07.11.2013

Zu Besuch bei David James auf Island

Der alte Mann und das Meer

Der Torwart David James war nie unumstritten, aber er hütete immerhin jahrelang das Tor der englischen Nationalmannschaft. Was zum Teufel macht so einer mit 43 Jahren  auf einer abgelegenen isländischen Vulkaninsel?

Text:
Erik Eje Almqvist
Bild:
Daniel Nilsson

Oft sind die letzten Stationen bekannter Fußballer leicht vorherzusehen. Niemand wird überrascht gewesen sein, dass David Beckham seine Laufbahn bei einem finanzstarken Klub in einer Modemetropole beendete oder dass Stefan Effenberg und Gabriel Batistuta nach Katar gingen, um ein paar letzte Millionen einzustreichen. Genauso logisch ist es, dass Typen wie Francesco Totti oder Steven Gerard ihren Vereinen bis zum Schluss treu bleiben. Ab und zu aber gibt es auch Fußballer, die im Spätherbst ihrer Karriere an seltsamen Orten landen.

Um auf die Westmännerinseln zu kommen, muss man zunächst ein Flugzeug nach Keflavik besteigen. Von dort kämpft man sich durch den aus Reykjavik kommenden Verkehr auf der Ringstraße 1, die sich durch eine trostlose schwarze Landschaft schlängelt. Kilometerweit nichts als vom Wind geplagte Weiten voller Vulkangestein, kaum ein Baum weit und breit. Im Auto stinkt es bald stechend nach Schwefel, dann sieht man Rauch aus Geysiren aufsteigen und den Boden am Wegesrand blubbern. Nach zweieinhalb Stunden taucht der schneebedeckte Vulkan Eyjafjallajökull am Horizont auf. Sobald man das Getöse eines 60 Meter hohen Wasserfalls vernimmt, ist es Zeit, links abzubiegen. Nach ein paar Minuten erreicht man einen unansehnlichen Fährhafen an Islands Südspitze. Wenn der Wind nicht zu kräftig bläst – was er aber oft tut –, kann man eine Fähre namens Herjólfur besteigen. Nach einiger Zeit sieht man kleine grüne Vulkane am Horizont. Sobald die Fähre in eine schmale Passage unter einer senkrechten Klippe gleitet, vermischt sich das Plätschern der Wellen mit dem Knarzen tausender Papageientaucher. Auf der anderen Seite der Passage sieht man, wie sich eine kleine Siedlung mit niedrigen weißen Häusern am Fuße zweier schwarzer Vulkane ausbreitet. Das ist Heimaey, das einzige bewohnte Eiland der Westmännerinseln. Weil die meisten ihrer 4221 Bewohner auf See arbeiten, wirkt sie meistens wie leergefegt. Fünf Minuten Fußweg vom Hafen entfernt liegt ein zweistöckiges Haus, von dem die Farbe abblättert. Die Fenster sind mit Salz verkrustet und ein schlichtes bedrucktes Blatt Papier weist auf Victors Friseursalon hin. Geht man um das Haus herum, kommt man zu einer moosbewachsenen Steintreppe, die in eine karg möblierte Wohnung mit kahlen Wänden führt. Unter dem Küchentisch sieht man drei zusammengefegte Dreckhäufchen, auf einem Heizkörper liegen vier getrocknete Fußballstutzen.

Hier wohnt David James.

Der Mann, der bis vor drei Jahren die Nummer eins im englischen Tor war, liegt in der Mitte des Raumes auf einer ranzigen weißen Ledercouch. Er trägt Sneakers, Fußballshorts und ein Torwarttrikot mit dem Kürzel IBV auf der Brust. Seit James im April den englischen Zweitligisten Bournemouth verließ und als Keeper und Assistenztrainer der einzigen Fußballmannschaft der Westmännerinseln unterschrieb, ist dies sein Zuhause. Er hat in der Wohnung bisher nichts renoviert, überlegt aber, in ein paar Gardinen zu investieren, denn in den letzten Monaten fiel es ihm schwer, vernünftig zu schlafen. Meist wacht er gegen drei Uhr davon auf, dass die Sonne zwischen dem Fensterrahmen und dem schiefen Rollo hindurch direkt in sein Gesicht scheint. Er döst dann noch so lange vor sich hin, bis sein Smartphone neun Uhr anzeigt.

Erst Training, dann faulenzen

Nachdem er im Café an der Ecke gefrühstückt hat, lässt er sich mit seinem Laptop aufs Sofa fallen, um die letzten IBV-Spiele zu analysieren oder einen der kommenden Gegner zu studieren. Gegen zwölf setzt er sich in seinen Wagen, um zum Trainingsgelände zu fahren. Dort angekommen, trinkt er einen Kaffee, stopft sich etwas isländischen Kautabak unter die Lippe und bereitet gemeinsam mit Cheftrainer Hermann Hreidarsson die Trainingseinheit vor. Hreidarsson ist auf der Insel einer der erfolgreichsten Fußballer aller Zeiten. Die beiden sitzen ein paar Stunden zusammen, sie haben viel Zeit. Da die meisten Spieler in einer der Fischfabriken am Hafen arbeiten, beginnt das Training erst am frühen Abend. Wenn James vom Training zurückkommt, fläzt er sich meist direkt wieder aufs Sofa, twittert oder verbringt den Abend mit einem seiner Kunstbände. Er geht selten vor Mitternacht ins Bett.

David James zeigt uns Bilder auf seinem Smartphone. »«Wenn ich genug Zeit und Inspiration habe, male ich gern Porträts. Als ich bei Manchester City war, habe ich allein gewohnt und hatte viel Zeit. Da habe ich sogar beim Kochen gemalt. Selbstporträts. Meine Exfrau meinte: ›Fuck, du malst ja nichts anderes als dich selbst!‹« Er hält das Telefon hoch. »Es ist keine große Kunst, aber hier ist ein Beispiel. Keine Ahnung, was für eine Rose das ist, aber sie hat irgendwas mit Gefühlen zu tun. Ich saß da und dachte, wie kann ich es ausdrücken, dass ich Schwierigkeiten habe, Gefühle wirklich an mich heranzulassen? Also habe ich das hier gemalt.« Auf dem Display sieht man ein Ölgemälde, dargestellt ist eine Hand, die von einer Art Glaskugel umschlossen wird. Die Finger versuchen vergeblich nach außen zu gelangen, um eine rosafarbene Rose zu berühren. »Das ist meine Hand, die versucht, nach den Gefühlen zu greifen. Aber ich bin in einer Blase gefangen, die mich daran hindert.«

 
 
 
 
 
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