07.11.2013

Zu Besuch bei David James auf Island

Der alte Mann und das Meer

Seite 3/4: Vor dem Spiel war Sex Pflicht
Text:
Erik Eje Almqvist
Bild:
Daniel Nilsson

Die Spieler ziehen an ihren Strohhalmen und nicken. »Als ich bei Liverpool gespielt habe, hatte ich ein Ritual vor jedem Match.« I was so fucked up. »Ich musste immer am Abend davor mit meiner damaligen Frau schlafen. Eigentlich hatte ich gar keine Lust, aber ich sah das als notwendig an, um am nächsten Tag gut spielen zu können. Und ich musste mir immer vorm Spiel einen runter holen.« Die Spieler kichern verlegen. »Ernsthaft«, sagt James. »Das war die Zeit vor dem Internet. Habt ihr überhaupt noch Pornohefte?« Die Spieler schauen verwundert. »Egal. Auf dem Weg zu Auswärtsspielen kauften wir stapelweise Pornoheftchen und fuhren direkt ins Hotel.« James macht ein paar eindeutige Bewegungen mit der rechten Hand. That’s it. I’m ready for the game. Ein Spieler lacht schüchtern. Keiner weiß so recht, wie er reagieren soll.

David James wendet sich an den 20-jährigen Mittelfeldspieler Vidir Thorvardarson. »Hast du ein Ritual vor dem Spiel?« Vidir blickt von seinem Mojito auf. »Äh, ich schnüre mir immer zuerst den linken Schuh.« Bevor James ihm sagen kann, dass ihn diese Gewohnheit nicht zu einem besseren Spieler machen wird, springt Hermann Hreidarsson von seinem Stuhl auf und verkündet, dass es Zeit für Schnaps sei. Nachdem alle ein Glas vor sich haben, stimmt er eine feierliche Melodie an. James und die anderen erheben sich und stimmen ein. Als die letzte Strophe verklungen ist, hebt Hreidarsson sein Glas und grölt: »Aaaaaaaaaaaaaaaaariba! Abajo! Al centro, Butragueno! Prost!«

Handstand auf der Theke

2009 druckte die »Daily Mail« drei Fotos von Hreidarsson, wie er in Portsmouth einen Nachtklub besuchte. Auf dem ersten Bild machte er einen Handstand auf der Theke, auf dem zweiten rauschte er kopfüber in die Bar. Das dritte zeigte ihn, kurz bevor er auf dem Boden aufschlug. Die Überschrift lautete: »Sieht so Saisonvorbereitung aus, Hermann?« Ungefähr zur gleichen Zeit wurde David James heftig dafür kritisiert, dass er zugegeben hatte, während der ersten fünfzehn Jahre seiner Karriere zwanzig Zigaretten am Tag geraucht zu haben. Hier in der Bar applaudieren die Gäste an den Nebentischen, wenn die Spieler mit Schnaps anstoßen. Gegen eins schließt das Restaurant und die meisten gehen nach Hause. James und Hreidarsson bleiben noch bis drei Uhr sitzen. Danach wechseln sie in die Wohnung von Hreidarssons Schwester, die leer steht, seit die Schwester nach Norwegen gezogen ist. Dort trinken sie weiter Whisky und reden über Fußball. Als David James in seiner Bude über dem Frisörsalon ins Bett fällt, ist es schon nach fünf Uhr und die Sonne scheint durch die Spalten zwischen Rollo und Fensterrahmen.
Drei Stunden später wankt Hermann Hreidarsson an Deck der Fähre in Richtung Fest-
land. Normalerweise knallt er die Strecke nach Reykjavik in anderthalb Stunden durch, ausgestattet mit einem Infrarotgerät, das die Kameras der Blitzer überlistet. Heute aber hat er den Sohn seiner Kusine überredet, ihn zu fahren. An Bord erzählt er, wie er David James auf die Westmännerinseln gelockt hat.

James und Hreidarsson spielten drei Jahre lang zusammen bei Portsmouth. Auch wenn sie sich abseits des Platzes selten sahen, verstanden sie sich gut. 2012 neigte sich Hreidarssons Karriere dem Ende zu. Sein Plan war es, sich zum Trainer ausbilden zu lassen und einen Job bei einer Jugendmannschaft zu suchen. Als seine in England aufgewachsenen Töchter den Wunsch äußerten, nach Island zu ziehen, gab er dem nach. Fünfzehn Jahre lang hatte sich die Familie nach ihm gerichtet, nun sollte es mal nach ihnen gehen. Dann trug ihm sein Heimatverein das Traineramt an – eine gute Gelegenheit, die neue Rolle auszuprobieren.

»Ich kam zu einem schwierigen Zeitpunkt«,
sagt er. »Wir mussten
acht unserer besten Spieler abgeben.« Zwei vakante Posten nach dem ökonomischen Kahlschlag waren die des Torwarts und Co-Trainers. Hreidarsson rief James an und lud ihn nach Island ein, um sich die Insel und den Verein anzusehen. Als sie nach Heimaey übersetzen wollten, war der Wind so stark, dass die Fähre drei Tage nicht fahren konnte. »Nachdem wir endlich da waren, war es gar nicht so schwer, ihn zu überreden«, erzählt Hreidarsson. »Er liebt den Fußball, will Trainer werden und hat hier die Chance, bei einem europäischen Erstligaklub zu arbeiten. In England hätte er bei einer Jugend- oder Reservemannschaft an­fangen müssen.« James unterschrieb für eine Saison.
Andere Kumpels, die Hreidarsson auf die Insel brachte, fragten ihn: »Wie kannst du hier leben? Hier gibt es doch nichts zu tun!« Nicht so David James. »Es ist ein einsamer Ort, aber David ist sehr bescheiden und smart. Er will neue Dinge kennenlernen. Ich nehme ihn mit nach Reykjavik, zeige ihm Galerien, Geysire und Wasserfälle. Aber meistens sitzen wir zusammen, kauen Tabak und reden über Fußball. Wir sind ein bisschen nerdig, was das betrifft.«

 
 
 
 
 
1234
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden