Zu Besuch bei Apoel Nikosia gegen Real Madrid

Die Nacht der Nächte

Eine Stadt im Ausnahmezustand. Gegen das große Real Madrid war das kleine Apoel Nikosia drauf und dran, Geschichte zu schreiben. Leider dauerte das Spiel 90 und nicht nur 75 Minuten. Gefeiert wurde trotzdem. Unser Autor Simon Riesche war für uns vor Ort.

Simon RIesche

Es gibt Spiele, die sind etwas Besonderes. Man sieht es den Gesichtern der Fans an, wenn sie vom Parkplatz oder der Bushaltestelle in die Kurve eilen. Man hört es in den Stimmen der Radioreporter, die besonders laut ins Mikrofon rufen. Im Zeitalter der Ultra-Fankultur merkt man es auch den Choreografien an, die noch kreativer und farbenprächtiger sind als sonst.

Für das Starensemble von Real Madrid mag es eine lästige Auswärtsfahrt in die europäische Fußballprovinz gewesen sein, für den kleinen zyprischen Verein Apoel Nikosia war das Champions-League-Viertelfinal-Hinspiel gegen den spanischen Rekordmeister das Fest der Feste. Die Nacht der Nächte.

Viel ist in den vergangen Tagen und Wochen über Apoel Nikosia und seine Anhänger geschrieben worden. Die Fans des Vereins gelten als stramm nationalistisch. Immer wieder geraten sie mit den Fangruppen des Lokalrivalen Omonia Nikosia aneinander. Dabei geht es um Fußball, vor allem aber um Politik.

Faschisten gegen Kommunisten – So einfach ist das nicht

Es geht um die Frage, wie man mit dem türkisch besetzten Nordzypern umgehen soll. Es geht um den Streitpunkt eines möglichen Anschlusses der Republik Zypern an Griechenland. Omonia ist der Klub für die Linken, Apoel der für die Rechten. Die einen beschimpfen die anderen als Kommunisten, die anderen die einen als Faschisten. So weit, so einfach. Doch so einfach ist es natürlich nicht.

Auch gestern dürften einige rechtsradikale Idioten im Stadion gewesen sein, bemerkt hat man sie nicht. Im Gegenteil: Türkische Real-Fans machten vor dem Spiel Verbrüderungsfotos mit Apoel-Fans und reckten dabei stolz die griechische und die türkische Flagge in die Höhe. Man mag das als pathetische Randerscheinung abtun. Schön war’s trotzdem. Wie sich überhaupt die Stimmung im Stadion am besten mit dem Wort magisch beschreiben lässt. 

Immer wenn der Ball unterwegs in die Hälfte von Real Madrid war, sprang das ganze Stadion wie entfesselt von den Sitzen. Bei jeder Flanke von Özil hielt es die Luft an, bei jedem misslungenen Real-Torschuss atmete es kollektiv aus. Ein kleiner Junge im Apoel-Trikot musste von seinem besorgten Vater mit vom Sitznachbarn gespendeten Süßigkeiten beruhigt werden. Sonst hätte er womöglich einen Herzkasper bekommen.

Ja, es war ein Spiel für Väter und Söhne. Ein Spiel, von dem man an langen Winterabenden den nachfolgenden Generationen berichten kann. Ich war dabei, als unser Verein damals im Champions-League-Viertelfinale gegen Real Madrid gespielt hat.  Und wenn der Schiedsrichter eine Viertelstunde früher abgepfiffen hätte, hätten die Apoel-Fans der Zukunft noch mehr zu erzählen gehabt. So endete es wie es alle superschlauen Experten rund um den Globus vorhergesagt hatten: Real Madrid? Eine Nummer zu groß für Nikosia! Im Stadion gab es trotzdem donnernden Applaus für die wackeren Kicker von Apoel. Gekämpft haben sie, gegrätscht und geschwitzt.

Eine große Nummer im Kartoffelgeschäft

Zurück in die Innenstadt! Ein dickbäuchiger und schwer alkoholisierter Geschäftsmann hat zwei Journalisten großspurig eingeladen, das Taxi mit ihm zu teilen. Er selbst sei eine große Nummer im Kartoffelgeschäft, erzählt er unterwegs mit schwerer Zunge. Am Ende der Fahrt fällt ihm auf, dass er dann doch nur noch fünf Euro übrig hat. »Nichts für ungut, nächstes Mal schenke ich euch einen Sack Kartoffeln.«

Halb drei Ortszeit, die nötige Bettschwere ist erreicht. Im Kopf hallt das Stadionerlebnis nach. »A-A-A-POEL«, singen die Fans, Özil flankt, irgendjemand verkauft Kartoffeln. Wirre Träume in Nikosia, einer Stadt im Fußballfieber. In der Nacht der Nächte.

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