Zu Besuch auf der »SpoBis«

Jürgen Klopp hat keine Tapete

Auf dem Sport-Business-Kongress SpoBis wird der Fußball vermarktet. Die Branche lernte, dass die FIFA korrupt ist, amüsierte sich gemeinsam mit Jürgen Klopp und vergaß dabei fast diejenigen, die sich Fußball im Stadion anschauen. Zu Besuch auf der »SpoBis«

Es ist ein offenes Geheimnis, dass eine grandiose Bewerbung alleine nicht ausreicht, um von der FIFA den Zuschlag zu bekommen, eine Fußball-Weltmeisterschaft auszurichten. Dem deutschen Sommermärchen 2006 sind nach Ansicht des Ex-FIFA-Funktionärs Guido Tognoni politische Ränkespiele vorausgegangen, die über die sonst gängige Praxis des profanen Stimmenkaufs hinausgehen. Auf dem Sport-Business-Kongress SpoBiS in Düsseldorf erneuerte der Schweizer nun seine These aus dem »Aktuellen Sportstudio«, auch die politische Elite sei eingebunden gewesen in die Akquise von Stimmen der Exekutivmitglieder. Um das »Ja« eines saudi-arabischen Delegierten zu bekommen, habe »die Bundesregierung kurzfristig das Waffenembargo aufgehoben. Es wurde alles getan – und auch das –, um diese Stimme zu bekommen.«

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Um das Thema Stimmenkauf und Manipulation der Exekutivmitglieder zu umgehen, schlug Tognoni vor, die Ausrichter der nächsten Turniere auszulosen. »Am besten, man geht in eine Tombola. Dann überlässt man die Entscheidung dem Zufall und nicht den persönlichen Stimmungen.« Der Beginn des SpoBiS, ein »Come-Together der Top-Entscheider, Premium-Partner und budgetverantwortlichen Sponsoren«, der den Sport vermarktenden Szene also, eröffnete mit Tiraden auf den Weltfußballverband. Dass ein Großteil der im Congress Center Düsseldorf (CCD) anwesenden, in elegante Anzüge gekleideten Entscheidungsträger der großen Sponsoren mit genau diesen Sportgroßevents eine Menge Geld verdienen, war auch dem Investiggativjournalisten Andrew Jennings (BBC) herzlich egal. »Do you think, you got your tournament without paying? Let me say it loud and clear: You did pay. Germany payed for this.«  

Trotz SpoBis: Bruchhagen steht nicht auf Werksvereine  

Auch Heribert Bruchhagen verdient viel Geld in diesem Business, trotzdem versteht er sich als Anwalt der Meinung, Vermarktung von Fußball stoße irgendwann an seine Grenzen. Vor allem sieht der Vorstandschef von Eintracht Frankfurt Vereine kritisch, denen große Mutterkonzerne finanziell unter die Arme greifen. Da war es keine schlechte Idee der Veranstalter, ihm den Marketing-Geschäftsführer des VfL Wolfsburg, Thomas Röttgermann, zur Seite zu stellen, einen Prototypen der Spezies Top-Entscheider. Der ehemalige Deutschland-Geschäftsführer der weltweit führenden Agentur für Fußballvermarktung »Sportfive« – verantwortlich für die Gesamtvermarktung von gleich elf Bundesliga-Vereinen – hatte es in Raum 27 des CCD schwer. Eintrachts Boss ließ zwar das Argument gelten, VW sei keine nach Profit (Sportbusiness-Fachwort: »Exit«) strebende Heuschrecke. Mit dem Prinzip »Konzern finanziert Fußballverein« wusste der betont bärbeißige Bruchhagen allerdings nichts anzufangen. »Ein Unternehmen wie »Miele« könnte den FC Gütersloh problemlos in den bezahlten Fußball zurückführen«, genauso wie der Landmaschinenhersteller Claas aus Harsewinkel die ortsansässige TSG.

Die neue Formel der Ökonomie: 50+1 >>>

»Finanziell haben Traditionsvereine keine Chance gegen Hoffenheim oder die Werksklubs wie Wolfsburg. Und zu Auswärtsspielen kommen die dann mit 159 Fans.« Vermarktungsprofi Rüttgermann versuchte, Bruchhagens stoische Renitenz zu kontern: »Zu attraktiven Spielen bringen wir auch mehr Fans mit. Und wer sagt denn, dass nur Traditionsvereine das verbriefte Recht haben, Titel zu holen?« Er werde sich ganz sicher nicht »dafür entschuldigen, dass wir 2009 Meister geworden sind.« In einem waren sich die Funktionäre einig: Von den heftigen Erdstößen, die das Fallen der 50+1-Regel auslösen würde, wird die Bundesliga auf absehbare Zeit verschont bleiben. Allein schon deshalb, weil die 36 Bundesligavereine sich mit überwältigender Mehrheit seit Jahren dagegen aussprechen. Die Bruchhagens des deutschen Fußballs können weiter ruhig schlafen.  

Der Kongress bot aber auch Utz Claassen und Carsten Maschmeyer ein Forum. Seit Jahren gehören die beiden Großunternehmer zusammen mit 96-Präsident Martin Kind zu den vehementesten Kritikern von 50+1. Maschmeyer ist Gründer von AWD, dem Namensgeber des Hannoveraner Stadions und hätte lieber heute als morgen einen Löwenanteil an der dem Stammverein ausgegliederten Kapitalgesellschaft gekauft. Aktienpakete-Jongleure wie Utz Claassen haben die Hoffnung schon aufgegeben. Der ehemalige EnBW-Vorstandsvorsitzende wurde auf dem SpoBiS wie ein Star empfangen, unterstrich das auch durch die ihn umgbende Entourage und referierte auf der Hauptbühne vor großem Auditorium, warum er nicht im deutschen Fußball investiert, sondern seit Ende 2010 zehn Prozent am spanischen Klub RCD Mallorca hält.  

Jürgen Klopp erheiterte den SpoBiS mit Nonchalance  

Für Zerstreuung unter den emsig Kontakte knüpfenden und Verträge abschließenden Marktgrößen sorgte der aktuelle »Everybody´s darling« der Bundesliga. Hintergrund: Gefühlte 64 Zehn-Sekunden-Trailer eines Tapeten- und Kleisterherstellers flimmern jedes Wochenende über den Bildschirm des Bezahlfernsehens. Dabei, was für eine Überraschung, tapeziert Jürgen Klopp sein Haus gar nicht selbst. Der BVB-Trainer sagte: »Jetzt ganz offiziell: Ich habe KEINE EINZIGE Tapete in meinem Haus.« Geschenkt. Oder nutzt Franz Beckenbauer privat alle Handynetze, für die er schon Werbung gemacht hat? Beim Talk mit Jens Lehmann und »Bild«-Urviech Alfred Draxler stand die personenbezogene Werbung im Mittelpunkt. Wer die Begriffe Glaubwürdigkeit und Erfolg transportieren will, und welches Unternehmen will das nicht, der kommt um das »Testimonial« Klopp nicht herum. Der telegene Coach ist ein goldenes Kalb – er weiß das und er spielt damit. »Wenn wir uns die Konkurrenten gemeinsam im Fernsehen anschauen, dann sehen mich meine Jungs sechs, sieben Mal in zwei Stunden. Das ist unangenehm, aber ich bin froh, dass sie nicht denken, ich würde das jedes Mal live machen.«

»Vereine sind Unternehmen« – Martin Kind über 50+1 >>>

Im Gegensatz zum Humoristen Klopp nahm Jens Lehmann den nachdenklicheren Part ein und mahnte die vom Boulevardjournalismus gerne eingesetzte Praktik des Abfeierns und Fallenlassens an. »Bild«-Mann Draxler sagte, Prominente, also auch Fußballer, müssten nicht mit ihr zusammenarbeiten, wenn sie es nicht wollten. Aber: »Wer uns im Fahrstuhl nach oben mitnimmt, der darf sich nicht wundern, dass wir auch drin sitzen, wenn es wieder runter geht.« It's a cruel, cruel world.  

Fast hätte der SpoBiS den Fan vergessen  

Am Ende des ersten Tages der SpoBiS drehte sich ein Gespräch für einen Moment tatsächlich um diejenigen, die all das, was die Kongress-Mitglieder ersinnen, auch bitte konsumieren sollen. Die Kommerzialisierung des Fußballs stoße irgendwann an seine Grenzen, erhob kein Geringerer als Christian Seifert den mahnenden Zeigefinger. Der DFL-Geschäftsführer glaubt nicht, dass der neue TV-Vertrag, der Anfang 2012 für vier Jahre vergeben wird, viel mehr Geld in die Kassen der Vereine spülen wird, als die 440 Millionen, die es im Moment pro Saison sind. Das liegt vor allem daran, dass dem ohnehin an Kunden mangelndem Pay-TV nicht noch mehr Exklusivität gewährt werden soll. »Wir wollen nicht, dass der Spieltag noch weiter zerrupft wird, das können wir den Fans nicht zumuten. Bei allen Versuchen, die Vermarktung auszureizen, dürfen wir nicht vergessen, dass der Fan im Stadion auch eine Rolle spielt – in unserem Geschäft.«


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