Zu Besuch beim Internationalen Torwart-Kongress

»Neuer muss noch viel beweisen«

Bundestorwarttrainer Andreas Köpke lädt alljährlich zum prominent besuchten Internationalen Torwart-Kongress ein. Das zentrale Thema der diesjährigen Eröffnungstalkrunde in Köln war das moderne Torwartspiel. Ein Ortsbesuch. Zu Besuch beim Internationalen Torwart-KongressPROMO

Dimo Wache galt einst als großes Torwarttalent. In den späten achtziger und frühen neunziger Jahren durchlief er sämtliche Jugendnationalmannschaften des DFB, bis sein steiler Aufstieg jäh ausgebremst wurde. Der Grund war eine simple Regeländerung. Es war das Jahr 1992, und die FIFA hatte gerade die Rückpassregel eingeführt. Die Torhüter mussten die Bälle fortan nicht nur noch fangen, sondern auch kontrolliert wegschießen. Manchen gelang das gut, anderen weniger. Wache, von Hause aus kein besonders filigraner Fußballer, hatte mit dieser Umstellung bis zum Ende seiner Karriere Probleme. »In Mainz ging immer ein Raunen durchs Stadion, wenn mir ein Mitspieler einen Ball zugepasst hat«, sagt er.  

[ad]

Wache erzählt diese Geschichte als Podiumsgast beim vierten Internationalen Torwart-Kongress in Köln. Neben ihm sitzen Claus Reitmaier, Jean-Marie Pfaff, Lutz Pfannenstiel und Kicker-Herausgeber Rainer Holzschuh. Die Veranstaltung findet jedes Jahr unter der Schirmherrschaft von Andreas Köpke statt. Der Bundestorwarttrainer weiß: »Von allen Positionen hat sich die des Torhüters in den letzten Jahren am meisten verändert.« Grund genug für die alljährliche Zusammenkunft. Zum Auftakt diskutiert man im Audimax der Deutschen Sporthochschule Köln über die wichtigsten Veränderungen des Torwartspiels der letzten Jahre. Anschließend demonstriert Köpke ein typisches Torwarttraining der Nationalmannschaft und es gibt verschiedene Workshops zu Themen wie Strafraumbeherrschung, Eins-zu-eins-Situation oder Spieleröffnung. Die Anwesenden sind sich einig: Mit der Rückpassregel fing damals alles an. Galten Torhüter bis dato noch als »Katzen«, deren Arbeitstag sich ausschließlich zwischen den beiden Pfosten abspielte und sich auf das Abwehren von Schüssen beschränkte, waren fortan auch fußballerische Qualitäten gefragt.  

Neue Regeln dienen im Sport meist dazu, das Spiel für die Zuschauer attraktiver zu machen. Mit der Rückpassregel wurde das zähe Zeitspiel zwischen Libero und Torwart unterbunden. »Wenn man sich heute das WM-Endspiel 1990 anschaut, kann man kaum glauben, dass dieses Hin- und-Her-Gegurke jemals erlaubt war«, sagt Reitmaier, der die Regel sinnvoll findet, auch wenn sie ihm selbst Schwierigkeiten bereitet hat. Ein attraktives Spiel wird dem Zuschauer aber in erster Linie durch viele Tore geboten. So wurde vor einigen Jahren diskutiert, die Tore um fünf Zentimeter in der Länge und Breite zu vergrößern. Die Folgen dieser Maßnahme erklärt Rainer Holzschuh: »Irgendwann würden nur noch Riesen wie beim Basketball die Tore hüten. Außerdem müssten in allen Stadien, bis runter in die Kreisligen, die Tore ausgetauscht werden. Das ist logistisch unmöglich.« Stattdessen wurde das Spielgerät entscheidend verändert. Schon seit Jahren sind die Bälle aus Synthetik statt aus Leder gefertigt. Der Name des aktuellen Bundesligaballs »Torfabrik« deutet es bereits an: Die Leidtragenden sind die Schlussmänner.  

Groß sollen sie sein

Der Trend geht deshalb zu immer größeren Torhütern. Kommt der Ball ins flattern, so können wenige Zentimeter Reichweite entscheidend sein. Auch Reitmaier ist Verfechter dieser Philosophie. Aus seiner Zeit als Torwarttrainer beim HSV weiß er zu berichten: »Ersatztorhüter Wolfgang Hesl war sogar noch talentierter als Frank Rost, aber mit seinen 1,94 Meter musste sich Rost einfach nur fallen lassen, um einen Ball aus der Ecke zu fischen.« 1,88 bis 1,90 Meter nennt Reitmaier als Mindestmaß für einen erfolgreichen Torhüter.  

Als weiteren zentralen Einschnitt im Torhüterspiel gilt die Etablierung der Viererkette. Die Innenverteidiger rücken weit nach vorne auf, der Torhüter soll nach der modernen Philosophie Ersatzlibero sein. Oliver Kahn nahm sich dieser Entwicklung im Spätherbst seiner Karriere nicht mehr an, was ihn seinen Stammplatz in der Nationalmannschaft gekostet hat. Auf seinem sportlichen Höhepunkt, bei der WM 2002, spielte Deutschland noch mit Libero. Bei der Diskussionsrunde in Köln ist sich das Fachpersonal aber einig: Manuel Neuer bringt alle Fähigkeiten mit, die ein Torwart in heutigen Zeiten besitzen muss. Dass Neuer der beste Keeper der Welt ist, möchte aber keiner behaupten. »Er muss noch viel beweisen«, sagt Jean-Marie Pfaff, »ein Vereinswechsel kann alles verändern. Timo Hildebrand konnte nach seiner Zeit in Stuttgart nie wieder an diese Spitzenleistungen anknöpfen.«  

Stammtorhüter werden immer jünger

Wenn es eine Erkenntnis aus der letzten Saison gibt, dann ist es der Trend, immer jüngere Torhüter zur Nummer eins zu machen. Mit Ron-Robert Zieler, Oliver Baumann, Marc-André ter Stegen, Kevin Trapp und Ralf Fährmann wurden in der Bundesliga gleich fünf Talente zum Stammtorwart in ihren Vereinen. Keiner von ihnen ist älter als 22 Jahre. Natürlich profitieren diese jungen Spieler auch von der hervorragenden Jugendarbeit in Deutschland. Die neue Generation kommt mit hoher Qualität aus der Jugend, sie mussten sich nicht auf die Rückpassregel umstellen, arbeiteten schon früh mit Torwarttrainern und können darüber hinaus auch ordentlich Fußball spielen. Weil man zwischen den Pfosten eine besondere Verantwortung trägt und jeder individuelle Fehler entscheidend sein kann, setzte man früher vermehrt auf Erfahrung. »Die jungen Torhüter sind heute aber mental viel gefestigter«, sagt Lutz Pfannenstiel.  

Wenn sich Torhüter der alten Schule – wie Reitmaier, Pfaff und Pfannenstiel – bei der Diskussionsrunde über den Prototypen des modernen Torwarts unterhalten, dann wird schnell klar, dass ihr eigenes Spiel meilenweit davon entfernt war. Schlechte Torhüter waren sie trotzdem nicht. Als wolle er die Leistungen seiner Generation verteidigen sagt Reitmaier abschließend: »Am Ende ist es immer noch am wichtigsten, dass man die Bälle fängt.« Dimo Wache konnte das ganz gut. Er hat es für Mainz 05 auf 374 Spiele in der 1.- und 2. Bundesliga gebracht. Das konnte auch die Rückpassregel nicht verhindern.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!