mitglieder von UltrAslan und GFB neben Polizeibeamten vor einer Wache posieren. Die Besiktas–Gruppe Carsi wertete dieses Bild als Schulterschluss zwischen den Ultras der rivalisierenden Klubs und der Staatsmacht.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!