Zehnter Todestag von George Best

An ihn kam keiner heran

Heute vor zehn Jahren, am 25. November 2005, starb George Best. Ein Genie, das den Ball beherrschte, aber am Leben scheiterte.

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Heft #51 02 / 2006
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»Wenn es zu spät zur Umkehr ist, kann man sich nur noch zu Tode saufen oder versuchen, dem Teufel große Werke zu errichten.« (Irisches Sprichtwort)

Er hatte sich für die erste Alternative entschieden und es endlich hinter sich gebracht.War auf die andere Seite übergewechselt und überrascht haben dürfte es niemanden. Man hatte es kommen sehen, seit wie vielen Jahren eigentlich schon? Es war wohl mehr als seine Karriere, deren unrühmliches Ende mehr als 20 Jahre zurückliegt, angedauert hat. Was danach noch folgte, war eine einzige Freakshow. Obwohl es einen im Grunde einen Dreck angeht, wird man wütend. Wer auch nach der Lebertransplantation weitersäuft wie tausend Russen, der hat selbst Schuld. Als ob es um Schuld ginge, oder darum, wer Mitleid verdient.

Der vielleicht nicht größte, mit gewisser Wahrscheinlichkeit aber charismatischste Fußballer aller Zeiten ist tot. Andere haben häufiger Titel abgeräumt und mehr Tore geschossen, aber kaum einer repräsentierte seine Zeit so nachhaltig wie George Best. Und wenn die Zeit, für die er stand, immer stehen wird, nun einmal diejenige ist, die einen selbst geprägt hat, dann zählt eben nur sie. It’s as simple as that! Bestie, der Belfast Boy, Geordie (wie er in seiner Heimatstadt immer nur hieß), der fünfte Beatle, zu dem man ihn zeitweise ernannte, hat sich mit wenig Grandezza, aber brutaler Konsequenz unter die Erde gesoffen. He did it his way! Ein letztes Mal.

59 ist noch kein Sterbealter

Der runde Sechzigste, an dem man ihn wohl noch einmal im großen Stil abgefeiert und ihm vielleicht auch für viele seiner Entgleisungen öffentlich Absolution erteilt hätte, der war ihm nicht mehr vergönnt. Nein, 59 ist noch kein Sterbealter, und klar, es ist ungesund, permanent zu verdrängen, dass man irgendwann halt den Preis für seinen Lebenswandel bezahlt, oder in Bests Fall wohl besser: die Zeche. Trotzdem konnte und wollte man sich einen geläuterten und altersmilden Bestie, der als elder statesman ausgewogene Statements von sich gibt, auch nicht unbedingt vorstellen.

Außerdem: Bobby Moore, diesen wahren Ausbund an Seriosität und in jeder Beziehung das krasse Gegenteil von Best, raffte the big C mit Anfang 50 dahin, und John Lennon wurde mit gerade mal 40 von einem Irren abgeknallt. Und Brendan Behan, das andere irische Schandmaul das in seinem Beritt jeden anderen nach Belieben an die Wand gespielt hat, ertränkte seine gequälte Seele im Whiskey gerade zu der Zeit, als Best anfing groß herauszukommen.

Die Frage »Where did it all go wrong, Georgie?« wurde oft genug gestellt. An laienpsychologischen Fernanalysen über die Ursachen seiner Sucht und seiner Selbstzerstörung herrscht seit Jahrzehnten kein Mangel. Genau wie an Versuchen, ihn als letztlich Gescheiterten oder Unvollendeten zu porträtieren. Erinnern wir uns lieber an den Fußballer George Best, denn als solcher war er vielleicht doch der Größte.

Welche Position er spielte, war völlig egal

Verdammt schwierig, die Magie nach all der Zeit auf einen Nenner zu bringen.Vielleicht war es die enge Ballführung bei hohem Tempo; vielleicht die kleinen provozierenden Sidesteps, mit denen er, bevor er sich einen oder mehrere Kontrahenten zur Brust nahm, das gegnerische Publikum herausforderte; vielleicht aber auch nur die lässige Art, wie er einen Moment lang dastand, unmittelbar bevor er zu einer Aktion ansetzte, die man so noch nie gesehen hatte: mit lockeren Hüften und in den Knien wiegend, nicht unähnlich den Gunslingern aus den ersten Italowestern, die gerade herauskamen.

Einer seiner furiosen Sololäufe, bei dem er es mit wehender Mähne, irrwitzigem Gleichgewichtsgefühl und abgrundtiefer Verachtung für alle Blutgrätschen, die ihn aufhalten wollten, am liebsten mit einem halben Dutzend Gegenspieler aufnahm, das war so etwas wie Schienbeinsurfen und ist, zumindest aus britischer Perspektive, ein genuines Abbild der Sixties, so wie der Auftritt der Yardbirds in »Blow Up«, eine Modenshau mit Twiggy oder die Titelsequenz von »The Prisoner«.

Dabei ließ er aber so gut wie nie den nötigen Zug zum Tor vermissen, was ihn von den Fummelbrüdern südeuropäischer Prägung unterschied. Er war beidfüßig, sauschnell und viel robuster, als sein schmaler und auf den ersten Blick so mickrig wirkender Körper vermuten ließ. Seine Trickkiste war vielleicht nicht ganz so prall gefüllt wie die von Garrincha, und weniger zirkuskompatibel wirkte er auch, dafür aber traf er viel öfter ins Tor.

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