Zu Besuch auf der größten Fußballbörse Europas

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Erftstadt-Lechenich ist das Mekka der Sammler und Jäger. Die größte Fußballbörse Europas bietet alles – inklusive Selbstzweifel.

Marc Jahnen
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Sepp Maier, 71, sitzt jetzt schon seit zwei Stunden auf dem Podium. Eingeplant waren nur 90 Minuten, und jetzt ruft einer von der Bühne auch noch lauthals durch den Saal: »Der Sepp hat gesagt: Er hängt ’ne Viertelstunde dran.«

Sofort bildet sich wieder eine Schlange, die in der Schulaula beginnt, sich langsam am Wertmarken-Stand vorbeischiebt, von der Cafeteria hinaus auf den kleinen Pausenhof, hoch über eine angebaute Metalltreppe, oben nur kurz gestoppt von einem Security-Mann, und dann durch den Hintereingang auf die Bühne.

101 Verkäufer, 2500 Sammler und ein Stargast

Das Sammlertreffen in Erftstadt-Lechenich, zwischen Köln und Bonn, ist die größte Fußballbörse Europas und findet an diesem Sonntag zum zehnten Mal statt. Die Fläche für die Verkaufsstände musste verdoppelt werden, zur Schulaula ist noch die Sporthalle hinzugekommen, wo jetzt Originaltrikots an der Sprossenwand hängen.

Ein imposanter Flohmarkt der Fußballkultur: 1000 Quadratmeter Ausstel­lungsfläche, 101 Verkäufer, 2500 Sammler und ein Stargast.

Kris van Elst aus Herentals hat es endlich zum früheren deutschen Nationaltorwart geschafft. Sie war mit ihrem Mann bereits am Samstag nach Erftstadt angereist, und schon am Sonntagmorgen um sieben Uhr haben sie das Schul-Sportzentrum betreten. Weit hatten sie es nicht, denn sie haben in ihrem Wohnmobil direkt vor der Tür übernachtet. Die Belgierin ist für die Begegnung mit Sepp Maier bestens präpariert. Sie hält 15 verschiedene Autogrammkarten von ihm bereit und eine obskure Sepp-Maier-Plastikfigur aus den siebziger Jahren, in der man ihn eher nicht wiedererkennt. Damit der Stargast nicht wertmindernd auf dem Hinterkopf unterschreibt, hat sie ein Pappschild daran befestigt.


Bild: Marc Jahnen

Die Sammlerin bricht indes das wichtigste Gesetz der Autogrammstunde: Jeder nur drei Unterschriften, sonst neu anstellen! Das steht jedenfalls auf den A4-Zetteln, die überall aushängen. Es ist ihr Glück, dass der Weltmeister von 1974 die Spielregeln bei ihr kurzerhand außer Kraft setzt. Als ein Security-Mann vor der vierten Unterschrift einschreitet, sagt Maier: »Sie ist extra aus Belgien gekommen.« Wenig später ist alles unterschrieben, auch Maiers Werbung für eine belgische Chipsmarke, die er selbst noch nie gesehen hatte.

Jahrestreffen der Karohemden- und Schnurbartträger

In der Warteschlange zum Sepp und beim Rundgang über die Börse zeigt sich: An diesem Ort verlängern alte Männer ihre Jugend ins Unendliche. »Best Ager«, sagt Mitorganisator Martin Zepp grinsend, »junge Leute werden Sie hier nicht treffen.« Was auch schnell klar wird: Sammler sind keine Styler, selbst wenn einer in Bayern-Trainingsjacke mit Commodore-Schriftzug herumläuft.

Es ist eher das Jahrestreffen der Karohemden- und Schnurbartträger, von denen viele die Organisation ihrer »Kicker«-Sammlung besser im Griff haben als ihren Body Mass Index. Es wird alles gesammelt und verkauft, was der Fußball hergibt, und wo sonst findet man nebeneinander das Buch »Als Stuhlfauth noch im Tore stand«, eine Krawatte des SV Sandhausen und das Programmheft des Meisterschaftsspiels TSV Großbardorf – SpVgg Bayern Hof?

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