Zehn Dinge über Socrates

»Ich bin kein Athlet. Ich bin Künstler!«

In der neuen Ausgabe von 11FREUNDE: Das letzte Interview mit Brasiliens Fußballidol Socrates vor seinem Tod im Dezember 2011. Socrates, ein Mann mit tausend Geschichten. Zehn davon wollen wir hier erzählen.

1.
Ein Fußballer namens Socrates? Während die Fußballidole der Gegenwart eher öde Vornamen a lá Lionel, Cristiano, Wayne oder Mario tragen, entschloss sich Papa Socrates seiner Vorliebe für Weltliteratur Ausdruck zu verleihen. »Mein Vater hatte gerade `Die Republik´ von Plato gelesen, als ich zur Welt kam«, erinnerte sich der Junior einst. Die Folge: Seinen Erstgeborenen nannte der alte Herr Socrates, die beiden Nächstjüngeren Sosthenes und Sophokles, ehe die große »Rai-Phase« begann: Raimundo, Raimar, Rai. Rai trat 1994 in die Fußstapfen seines großen Bruders und führte Brasilien zum WM-Titel.

2.
Den Spitznamen »O Doutor«, »Doktor«, hatte sich Socrates redlich verdient: Neben seiner Tätigkeit als bezahlter Fußballer brachte er ein Medizinstudium, Schwerpunkt: Kindermedizin, zu Ende. Um sich nicht mit wütenden Trainern und unnachgiebigen Vereinspräsidenten herum schlagen zu müssen, hatte sich der Doktor die Freistellungen für Studium und Beruf sogar per Klausel in seinen ersten Vertrag mit Botafogo SP schreiben lassen.

3.
Der 1,92 Meter lange Mittelfeldmann hatte seinen Ruf als Fußball-Intellektueller schnell weg. Weil er nicht nur Medizin studierte, sondern sich im diktatorischen Brasilien Anfang der achtziger Jahre auch politisch engagierte. 1982, als Superstar der Corinthians, gründete Socrates die »Domocracia Corinthiana«, eine Art Spielerbewegung, die sich offen für die Demokratisierung Brasiliens einsetzte. Vor den Landeswahlen am 15. November 1982 führte der Mittelfeldspieler seine Kollegen mit selbst bestickten Trikots auf das Feld. Auf der Rückseite der Leibchen prangte in fetten Lettern: »Dia 15 Note«, zu deutsch: »Wählt am fünfzehnten!«

4.
Der für einen professionellen Fußballverein so ungewöhnliche Aktivismus infizierte bald den gesamten Klub. »Wir haben jede Entscheidung im Kollektiv getroffen. Der einfachste Angestellte, vom Spieler bis zum Platzwart, hatte das gleiche Stimmrecht«, erklärte Socrates sein Gleichheitsprinzip einst im Interview. Doch nicht bei allen Kickern stieß dieses Polit-Enthusiasmus auf Begeisterung. Socrates: »Die Neuen waren am Anfang wirklich verzweifelt: `Warum spricht hier niemand über Fußball?´«

5.
Schon Zeit seiner Karriere tat der Brasilianer alles dafür, um als Lebemann der Fußballszene katalogisiert zu werden. Staunend und ehrfürchtig berichteten Journalisten darüber, wie Socrates bei stundenlangen Interviews »zehn Gläser Bier und ein gutes Dutzend Zigaretten« verputzte. Umso tragischer klingen diese Geschichten heute, da der Doktor mit nur 57 Jahren an den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums zu Grunde gegangen ist. Sein Kommentar anno 1984 wollen wir euch dennoch nicht vorenthalten: »Ich bin kein Athlet. Ich bin Künstler!«

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