26.06.2013

Zu Besuch in der wichtigsten Talentschmiede Brasiliens

»Uns interessiert nur der Profit«

Confed-Cup-Gastgeber Brasilien ist noch immer das Land der unbegrenzten Fußball-Talente. Ein Besuch in der modernsten Talentschmiede des Landes zeigt: die Produktion von immer neuen Spitzenfußballern ist vor allem ein gnadenloses Geschäft.

Text:
Robin Hartmann
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Robin Hartmann

Wenn man irgendwo zwischen Sao Paulo und Porto Feliz an der Bundesstrasse Marechal Rondon nach rechts abbiegt, erreicht man den Ort, an dem Träume geboren werden. Hier wird sie geschürt: Die Hoffnung junger, begabter Männer, die eigentlich noch Kinder sind und von einer Karriere und einem besseren Leben als Fußballstar fantasieren. An der »Academia Traffic de Futebol«, Brasiliens modernster Fußballschule. Ein riesiges Areal von 125.000 Quadratmetern mit insgesamt sieben Spielfeldern, Fitnesszentrum und eigenem Schwimmbad, abgeschieden gelegen in Porto Feliz, je nach Verkehr etwa drei Autostunden von Sao Paulo entfernt.

»Desportivo Brazil« heißt der hauseigene Verein der Akademie, ein Durchlauferhitzer für Spieler zwischen 11 und 18 Jahren, der mit einem klaren Ziel gegründet wurde: Junge Talente zu formen – und dann auf dem internationalen Markt mit Höchstgewinn zu verkaufen. 60 Nachwuchskicker sollen hier innerhalb von fünf Jahren von kleinen Jungen zu echten Kerlen werden, deren Status wiederum eine ganze Generation brasilianischer Kinder zum Träumen bringt.

Das Frühstück kommt vom Ernährungsberater

Das zumindest ist die Vision von Rodolfo Canavesi, seines Zeichens Vize-Präsident von »Desportivo Brazil«. Denn natürlich steckt hinter einem solchen Traum vor allem Millionen von Reais, die mit der Akademie schon heute, nur drei Jahre nach ihrer Gründung, verdient werden. Betreiber der Schule ist die Firma »Traffic«, der größte Vermarkter für Fußballübertragungsrechte in ganz Lateinamerika, der auch eigene Fernsehkanäle betreibt und sogar Zeitungen herausgibt. Dem Giganten gehören ausserdem auch mehrere Fußballklubs wie die Fort Lauderdale Strikers aus den USA und Estoril Praia aus Portugal, letztere haben jüngst die Qualifikation zur Europa League erreicht.

Für die Jungen beginnt jeder Tag an der Talentschmiede um sieben Uhr morgens mit dem von einem Ernährungsberater zusammengestellten Frühstück. Dann das erste Training, anderthalb Stunden kicken, schwitzen, um einen Platz in der A-Mannschaft kämpfen – immer unter den Augen von international erfahrenen Übungsleitern, die unter anderem vom FC Chelsea eingekauft wurden. Nachmittags folgen Englischkurse oder Sitzungen mit einer Psychologin. »Sie mögen gute Spieler sein, aber sie müssen auch fürs Leben geschult werden«, sagt Canavesi, der behauptet, alle Jungen in gewisser Weise als seine »Söhne« zu sehen.

Der Haken an der Sache: Diese »Söhne« müssen die Investition von knapp 25.000 Dollar, die sie ihren »Vater« umgerechnet jährlich kosten, natürlich auch mit entsprechenden Leistungen rechtfertigen. Wer zurückfällt, wird eher früher als später aussortiert: »Was zählt, ist die Entwicklung und der Verkauf von Individuen. Wenn ich pro Jahrgang fünf bis sechs Spieler verkaufen kann, mache ich Profit.« Lucas Evengelista, 18 Jahre alt, ist einer dieser Goldesel, die den Sprung von »Desportivo Brazil« ins Profigeschaeft geschafft haben. Mittlerweile kickt er für Corinthinas Sao Paulo in der ersten brasilianischen Liga, seine Dienste waren dem Klub eine Millionen Dollar wert. »In zwei Jahren wird er 20 Millionen wert sein«, freut sich Canavesi und reibt sich die Haende, dann wird »Traffic« wieder verdienen: An jedem Spieler verkauft die Firma nur 50 Prozent der Rechte, bei jedem Transfer klingelt also die Kasse.

 
 
 
 
 
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