Zu Besuch bei einem CL-Qualifikationsspiel

Sie sind die Besten! Oder nicht?

Wenn die Großen des europäischen Fußballs noch im Trainingslager sind, fangen die Kleinen schon wieder an – ohne Hymne und Sternenbanner in der Champions-League-Qualifikation.

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Heft#117 08/2011
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Heute Abend startet die erste Qualifikationsrunde der Champions League mit Knallerpartien wie Pjunik Erewan (Armenien) gegen SS Folgore/Falciano (San Marino) oder Lincoln Red Imps FC (Gibraltar) gegen FC Santa Coloma (Andorra). Unser Autor Julius Müller-Meiningen hat sich 2011 mal ein solches Spiel angeschaut: Società Polisportiva Tre Fiori (San Marino) gegen Valletta Football Club (Malta). Das ist sein Bericht:

Es ist 18 Uhr, noch zweieinhalb Stunden bis zum Anpfiff, und Altin steckt sich eine Zigarette an. Auch Nicola raucht auf der Bank neben dem Hoteleingang noch eine. Man müsse vor solchen Spielen alte Gewohnheiten pflegen, sagt der Kapitän und grinst. Der Mannschaftsbus steht schon bereit, und Fabio Vannoni kommt aus seinem Zimmer herunter. Wie alle Spieler trägt er kurze blaue Hosen und ein weißes T-Shirt, doch als Einziger hat er eine verspiegelte Sonnenbrille auf und große Kopfhörer.

Keine Kamera, kein Autogrammjäger

Man hat Typen wie ihn schon oft gesehen, wenn sie kurz vor wichtigen Fußballspielen in den Mannschaftsbus einsteigen. Stumme und konzentrierte Profis, die sich von der Außenwelt abschirmen. Doch wovor schützt sich Fabio eigentlich? Weit und breit filmt keine Kamera, kein Autogrammjäger muss zurückgehalten werden, und kein Groupie kreischt, als er wie ein Panther im Käfig unruhig vor dem Bus auf und ab läuft. Nur ein paar Vögel zwitschern aufgeregt im Gebüsch gegenüber, und seine rauchenden Mitspieler machen Witze.

Fabio Vannoni ist nervös, weil er heute in der Champions League spielen wird. Im Olympiastadion von San Marino wird er beim Hinspiel der ersten Runde in der Saison 2011/12 auflaufen. Während die Stars der großen Klubs gerade erst wieder ins Training einsteigen, beginnt Europas lukrativster Vereinswettbewerb im nicht weit vom italienischen Rimini gelegenen Zwergstaat San Marino schon in der letzten Juniwoche. Die Società Polisportiva Tre Fiori, zuletzt dreimal in Folge Landesmeister, tritt gegen den Champion des Inselstaates Malta an, den Valletta Football Club.

Die vier Schlusslichter der UEFA-Fünfjahreswertung, die Meister aus San Marino, Malta, Andorra und Luxemburg, spielen in einer Art Vorausscheidung darum, wer sich mit dem litauischen Meister FK Ekranas oder den Slowenen des NK Maribor messen darf. Es folgen eine zweite und eine dritte Qualifikationsrunde, an die sich Play-offs anschließen, wo auch der FC Bayern einsteigt. Theoretisch könnte es Vannoni also bis ins Finale der Champions League am 19. Mai 2012 in München schaffen.

Am Nachmittag sitzt er noch einigermaßen cool im Foyer des Hotels San Giuseppe, einem großen Klotz mit uringelber Fassade, in dem Papst Benedikt XVI. bei seinem Staatsbesuch eine Woche zuvor noch ein Mittagsschläfchen gehalten hat. Dafür ist die Verwaltung des von Mönchen geführten Hotels dem Heiligen Vater »ewig dankbar«, wie sie auf einer Gedenktafel im Foyer festgehalten hat. Zur Papstmesse im eigentlich nur 7000 Zuschauer fassenden Olympiastadion, das so genannt wird, weil es 1985 die »Spiele der kleinen Staaten Europas« beherbergte, waren 22.000 Menschen gekommen. Da San Marino 30.000 Einwohner hat, waren, nimmt man Senioren und Kinder aus, also fast alle da.

»Hier gibt es keine Tifosi«

Die Champions League sorgt für viel weniger Aufregung. »Hier gibt es keine Tifosi«, erzählt Fabio, der vor 34 Jahren in Bergamo geboren wurde und inzwischen mit einer San-Marinesin verheiratet ist. Seine glanzlose Profikarriere, in der er kurz in Perugia und bei Albinoleffe spielte, war schon wieder zu Ende, bevor sie richtig angefangen hatte. »Am Ende bin ich hier gelandet«, sagt Fabio und zieht die Schultern hoch. Offenbar hat er es noch nicht verwunden, dass aus ihm kein Fußballstar geworden ist. Da tut ein Spiel in der Champions League besonders gut. »Es ist eine kleine Revanche gegenüber denen, die nicht an mich geglaubt haben.«

Für einige der älteren Ex-Profis mag die Partie gegen das Team aus Malta ein Höhepunkt ihrer Laufbahn sein, für viele junge Spieler sind Europapokalpartien fast schon Routine. Um teilzunehmen, muss man sich in San Marino nur halbwegs geschickt anstellen und zum richtigen Zeitpunkt beim richtigen Verein spielen. So wie Hotelportier Giulio Molinari, ehemaliger Junioren-Nationalspieler und heute Innenverteidiger der Società Sportiva Murata, der hinter seinem Tresen argwöhnisch die Kollegen von Tre Fiori im Foyer beobachtet.

Man kennt sich aus den Strafräumen der Republik. Vor drei Jahren, als die vier kleinsten Fußballzwerge von der UEFA noch nicht in einer Extra­runde zusammengepfercht wurden, spielte Giulio in der Champions-League-Qualifikation sogar gegen den IFK Göteborg. Wobei der brasilianische Alt-Weltmeister Aldair, den Giulios Klub extra für die Qualifikation eingekauft hatte, ihn von seinem Stammplatz verdrängte. Trotzdem war es unvergesslich. »Wir wurden in Schweden sogar von der Polizei ins Stadion eskortiert«, erinnert sich der Portier. Am Abend ins Stadion kommen wird er aber nicht, er will lieber seinen Sonnenbrand vom Wochenende auskurieren.

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