Zu Besuch bei Gerhard Tremmel in Swansea

Der Bankangestellte

Der Swansea City FC ist das Team der Stunde in der Premier League. Mit vereinten Kräften bringt der walisische Kleinstklub die Giganten zu Fall. Mittendrin und doch nicht dabei: der deutsche Torwart Gerhard Tremmel. Wir haben ihn besucht. Kai Senf

Gerhard Tremmel weiß, was er letzten Sommer getan hat. An einem frühen Morgen im Juli stieg er in einen Bus voller Besoffener und fuhr darin durch halb Europa. Österreich, Deutschland, Belgien, Frankreich, England – Wales. Dorthin, wo Bonnie Tyler eine Göttin ist und Männer Schafe ehelichen. Letzteres ist ein Gerücht.  

Es war der Mannschaftsbus des Swansea City FC, in den Tremmel sich gesetzt hatte, in der Hoffnung auf ein neues, vielleicht letztes, aber bitteschön aufregendes Kapitel seiner Karriere. Da war noch was drin, irgendwas, das spürte Tremmel. 

Eine Karriere im Ablicht der Manege

Titel hat er bislang nicht errungen, höchstens verhindert: Mit Unterhaching vermasselte er den Leverkusenern vor zwölf Jahren die Meisterschaft. Er ging nach Hannover, zur Hertha, nach Cottbus. Eine Karriere im Ablicht der Manege, dabei war und ist Tremmel ein überdurchschnittlich begabter Torwart. Anders als etwa sein Gegenentwurf Tim Wiese hat er sein Selbstvertrauen jedoch nie wie eine Monstranz vor sich her getragen. Das ehrt ihn, aber der Fußball belohnt nun mal nicht die Bescheidensten. Statt zum HSV, nach Köln oder zum FC Bayern, der ihn als zweiten Mann haben wollte, wechselte Tremmel 2010 nach Salzburg. In der Hinrunde musste er nur 13 Mal hinter sich greifen, ein Bestwert, doch richtig anstrengend war es nicht. »Wenn ich morgens aufgestanden bin, habe ich die Alpen gesehen«, sagt Tremmel. »Das Gefühl, dort Urlaub zu machen, hat sich nie richtig gelegt.«  

Mit nunmehr 32 wollte er sich nicht länger der süßlichen Irrelevanz der österreichischen Liga hingeben, bei einem Klub, an dem selbst sein Eigentümer, der Milliardär Dietrich Mateschitz, offenbar das Interesse verloren hatte. Einmal noch aufbrechen, neu anfangen, richtig loslegen. Warum also nicht der Swansea City FC, der erste walisische Klub in der Premier League?   

Die »Swans« hatten im Salzburger Becken ein Trainingslager abgehalten, bei dem ein Schwachpunkt im Kader äußerst deutlich wurde: Es fehlte, nichts unbedingt Neues bei britischen Mannschaften, ein fähiger Keeper. Über ein paar Ecken bewarb sich Tremmel bei Trainer Brendan Rodgers, der ihn spontan zur gemeinsamen Busfahrt einlud. An Bord befanden sich gerade einmal drei Nüchterne, Tremmel, Rodgers und der Fahrer. Der Rest schlief schnarchend seinen Rausch vom Mannschaftsabend aus, Speichel rann aus walisischen Mundwinkeln. Was man nicht alles mitmacht, dachte Tremmel, und schaute aus dem Fenster.

Die Mutprobe: Adeles »Someone Iike you« mit bayrischem Akzent

In einem Testspiel gegen Celtic Glasgow hielt er einen Elfmeter und auch sonst überragend, er war überdies ablösefrei, schon drei Tage nach der Busfahrt ins Unbekannte unterschrieb er einen Vertrag bis 2013. Kurz danach stand er in der Kabine auf einem Schemel und sang mit bayrischem Akzent »Someone Iike you« von Adele – ein für britische Mannschaften typisches Aufnahmeritual. Wer dazugehören will, muss sich erst einmal der Lächerlichkeit preisgeben. »Ich habe mich nicht lumpen lassen«, sagt Tremmel.   

Was er da noch nicht wissen konnte: Nicht nur Brendan Rodgers hatte sich um einen neuen Keeper bemüht. Auf Betreiben des Vorstands kam der Niederländer Michel Vorm vom FC Utrecht zu den »Swans« – und erhielt zu Saisonbeginn den Vorzug. Er trägt seither die Rückennummer 1, Tremmel die 25 und sitzt auf der Bank. Das ist zwar neu, aber nicht unbedingt aufregend.

Die »Swans« avancierten zum Sensationsteam der Premier League, sie schlugen den FC Arsenal und Manchester City, ihr Passpiel ist so virtuos, dass die Presse eigens den Ehrentitel »Swanselona« erfand. Und auch die Defensive genügte höchsten Ansprüche, mit Michel Vorm als kaum überwindlichem Schlussmann. Der enorme Enthusiasmus der Fans im Liberty Stadium, der immer stärker werdende Mannschaftsgeist, die Lobeshymnen der Zeitungen – und bei all dem blieb Tremmel nur die Zuschauerrolle. Er war am richtigen Ort. Aber, das wurde immer klarer, wohl nicht zur rechten Zeit. Ein einziges Spiel hat er für »Swans« bestritten, gegen Stoke setzte es eine frustrierende Niederlage, 90 Minuten Luftkampf gegen 1,95 Meter große Robert Huths. Er schlug sich wacker, aber zwei Kopfbälle saßen schließlich doch. »Undankbar«, sagt Tremmel.

»Ich freue mich für die Mannschaft. Aber nicht für mich.«

Am Tag nach dem 1:0-Sieg gegen den Giganten Manchester City, bei dem sein Konkurrent Vorm wieder einmal bravourös gehalten hat, sitzt Gerhard Tremmel in einem Café am Yachthafen von Swansea und versucht zu lächeln. Es misslingt. »Ich freue mich für die Mannschaft«, sagt er, den Blick auf den Cappuccinoschaum geheftet, »aber nicht für mich.«   

Es ist das Los der Torleute, dass immer nur einer von ihnen spielen kann. Sie müssen auf Formkrisen oder gar Verletzungen ihres Konkurrenten warten. Manche hoffen sogar darauf. Bis dahin müssen sie zusehen, wie der andere auf Schultern getragen wird, während sie selbst die unbenutzten Handschuhe zurück in die Sporttasche legen und irgendwie weitermachen, weiter warten, hoffen, trainieren, eine Maschine in Schuss halten, die keiner braucht.   

»Come on, Trem!«, ruft plötzlich ein kleiner Junge im »Swans«-Trikot. »Hast du nicht Lust, dich für mich ins Tor zu stellen?« Er deutet auf einen Bolzplatz unweit des Cafés, faltet dann die Hände wie zum Gebet. »Nur ein paar Schüsse! Bitte!« Tremmel zögert, windet sich, der Junge schaut ihn an wie ein Hund. Spielen will Tremmel, klar. Unbedingt. Aber nicht gegen einen Zehnjährigen am Sonntagvormittag. »Nächstes Mal«, sagt er schließlich, der Junge trollt sich leidend. Noch aus dem Kombi seiner Mutter bestrahlt er den Torwart mit seinem unendlich vorwurfsvollen Blick.   

Aber der kann ja auch nichts dafür. So ist er nun mal. Der Fußball. Manchmal zerschellen die hehrsten Ambitionen an der harten Ersatzbank. Gerhard Tremmel weiß derzeit nicht, was er kommenden Sommer tun wird.

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