07.11.2013

Zu Besuch bei David James auf Island

Der alte Mann und das Meer

Seite 2/4: Camping am Berhgang
Text:
Erik Eje Almqvist
Bild:
Daniel Nilsson

»Hermann, Hermann, Hermann!« Das Gebrüll kommt von einer Frau im roten Mantel, die eine Puppe fest an ihre Brust gedrückt hält. Es sind noch 90 Minuten bis zum Anpfiff des Spiels gegen Fram Reykjavik, als Hermann Hreidarsson in Flip-Flops aus dem Auto steigt. Er streichelt der Puppe über den Kopf und macht sich auf den Weg zum Klubhaus. Die Prozedur wiederholt sich bei jedem einzelnen IBV-Spieler. Einige Minuten nach Hreidarssons Ankunft fährt ein dunkelgrauer Toyota Prius vor. Aus großen Boxen dröhnt De La Souls »Three Feet High and Rising«.

»James, James!«, ruft die Frau. Hinter dem Steuer nickt David James im Takt der Musik. So sitzt er noch etwa zehn Minuten da, bevor auch er aussteigt, die Puppe begrüßt und ins Klubhaus geht. 40 Minuten später kommt die Mannschaft über den Parkplatz und verschwindet in einem kleinen Tunnel unter der neuen Betontribüne. Hinter der Tribüne auf dem Rasen zu stehen, ist fürwahr ein Erlebnis. Auf der anderen Seite des Stadions erhebt sich ein mächtiger Berg, hinter dem Tor breitet sich das Meer aus. Bald trudeln aus allen Richtungen Zuschauer ein. Da das Gelände nicht eingezäunt ist, stehen die Kartenabreißer an den unterschiedlichsten Stellen rund um das Spielfeld. Doch viele Leute verzichten darauf, eine Karte zu kaufen und begnügen sich damit, ihre Autos am Straßenrand zu parken, so dass sie das Spiel aus dem wohltemperierten Fahrzeug heraus verfolgen können. Andere stellen ihre Campingstühle am Berghang neben den blökenden Schafen auf und öffnen eine Dose Bier.

Ein Drittel der Bewohner kommen zum Spiel

In der letzten Saison lag der Zuschauerschnitt von IBV bei 600. Seit Hermann Hreidarsson und David James am Ruder sind, hat er sich verdoppelt. Heute sind es vielleicht 1000. Da viele Bewohner auf See sind, bedeutet dies, dass etwa ein Drittel der Menschen, die sich derzeit auf der Insel befinden, zum Spiel gekommen ist.

Der Wind ist für David James gefährlicher als die Gäste von Fram Reykjavik. Als er in die Luft steigt, um einen Einwurf abzufangen, wird der Ball einfach fortgeblasen. James boxt ein Luftloch und landet ungelenk auf einem gegnerischen Angreifer. Oben am Berghang öffnet ein Fischer den Reißverschluss seines Overalls, um ins Gras zu pinkeln. »Das macht doch keinen Sinn«, sagt er. »Ich frage mich immer noch, was zum Teufel der hier verloren hat.« Er ist nicht der Einzige hier, der sich diese Frage stellt. Der Torwart mit den meisten Einsätzen in der Premier League war zwar immer dafür bekannt, anders zu sein als die meisten hochbezahlten Fußballprofis. Er schrieb Kolumnen im »Observer«, malte Ölbilder und zog nur selten mit seinen Mitspielern um die Häuser. Dennoch wäre es logischer gewesen, wenn er seinen Bekanntheitsgrad genutzt hätte, um seine Karriere im Nahen Osten, China oder einem der Sunshine States der USA ausklingen zu lassen.

Zwanzig Minuten vor Schluss steht es immer noch 0:0. Jedes Mal, wenn Hermann Hreidarsson einen Wechsel vorbereitet, starrt das Publikum gebannt an die Seitenlinie. Vor der Saison hatten viele gehofft, dass der ehemalige Kapitän der Nationalmannschaft selbst mitspielen würde. Hreidarsson indes entschied, sich auf seine Trainertätigkeit zu konzentrieren. Als er sich kurz vor Ende des ersten Spiels trotzdem einwechselte, begannen sogar die Polizisten in ihren Streifenwagen zu hupen. Doch diesmal bleibt Hreidarsson an der Seitenlinie. In der 82. Minute drückt Verteidiger Gunnar Már Gudmundsson den Ball irgendwie über die Torlinie. Als der Schiedsrichter abpfeift, reißt David James beide Arme hoch.
Eine dreiviertel Stunde nach dem Spiel scheint das Gelände verlassen, ein frisch geduschter Spieler nach dem anderen ist aus der Umkleidekabine gekommen. Dann aber öffnet sich die Tür nebenan, die zur Trainerkabine gehört. Heraus tritt David James mit herunterhängenden Stutzen, in der Hand eine halbleere Dose Bier. Kurz darauf ist auch Hreidarsson da. Beide gehen in den Gemeinschaftsraum, wo es Fischklöße mit Remoulade und Kartoffeln gibt. James füllt sich den Teller und setzt sich neben die beiden Trainer von Fram Reykjavik. Es gibt ein wenig Small Talk über Schiedsrichter, Golf, die Mitternachtssonne und seine ersten Tage bei IBV. Später fahren James und Hreidarsson zu einer Bar am Hafen, um den Rest der Mannschaft zu treffen. Es stehen ein paar freie Tage an und die Trainer haben einen Teamabend geplant.

I fucking hate Old Trafford

In der Bar sitzt die ganze Mannschaft um einen langen Tisch. Ein Spieler bestellt ein Zwergwal-Kotelett. Hreidarsson besorgt Bier und Mojitos, während David James sich ein bisschen Kautabak reinschiebt und den jüngeren Spielern Geschichten erzählt. Von damals, als er mit Portsmouth im Viertelfinale des FA Cups stand und in Old Trafford gegen Manchester United antreten musste. I fucking hate Old Trafford. Er erzählt von Wayne Rooney, Nani und Cristiano Ronaldo. Fuck – they were all there. Die Spieler um ihn herum lauschen gebannt. Die Hälfte von ihnen war noch nicht mal geboren, als David James seine Karriere begann. »Harry Redknapp, unser Trainer, war perfekt darin, uns vergessen zu lassen, gegen wen wir da spielen. Es ist sinnlos, sich darauf zu fokussieren. Denn was ist, wenn sie Ronaldo auswechseln? Dann stehst du plötzlich da und spielst gegen jemanden, den du überhaupt nicht kennst. Was machst du dann?« David James studiert an der Fernuni Psychologie, seit er auf Island lebt. Er lässt seine Hände auf den Tisch fallen. »Wie auch immer, wir standen 85 Minuten lang mit dem Rücken zur Wand, dann bekamen wir einen Elfer und gewannen 1:0.« That was it.

 
 
 
 
 
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