Zu Besuch bei Filmemacher Aljoscha Pause

Tom meets Zizou – Kein Sommermärchen

Aljoscha Pause hat Thomas Broich sieben Jahre lang mit der Kamera begleitet. Die Essenz aus über 100 Stunden Drehmaterial ist das großartige Porträt »Tom meets Zizou – Kein Sommermärchen«. Wir besuchten Pause in der Endphase der Produktion. Zu Besuch bei Filmemacher Aljoscha PauseAljoscha Pause

Für Thomas Broich schließt sich am Samstagabend ein Kreis. Er wird dann im »Aktuellen Sportstudio« sitzen und mit Michael Steinbrecher über seine erste Saison beim frischgebackenen australischen Meister Brisbane Roar plaudern. Und er wird Auskunft darüber geben, was sich in den letzten sieben Jahren alles getan hat im Leben des Fußballers Thomas Broich.

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Im Mai 2004 – sein Klub Borussia Mönchengladbach hatte trotz eines 1:3 bei Borussia Dortmund gerade den Klassenerhalt perfekt gemacht – war er schon einmal auf dem Mainzer Lerchenberg gewesen: Damals zerschellte Johannes B. Kerner an Broich mit der Frage, ob er – der mit den großen Anlagen, der kommende Nationalspieler – ein Hoffnungsträger sein wolle. Nein, antwortete Broich daraufhin betont lapidar, darauf habe er nun wirklich keinen Bock.  

Eröffnungsfilm des 11mm-Festivals

Es ist eine flüchtige Szene des Dokumentarfilms »Tom meets Zizou – Kein Sommermärchen«, aber sie macht deutlich, dass Thomas Broich sich auch in dieser frühen Phase der Karriere nicht vor irgendeinen Karren der fußballdeutschen Öffentlichkeit spannen lassen wollte. »Thomas wurde damals in einem Atemzug mit Schweinsteiger und Podolski genannt«, sagt Regisseur Aljoscha Pause. »Ich hatte 2002 den Wunsch, einen jungen Profi über einen längeren Zeitraum zu begleiten, am besten bis zur WM 2006.«

Eine Woche vor der Uraufführung beim 11mm-Festival steckt der mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Filmemacher noch mitten im Prozess der Fertigstellung. Der Kommentar fehlt noch, am Nachmittag soll der Sprecher vorbeikommen in Pauses Haus im Süden Bonns. Auch fertig geschnitten ist das epische 120-Minuten-Porträt noch nicht. Auf der Zielgerade muss Pause seinen Film zwar nicht mehr umwerfen, aber ein kleines Kapitel hinzufügen. Pause wartet noch auf die Bilder des großen Endspiels vom australischen Senders »Fox Sports«. Ein paar Tage, bevor »Tom meets Zizou« in Berlin das Fußballfilm-Festival eröffnen soll. Doch von Hektik ist keine Spur im Schneideraum. Bevor wir uns die Rohfassung anschauen, greift Pause seinen Gedanken wieder auf. »Als ich mit Thomas ein paar Aufnahmen für ein Fernsehmagazin machte, wusste ich, dass er der Protagonist meines Films werden soll. Er machte trotz seiner jungen Jahre einen besonderen Eindruck auf mich. Dass ich ihn so lange begleiten würde, davon bin ich allerdings nicht ausgegangen.«  

Ausgewachsene Fußball-Depression

Auch Thomas Broich hat Lust auf dieses Projekt. Die ersten Sequenzen entstehen 2003 in Burghausen, als er im Trikot von Wacker in der zweiten Liga auf sich aufmerksam macht. Als Broich in der Winterpause 2004 nach Mönchengladbach wechselt, sieht die zwei Jahre vor der WM 2006 immer hysterischer werdende Öffentlichkeit schnell den kommenden Nationalspieler und der Boulevard verpasst ihm den Namen »Mozart«. Broich liest schon mal im Entmüdungsbecken ein Buch, er hört hin und wieder klassische Musik und spielt Klavier. Früh beginnt man, ihn in eine Schublade zu stecken. »In Gladbach und auch später in Köln hat er sich eine Attitüde zugelegt, die ihm den Blick verstellt hat. Er hat sich wohlgefühlt mit dem Etikett des besonderen Profis«, sagt Pause.

Doch Broichs sportliche Entwicklung beginnt zu stagnieren. In seiner Zeit beim FC lebt er in einer Kölner WG und entfernt sich immer weiter von dem Geschäft, in dem er sein Geld verdient. Für Trainer wie Christoph Daum (Broich: »Ein wie ein Sonnengott umherstolzierender Typ«) sind Menschen, die in ihrer Freizeit Töpferkurse besuchen, nicht mit Werten des Profitums kompatibel. Obwohl Broich mit den Geißböcken den Aufstieg in die Bundesliga schafft, wechselt er nach drei Jahren wieder den Verein. Beim 1. FC Nürnberg kommt Broich am Karrieretiefpunkt an. Im Film spricht er von »so vielen negativen Erfahrungen in den letzten fünf Jahren. Dass ich fast mal Nationalspieler war, das ist unvorstellbar. Ich fühle das nicht mehr.«

Zu der Zeit macht sich Pause, der eine freundschaftliche Beziehung zu seinem Protagonisten aufgebaut hat, Sorgen. »Eines Tage rief er mich an und sagte: ›Du, Aljoscha, ich kann nicht mehr Fußball spielen, alles ist weg. Es wird Zeit, dass ich abhaue.‹ In Nürnberg ging es ihm richtig schlecht.« Vor Pauses Kamera kreiert Broich den Begriff der »Fußball-Depression«.  

Broich ist entwaffnend ehrlich


Diese Ehrlichkeit ist die größte Qualität des Films, Pause lässt den Zuschauer hautnah an Broichs Seelenleben teilhaben und führt den von Tiefschlägen für seinen Protagonisten wimmelnden Film zu einem Happy End. Pause sagt: »Ich habe mich für Thomas gefreut, als er nach Australien gegangen ist. Das war eine Befreiung für ihn.« Mit Broichs Auftritt im »Aktuellen Sportstudio« erfährt »Tom meets Zizou – Kein Sommermärchen« nun die größtmögliche Publicity. Nicht wenige Zuschauer werden sich fragen, wo ihr ehemaliger Hoffnungsträger sich ein Jahr lang versteckt hat. Thomas Broich wird sie darüber aufklären, dass er mit seinem Verein Brisbane Roar in einem dramatischen Finale – Roar egalisierte in einer verrückten Verlängerung einen 0:2-Rückstand und gewann im Elfmeterschießen – die australische Meisterschaft errang. Dass er zum zweitbesten Spieler der Liga gewählt wurde und als einer der besten A-League-Importe aller Zeiten gilt, damit wird er nicht hausieren gehen. Wer diesen leisen, ungeschminkten Film sieht, der glaubt, einen der bemerkenswertesten deutschen Fußballer und dessen Karriere ein bisschen besser zu verstehen.  

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Der Film feiert heute Abend um 19:30 Uhr auf dem 11mm-Fußballfilmfestival seine Weltpremiere. Zu Gast sind u.a. Aljoscha Pause (Regisseur »Tom meets Zizou«), Thomas Broich (Hauptdarsteller) und Stefan Frühbeis (Ex-Wacker Burghausen). Mehr Infos auf www.11-mm.de.

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