Zehn Jahre nach 9/11 erinnern sich die Protagonisten

Schalke-Athen: Das Trauerspiel

Das erste Flugzeug schlägt am 11. September 2001 um 14:46 Uhr im Nordturm des World Trade Centers ein. Keine sechs Stunden später spielt der FC Schalke in der Champions League gegen Panathinaikos Athen. Hier erinnern sich die Protagonisten. Zehn Jahre nach 9/11 erinnern sich die Protagonistenimago

Dienstag, 11. September 2001, 8:00 Uhr:
Lange hat Rudi Assauer, Schalkes Manager, auf diesen Tag hingearbeitet. Die Knappen sind Meister der Herzen, haben eine moderne Arena errichtet und dürfen an diesem Tag erstmals in der Champions League antreten. In der Gruppe mit Arsenal London, Panathinaikos Athen und RCD Mallorca rechnen sich die Schalker realistische Chancen auf den zweiten Platz aus. Um die Weichen für die Zwischenrunde zu stellen, muss am Abend im heimischen Stadion gegen Athen gewonnen werden. Das wichtigste Thema in den Tageszeitungen ist, ob das Dach in der neuen Arena auf Schalke bei Regen geschlossen wird oder nicht. Ein Detail, das bald keinen mehr interessieren wird. 

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12:30 Uhr, Schloss Berge/Gelsenkirchen:
Die Schalker Vereinsführung um Rudi Assauer und Josef Schnusenberg trifft sich mit dem Management von Panathinaikos Athen zum Bankett. Ein ganz normales Ritual vor internationalen Spielen. Nach dem Essen fahren Schnusenberg und Assauer mit dem Auto Richtung Geschäftsstelle. 

14:00 Uhr, RTL-Redaktion/Köln:
Ulli Potofski tritt seinen Dienst bei RTL an. Am Abend soll das Spiel der Gelsenkirchener in einer Studiosendung zusammengefasst werden. Potofski ist für die Moderation vorgesehen, im Kölner Studio. 

14:30 Uhr, Mannschaftsquartier/Billerbeck:
Die Schalker Mannschaft hat sich im Hotel-Restaurant Weissenburg, wo man traditionell vor Heimspielen absteigt, zum Mittagessen versammelt. Danach zieht sich Nico van Kerckhoven auf sein Zimmer zurück. Er ist hoch konzentriert vor seinem ersten Champions-League-Spiel und sondert sich von der Mannschaft ab, um noch ein kleines Schläfchen zu halten. Der Rest des Teams um Torhüter Oliver Reck bleibt noch etwas im Speisesaal. Das Fernsehgerät wird eingeschaltet. 

15:00 Uhr: RTL-Redaktion/Köln:
In den Redaktionsräumen laufen bereits erste Bilder aus den USA über die Schirme. Hektisch wird über eine Sonderberichterstattung diskutiert. Den ersten Einschlag um 14:46 Uhr im World Trade Center hält man zunächst für einen Unfall eines Sportfliegers. Ulli Potofski erinnert sich: »Kurz nach 15 Uhr sahen wir in der Redaktion, was nur die wenigsten live sahen: Die zweite Maschine schlug in den Südturm ein.« Nachrichtenmann Peter Klöppel verfolgt das Ereignis auf einem Fernseher, während er in der Maske sitzt. Jetzt ist klar, dass es sich um einen terroristischen Anschlag handelt. In der Redaktion wird jeder gebraucht. Auch Potofski. »Ich dachte in diesem Moment nicht, dass wir abends mit der Champions League auf Sendung gehen würden.« 

15:30 Uhr, A43 Richtung Gelsenkirchen:
Auf dem Weg zur Schalker Geschäftstelle hören Assauer und Schnusenberg im Autoradio von einem Unfall im World Trade Center. »Da ist ein kleines Sportflugzeug in den Turm geflogen«, sagt Assauer. Alles halb so wild.  

16:00 Uhr, Mannschaftsquartier/Billerbeck:
Mittlerweile sitzt fast die komplette Mannschaft vor dem Fernsehapparat im Esszimmer. »Wir saßen wie gefesselt den kompletten Nachmittag vor dem Bildschirm. Trotz des wichtigen Spiels bekam man die Bilder einfach nicht mehr aus dem Kopf«, erinnert sich Oliver Reck. Nico van Kerckhoven bekommt davon nichts mit. Er liegt auf seinem Zimmer. Handy und Fernseher sind ausgeschaltet. Huub Stevens sieht die Anschläge zuerst auf seinem Hotelzimmer. Beunruhigt geht er die Stufen zum Speisesaal herunter. »Ich habe sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Was ich vorfand, war eine komplett andere Mannschaft. Ich versuchte, das Thema herunterzuspielen, den Fokus auf das Spiel zu legen. Doch die Ereignisse wurden immer schlimmer.« Plötzlich fällt der Südturm in sich zusammen. Stevens wird klar, dass seine Mannschaft unter Schock steht. Er meldet sich bei Assauer: »Rudi, bitte versuche, dieses Spiel abzusagen! Die Spieler haben anderes im Kopf!« 



16:00 Uhr, Geschäftsstelle/Gelsenkirchen:
Assauer und Schnusenberg sind derweil in der Geschäftsstelle eingetroffen. Jetzt erst sehen sie die Bilder. Die komplette Tragweite des Vorfalls ist noch nicht einzuschätzen, es ist alles zu frisch. Die Meinungen gehen auseinander. »Lasst uns spielen«, sagt Assauer, der lange auf diesen Tag hingearbeitet hat. Die erste Gegenstimme kommt von Aufsichtsratmitglied Jürgen W. Möllemann. Er will seine Kontakte zur Politik nutzen, um das Spiel verschieben zu lassen. Als Assauer den Anruf von Stevens erhält, ändert auch er seine Meinung: »Ich wollte das Spiel sofort absagen, ohne Rücksicht auf die Vorschriften der UEFA.« Der Manager telefoniert mit den Verantwortlichen der UEFA und spricht mit den Delegierten vor Ort. Möllemann ruft beim Bundeskanzleramt und im Innenministerium an – alles erfolglos. Der Europäische Fußballverband verweist stur auf Übertragungs- und Werberechte. Zu viel Geld steht auf dem Spiel. Die UEFA besteht auf die Austragung der acht Abendspiele. Inzwischen klingeln die Telefone im Dauertakt. Viele Fans wollen wissen, ob sich die Fahrt ins Stadion überhaupt lohnt. Der Verein reagiert und lässt auf der Homepage verlauten, dass die Partie wie geplant um 20:45 Uhr angepfiffen wird.  

17:00 Uhr, A3 Richtung Gelsenkirchen:
Vom ursprünglichen Plan, eine Studiosendung zu machen, hat RTL inzwischen Abstand genommen. Geschäftsführer Hans Mahr gibt jedoch die Order, dass Fußball am Abend übertragen werden muss. Andernfalls drohen dem Sender horrende Vertragsstrafen. Ulli Potofski ist auf dem Weg von Köln nach Schalke, er soll die Sendung jetzt vor Ort moderieren, als Zusammenfassung nach dem Spiel. 

18:00 Uhr, Mannschaftsquartier/Billerbeck:
Die Schalker Mannschaft verlässt das Quartier mit dem Bus Richtung Arena. Zuvor hat es noch eine Besprechung gegeben. »Ich habe versucht die Spieler wie üblich auf das Spiel vorzubereiten, doch sie waren nicht aufnahmefähig«, erinnert sich Huub Stevens. Nico van Kerckhoven hat die Diskussionen um den Anschlag mitbekommen, kann selbst aber nicht mitreden, weil er die Fernsehbilder nicht gesehen hat. »Ich hatte gehört, dass ein Flugzeug in ein Haus in New York geflogen ist. Ich dachte: ein Unfall, wie er öfter mal passiert«, sagt der Belgier. Bei seinen Mannschaftskameraden gibt es auf der einstündigen Fahrt zum Stadion nur noch das Thema New York. Die Spieler sind verunsichert. Keiner will spielen. Noch bis kurz vor Anpfiff hoffen sie auf eine Absage. 

19:00 Uhr, Arena Auf Schalke/Gelsenkirchen:
Reporter Marcel Reif sitzt zwangsarbeitslos auf der Tribüne. Der Bezahlsender »Premiere« hat entschieden, das Spiel ohne Kommentar zu senden. Ein verzweifelter Versuch, angemessen auf das Geschehene zu reagieren. Die UEFA hat für die Stadien lediglich zwei Vorgaben ausgegeben. Das Begleitprogramm mit Musik und Werbung soll gestrichen werden und in allen Stadien eine Schweigeminute stattfinden. Letztere hat Assauer durchgesetzt, erzählt er später. 

20:45 Uhr, Arena Auf Schalke/Gelsenkirchen:
Die Schweigeminute vor dem Anpfiff: Während in der Schalker Nordkurve große Verunsicherung zu spüren ist, eine depressive, fast gespenstische Atmosphäre herrscht, grölen die griechischen Fans lautstark, als wäre nichts passiert. »Ich bin mir absolut sicher«, sagt Josef Schnusenberg, »dass die von den Anschlägen nicht alles mitbekommen haben.« Das Heimspiel wandelt sich kurzerhand in ein Auswärtsspiel. »Es fiel mir unheimlich schwer, mich zu konzentrieren«, erinnert sich Oliver Reck. Sogar Nico van Kerckhoven, der sich bislang abgesondert hat, ist von der Stimmung im Stadion irritiert. Was ist bloß los in der sonst so lautstarken Arena? Wo ist der Schalke-Roar? Auf dem Platz kommt er ins Grübeln. Langsam wird ihm klar, dass die unwirkliche Ruhe mit dem Unglück in Amerika zu tun haben muss. Schalkes damaliger Pressesprecher Gerd Voss sagt: »Für das Verhalten der Fans in einer solchen Situation gab es einfach keine Anleitung.« Das Spiel wird wie durch einen Schleier wahrgenommen. Schalke hat kaum Möglichkeiten, ist defensiv äußerst anfällig. Die Athener um den portugiesischen Spielmacher Paulo Sousa dominieren das Spiel und gewinnen mit 2:0.  Huub Stevens sagt: »Es war eine ganz andere Mannschaft auf dem Platz, als ich mir das vorgestellt hatte.«

22:15 Uhr, Arena Auf Schalke/Gelsenkirchen:
RTL hat den kompletten Tag aus New York berichtet. Jetzt steht die Zusammenfassung des Schalke-Spiels auf dem Programm. Peter Klöppel gibt ab zu Ulli Potofski. »Es war ein fürchterliches Gefühl, auf Sendung zu gehen. Fußball war in diesem Moment so bedeutungslos. Ich war völlig zerfahren, die Moderation fiel mir schwer.« Potofski ist ehrlich zu den Zuschauern: »Meine Damen und Herren, ich wundere mich selbst, dass ich hier stehe.«  Die Spieler sitzen derweil mit leeren Köpfen in der Kabine. »Ich war hauptsächlich enttäuscht, dass wir überhaupt spielen mussten«, sagt Oliver Reck. »Keiner war mit den Gedanken beim Spiel. Es war nicht fair, unter diesen Bedingungen zu spielen.« In der Pressekonferenz kritisiert Huub Stevens das Abwehrverhalten seiner Mannschaft. Selbst an diesem 11. September fällt es ihm schwer, zu verlieren. Der griechische Trainer Ioannis Kirastas bedient sich einiger Mitleidsfloskeln über die Opfer, ist aber im Grunde sehr zufrieden, die drei Punkte aus Schalke mitzunehmen.  

Mittwoch, 12. September 2001:
Die Erkenntnis, dass dieses Spiel nie hätte stattfinden dürfen, kommt erst einen Tag später. Die UEFA reagiert, sagt alle Spiele für den 12. September ab. Potofski macht sich erneut auf den Weg nach Schalke, hat ein Interview mit Rudi Assauer vereinbart. »So weich wie an diesem Tag habe ich ihn noch nie erlebt. Es gab eine Art Zusammenhalt, wir hatten plötzlich alle die gleichen Sorgen.« In der Hektik wurde am Vortag die falsche Entscheidung getroffen. »Es stellt sich natürlich auch die Frage, wie die Griechen und Teile des Publikums auf eine kurzfristige Spielabsage reagiert hätten. Ich hätte das nicht entscheiden wollen«, sagt Josef Schnusenberg.  

Mit zehn Jahren Abstand können sich die meisten Protagonisten noch nicht einmal an das Ergebnis erinnern. Einige Spieler sprechen von einem 0:1, andere von einem 0:3, tatsächlich verlor Schalke mit 0:2. »Es war ein Spiel, das niemand brauchte. Es ist deshalb wie ausgelöscht«, sagt Olaf Thon, der den besagten Abend verletzungsbedingt auf der Tribüne verbrachte. Was ein Festtag für Schalke werden sollte, geriet zum Trauerspiel. Die erste Champions-League-Saison war verloren, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Schalke schied bereits in der Gruppenphase aus. Huub Stevens sagt heute: »Ich war sauer, dass wir in einer Situation spielen mussten, in der es um die ganze Welt ging.«

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