Zu Besuch bei den WM-Protestlern

»Es wird wieder Gewalt geben«

Die WM in Brasilien wirft ihre Schattenseiten voraus: Obdachlose werden gewaltsam vertrieben, Favelas von der Militärpolizei geräumt, Schulden angehäuft. Längst haben sich Protestbewegungen organisiert. Wir haben eine davon in Sao Paulo besucht.

Kai Behrmann

Die Nacht ist bereits über São Paulo hineingebrochen. Licht gibt es nur noch auf einer Hälfte des Innenhofes. Ein Neonstrahler alleine ist nicht genug. Die andere Seite liegt im Dunkeln. Icaro stört das nicht. Eng führt er den Ball am Fuß. Schuhe trägt er keine auf dem unebenen Betonboden. Schlaglöcher können ihn ebenso wenig stoppen wie seine Gegenspieler. Wuchtig drischt er den Ball zwischen die mit weißer Farbe auf die Wand gemalte Tormarkierung. »Goooool!«, schreit Icaro und klatscht mit seinen Teamkameraden ab.

Jeden Tag spiele er hier, erzählt Icaro (15). Nach der Schule natürlich. Fußballprofi möchte er nicht werden. Lieber etwas Solides. »Buchhalter vielleicht«, sagt der Teenager. Kicken ist dennoch seine große Leidenschaft. Dass die Weltmeisterschaft diesmal in Brasilien ausgetragen wird, freut ihn. Wer holt den Titel? »Brasilien natürlich – im Finale gegen Deutschland!«

Die Polizei vertreibt die Bewohner – aber nicht lange

Keine zwanzig Meter entfernt ist von Vorfreude auf die WM keine Spur. Durch eine Tür führt ein Gang vom Innenhof zu einem schmalen Raum. Langsam füllt er sich. Früher war hier ein Laden. Der Zugang zur Straße ist mit Wellblech verbarrikadiert.Seit vier Jahren ist das baufällige Gebäude besetzt. Hin und wieder kommt die Polizei und vertreibt die Bewohner – allerdings nicht für lange. Sie kommen stets wieder. Wohnraum ist knapp in São Paulo. Heute findet hier die wöchentliche Sitzung des »Comitê Popular da Copa« statt. Die landesweite Bewegung macht seit 2010 gegen die WM mobil.

An allen zwölf Austragungsorten haben sich unterschiedliche soziale Organisationen und Vertreter der Zivilgesellschaft zu Bürger-Komitees zusammengeschlossen. Unter dem Motto »Copa para quem?« – »Weltmeisterschaft für wen?« organisieren sie Protestmärsche und kritisieren, dass sozial Benachteiligte von dem sportlichen Großereignis ausgeschlossen werden und oft sogar in ihrer Existenz bedroht werden.

Als die letzten der rund 50 Teilnehmer an diesem Abend eintrudeln, sind die weißen Plastikstühle schon alle besetzt. Wer keinen Sitzplatz mehr ergattert hat, hockt sich auf den Boden oder bleibt stehen. Zwei Glühbirnen an der Decke tauchen den Raum in kaltes Licht. An der Wand steht in roten Buchstaben: »Quem não luta ta morto« – »Wer nicht kämpft, ist schon tot«.

>>>>> Impressionen aus Sao Paulo – in der Bildergalerie

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