Zu Besuch auf dem Bundesliga-Campingplatz

Alles eins

Auf der Camping-Insel Grav am Rhein teilen sich Schalker und Bayern die Wohnwagen, verschmilzt die ganze Bundesliga zum FC Deutschland. Jetzt, da der Sommer vorüber ist, nehmen wir euch noch einmal mit in die Gluthitze der großen Ferien. 

Norman Konrad
Heft: #
165

Klaus’ Bizeps ist vermutlich die höchste Erhebung Nordrhein-Westfalens. 127 Kilogramm Muskeln: Dieses Gebirgsmassiv von einem Mann war mal Deutscher Meister im Bankdrücken, stemmte Gewichte mit Ralf Möller, der sich damals noch als Schwimmmeister in Recklinghausen verdingte und später zum Kraftmeier von Hollywood avancierte. Zu seinen wilden Zeiten, Mitte der Achtziger, war Klaus Mitglied der Gelsenszene, einer gefürchteten Schalker Hooligantruppe, wurde von Freund und Feind nur »der Eisenbieger« genannt. Noch immer kann man sich lebhaft vorstellen, wie er jetzt einfach von seinem Klappsessel aufsteht und das Gartentor vor seiner Parzelle zerknautscht, um mal eben kurz seine alte Stärke aufblitzen zu lassen.

Aber hier und heute, in seinem Campingurlaub auf der Insel Grav, bleibt er lieber sitzen unterm S04-Sonnenschirm, die Bulldogge Paula zu seinen Füßen. Er raucht auf Vorrat 
gestopfte Zigaretten und trinkt Dosenbier mit seinem Nachbarn Mark. Dass der ein eingefleischter Fan des FC Bayern 
ist und sich ein Triplesie
ger-Shirt recht provokativ über seinen Bierbauch spannt, stört Klaus, den Althauer, offenbar nicht die Bohne. Wie ein satter Silberrücken blinzelt er zufrieden in den hellen Tag. »Ihr 
seid schon ’ne geile Aktiengesellschaft, hömma!«, ruft er dann, lacht aus vollem Halse und haut Mark mit 
der Zärtlichkeit eines Schaufelbaggers auf die Schulter. »Ja, sichi!«, sagt Mark und versucht gleichzeitig, sein Triplesieger-Grinsen zu 
bewahren und sich nicht 
am Dosenbier zu verschlucken. Paula guckt kurz auf und döst dann weiter. Bloß kein Stress, am heißesten Tag des Jahres, unter der im Zenit stehenden Sonne. Hier auf Grav, der Insel der Glückseligen.

Wo die Gesellschaft als Ganzes Urlaub macht

1969 war es, dass der gelernte Versicherungskaufmann Wolfgang Seibt bei einem Pfingstausflug 
auf die Insel Grav aus einem Dachfenster des hiesigen Kartäuserklosters blickte und eine Vision ihn überkam: Plötzlich sah er, wo sich noch öde Überschwemmungswiesen endlos erstreckten, einen riesigen Campingplatz vor sich, den größten überhaupt. Einen Ort der Erholung, wo die Gesellschaft als Ganzes Urlaub macht von ihren Konflikten, ihrem Hickhack und Bürokrieg. Wo Frieden herrscht zwischen den Menschen. Zwischen Reichen und Armen, Vorgesetzten und Untergebenen. Ja, selbst zwischen Schalkern und Bayern.

Heute, 45 Jahre später, scheint Seibts soziale Utopie wahr geworden zu sein: Die Insel Grav, gelegen im Niederrhein auf Höhe der Kreisstadt Wesel, durch einen Damm verbunden mit dem Festland, bietet 20 000 Urlaubern Platz, das Wegenetz ist 35 Kilometer lang, es gibt eine eigene Feuerwehr, einen Sanitärnotdienst, eine Schreinerwerkstatt, einen Streichelzoo, eine Diskothek, einen Supermarkt, ein Massagestudio, eine Notfallambulanz, fünf Kneipen und einen Angelverein mit 
15 Mitgliedern. Es gibt eigentlich alles. Nur keinen Streit. Nicht mal zwischen Fußballfans.

»Fleisch is’ Fleisch«, sagt Klaus. »Ja, sichi!«, sagt Mark.

»Auf Grav ist alles eins«, sagt Wolfgang Seibts Sohn Frank, in zweiter Generation Chef, Bürgermeister und Kurdirektor. »Bei uns haben sich alle lieb.« Er zeigt sein Inselreich vom Kleinsttransporter aus, spürbar stolz auf das, was hier entstanden ist: eine Kleinstadt, ja, eine kleine Welt, die besser zu sein scheint als die große. Im Schatten der Markise brüten die Zahnarztgattin und die Putzfrau gemeinsam überm Sudoku, lässt sich ein Bayern-Fan das Nackensteak schmecken, das ein Schalke-Fan auf seinem königsblau getünchten Riesengrill zubereitet hat. »Fleisch is’ Fleisch«, sagt Klaus, der Althauer. »Ja, sichi!«, sagt Nachbar Mark. »Na, dann guten«, sagt Frank Seibt.

Aus dem Fenster des Transporters, den er so behände durch die engen Gassen der Insel lenkt wie ein Einparker beim Autoscooter, nur mit dem Daumenballen der linken Hand am Lenkrad, sieht man Sonnensegel, Palisadenzäune und Parabolantennen in den Farben aller auch nur annähernd bekannten Vereine. Unmittelbar nebeneinander, dicht an dicht. Nicht selten ist ein und dasselbe Grundstück von Gartenzwergen eigentlich rivalisierender Klubs bevölkert. Frank Seibt selbst ist, ganz Kurdirektor, Fan jedes erdenklichen Vereins. Wenn überhaupt, hat der FC Schalke 04 bei ihm ganz leicht die Nase vorn, wegen Ingo Anderbrügge. Der hat hier nämlich mal bei einem Wohltätigkeitsspiel mitgekickt. »Guter Typ«, sagt Seibt. »Der Ingo.«

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