Der revolutionäre Präsident
Ende der Fünfziger hatte Mauricio de Brito, Benficas damaliger Präsident, den gesamten europäischen Fußball verändert. Europas Fußballer waren nicht gerade billig, also sah sich de Brito in den portugiesischen Kolonien Afrikas um. In Angola fand er José Aguas, ein gelernter Großwildjäger, der an einem Freundschaftsspiel gegen Benfica teilnahm. Der 20-jährige Mittelfeldstürmer überzeugte den Portugiesen, also nahm er ihn mit nach Europa. Ebenfalls aus Angola folgte Joaquin Santana, der sich später mit dem Mozambiquaner Coluna zum Traum-Offensivduo Benficas wandelte. Auch Keeper Costa Pereira waren aus Afrika. De Britos Beispiel sollten später viele andere Vereinspräsidenten folgen.
Die Trophäe
Eusébio da Silva Ferreira war von 1960 bis 1975 der Starstürmer Benficas. Der ungarische Coach Bela Guttmann soll ihn entdeckt haben. Unter seiner Fuchtel wurde Eusébio bei Benfica zu einem legendären Torschützen. »Der schwarze Panther« prägte die goldenen Jahre der portugiesischen Mannschaft: elfmal wurde der in Mosambik geborene Portugiese mit ihnen Meister, gewann fünfmal den Pokal und zweimal den Europapokal der Landesmeister. Er gilt als bester portugiesischer Spieler aller Zeiten – trotz Luis Figo und Cristiano Ronaldo. Zu recht: Mit 383 Toren in 365 Partien ist Eusébio der Rekordtorschütze Benficas. In der Saison 1965/66 wurde er als »Europas Fußballer des Jahres« geehrt und 1967/68 (42 Tore) und 1972/73 (40 Tore) erkämpfte sich der Stürmer den Goldenen Schuh. 1968 widmeten die Vereinigten Arabischen Emirate dem heute 71-Jährigen eine Briefmarke und seit Juli 2008 ist Eusébio als Statue vor dem vereinseigenen Stadion »Estadio de Luz« (Stadion des Lichts) verewigt.
Die Schlägerei im Halbfinale
Im Halbfinalrückspiel im Europacup 1961 kam es zu einem Skandal, der in dieser Form eine Premiere sein sollte. Rapid Wien war fest entschlossen, die 0:3-Niederlage aus dem Hinspiel wieder wettzumachen und spielte eine stürmische Partie gegen Benfica. Zwei Minuten vor Schluss – Stand 1:1 – verweigerte der Schiedsrichter Leafe den Österreichern einen Elfmeter. Die Situation eskalierte: Die frustrierten Zuschauer stürmten das Feld, schlugen Benficas Fernando Cruz nieder, zertrümmerten Scheiben, verbrannten Fahnen und Papier und demolierten was nur möglich war – ganze zwei Stunden lang. Die Polizei musste eingreifen. Es war das erste Mal, dass ein Europacupspiel aufgrund von Krawallen abgebrochen werden musste. Danach sagte Benfica-Coach Bela Guttmann zum Referee, dass er den Elfmeter zur Beruhigung hätte geben sollen und dieser erwiderte: »Selbst wenn eine Mannschaft 100:0 führen würde, würde ich dem Gegner keinen unberechtigten Elfmeter zusprechen!«
Retter und Ikonen
David gegen Goliath
Am 31. Mai 1961 erreichte Benfica mit Trainer Guttmann das Finale des Europapokals der Landesmeister und traf dort im Berner Wankdorf-Stadion auf den spanischen Giganten FC Barcelona. Die Spanier waren der klare Favorit. Es war ein Kampf wie David gegen Goliath, doch die spanische Überlegenheit sollte an diesem Tag gebrochen werden. Die Benfica-Torschützen hießen José Aguas und Mario Coluna. Das 2:1 war ein Eigentor, das Barça-Torhüter Antoni Ramaletts nicht mehr verhindern konnte. Beim Stand von 3:1 gelang den Katalanen allerdings noch der Anschlusstreffer zum 2:3, doch es blieb bei diesem Resultat. Der Sieg Benficas war eine Sensation. Vier Tage lang feierte die ganze Stadt den ersten Europapokalsieg.
Beim Herz des Präsidenten
In den letzten Minuten jenes Europapokalfinals konnten die Benfica-Fans nicht mehr stillsitzen, nur eine Viertelstunde trennte sie von ihrem Glück. Benfica-Präsident Mauricio de Brito versagte vor lauter Aufregung die Pumpe, er erlitt eine Herzattacke. Die Helfer legten ihn auf eine Massagebank in der Kabine. Als die Spieler nach der Partie de Brito umkreisten, wachte er auf. Angeblich soll er gemurmelt haben: »Welch ein Privileg lange genug gelebt zu haben, um diesen Tag mitzuerleben. Mein Gott: Benfica ist der beste Klub Europas! Einen schöneren Tag um draufzugehen, kann ich mir nicht vorstellen.« Er entkam dem Tod nur knapp, musste aber sein Amt aus gesundheitlichen Gründen niederlegen.
Die glamouröse Titelverteidigung
Auch der 5:3-Europapokalsieg über Real Madrid am 2. Mai 1962 in Amsterdam geriet nie in Vergessenheit. Schließlich waren beim großen Real Altstars wie di Stefano, Gento und Puskas mit dabei. Es war eines der spannendsten Spiele in der Geschichte des Europacups. Nach der ersten Halbzeit lag Real 3:2 in Führung. In der zweiten Halbzeit ließen sich die Königlichen in die Defensive zurückdrängen und kassierten den Ausgleich. In den nächsten Minuten wurde Eusébio zum endgültigen Weltstar: Er verwandelte einen Elfmeter und schoss das 5:3-Siegtor. In der Kabine erlitt der zweifache Torschütze später vor Freude und Hysterie einen Nervenzusammenbruch.
Die Rückkehr der Ikone
1980, also 15 Jahre nach seinem Abschied, kehrte Eusébio als Nachwuchstrainer zu seinem alten Klub zurück. Im »Kicker« von 1981 wird beschrieben, wie seine Ankunft im Estadio da Luz jeden Morgen aussah: Eusébio fuhr ans Stadion heran, wo ihn zirka 25 Jungs im Alter von neun bis zwölf Jahren stürmisch empfingen. Sie umarmten und küssten den Star, dessen beste Jahre sie nie selbst erlebt hatten. Später beförderte man Eusébio zum Co-Trainer der ersten Mannschaft, mit der er 1988 und 1990 das Finale des Europapokals der Landesmeister erreichte – beide Male erfolglos.
Spendenkonto für Profikicker
Im Juni 1993 wurden erstmals die finanziellen Probleme von Benfica Lissabon deutlich. Der Klub konnte die Gehälter seiner Profis Antonio Pacheco, Paulo Sousa und Joao Pinto nicht mehr bezahlen. »Salarios em atraso« (Löhne mit Verspätung) waren damals Gang und Gäbe in Portugal. Pacheco und Sousa lösten ihre Verträge auf, doch dem damaligen Club-Präsident Jorge de Brito gelang es, Pinto mit Geld-Versprechungen zu halten. Zu dem Zeitpunkt hatte der Verein bereits 30 Millionen Euro Schulden. Also mussten sie ihren teuersten Einkauf des Sommers, Paulo Futre von Atletico Madrid, nach nur fünf Monaten wieder für neun Millionen ziehen lassen. Doch der Verein war nach wie vor im Dilemma und richtete ein Spendenkonto für ihre »bedürftigen« Spieler ein: Anhänger konnten ihre Spenden auf ein Bankkonto einzahlen. Trotzdem wuchsen die Schulden des Vereins ein Jahr später auf 50 Millionen Euro an. Es drohte der Bankrott.
Der Retter
1993 war das Jahr der Misswirtschaft von Benfica. 1994 nahm sich Manuel Damasio, der neue Sportdirektor, des Sorgenkindes an und steckte Geld aus eigener Hand in den Verein. So konnten zumindest die Gehälter der Spieler gedeckt werden. Er wollte die Marke und das Image des Klubs neu aufpolieren. Die gesamte Vermarktung wurde vom Vizepräsidenten Antonio Gomes Silva auf den Kopf gestellt. Als erstes erschien ein erlesener Rotwein der Marke Benfica. Die Mitgliederzahl wuchs nach nur 14 Monaten um das Doppelte auf 150.000, heute zählt Benfica mit 224.000 Mitgliedern zu den größten Vereinen der Welt. Der Direktor verbrachte täglich fast zwölf Stunden im Stadion. Als Teil der Oberschicht war seine Frau Margarida Prieto ein wichtiger Bestandteil seines Ansehens in der Öffentlichkeit. Seiner Sparpolitik und Hingabe war die finanzielle Genesung des Klubs zu verdanken.