Wynton Rufer über Fußballer aus der ehemaligen DDR

»Sie waren wie Metzger«

Als sich Deutschland vor 21 Jahren wiedervereinigte war unser Kolumnist Wynton Rufer gerade erst seit wenigen Monaten in Deutschland. Hier berichtet Ex-Bremer »Kiwi«, wie er damals die Wendezeit und die Ostdeutschen erlebte. Wynton Rufer über Fußballer aus der ehemaligen DDR

Der Mauerfall war für mich eine unglaubliche Erfahrung. Ich kam im Sommer 1989 nach Bremen und war erst seit wenigen Monaten in Deutschland. Wir hatten dann im November ein Freundschaftsspiel in Ostdeutschland, leider weiß ich nicht mehr genau gegen wen. Auf dem Weg dorthin trafen wir an der Grenze auf eine riesige Menschenmenge, alle haben gejubelt und uns zugewunken.

Da wir mit unserem Mannschaftsbus unterwegs waren, dachte ich das wären alles Werder-Fans. Ich wunderte mich, dass der Verein überall so viele Fans hatte. Als wir dann am Spielort ankamen, waren auch dort überall Menschen unterwegs, obwohl es so kalt war. Soviele Menschen auf der Straße hatte ich noch nie gesehen. Niemand wusste was los war. Willy Lemke meinte lakonisch, dass Ost und West wohl nun zusammen kommen. Erst da erfuhren wir vom Mauerfall. Im Stadion herrschte eine unglaubliche Euphorie. Die Menschen war so glücklich. Das vergesse ich nie mehr, das war einmalig.

Meiner Meinung nach kamen damals die besten Fußballer Deutschlands aus dem Osten. Ulf Kirsten, Matthias Sammer, Andreas Thom, das waren alles klasse Leute mit einer sehr guten Technik. Anfangs war ich überrascht. Als später Kai Wenschlag zu Werder kam, erzählte er mir dann von den Sportschulen im Osten. Dort spielten die Jugendlichen neben dem Unterricht in der Schule jeden Tag Fußball. Ich wurde immer gefragt, warum ich technisch so stark sei, dabei war die Antwort einfach: Ich habe jeden Tag mit dem Ball trainiert. Und so war das im Osten auch. Jeden Tag Schule und Fußballtraining. Heute ist das normal, überall gibt es Fußballschulen, auch ich leite ja eine Soccer-Academy. Aber damals war das was ganz besonderes.

Genauso wie die Spiele im Osten. Man merkte immer sofort, wann man nach Ostdeutschland kam. Dort sah alles nicht so nett und schön aus wie in Westdeutschland, sondern war ein wenig veraltet. Das war wie eine kleine Reise zurück in der Zeit. Vor allem an die Fahrten nach Dresden kann ich mich erinnern. Da ging immer die Post ab. Die Stimmung im Stadion war stets aufgeheizt und auch die Spieler waren richtig giftig. Schößler und Maucksch, die fackelten nicht lange. Die waren wie Metzger. Bei diesen Spielen stachelte man sich mehr als sonst mit Sprüchen an.

Auch wenn es stets schwer war in Dresden, hatten wir doch die klar bessere Mannschaft. Im Osten war das Problem, dass die besten Spieler alle woanders spielten. Ich bin sicher, Dresden mit den ehemaligen Spielern hätte um die Meisterschaft mitspielen können. Für mich waren die Spieler aus Ostdeutschland ganz klar die besseren Fußballer.

Viel Spaß hatten wir auch mit unseren »Ossis« im Team wie Bernd Hobsch oder Kay Wendschlag. Wenn die beiden schnell miteinander redeten, dann verstand niemand etwas. Die anderen Spieler machten sich immer darüber lustig gemacht, was für ein komisches Deutsch im Team gesprochen wurde. Da war Andi Herzog mit seinem komischen Deutsch, Rune Bratseth mit seinem komischen Deutsch, Wynton Rufer mit seinem komischen Deutsch und Bernd Hobsch, den gar niemand verstand. Aber solche Witze sind unter Fußballern normal, ansonsten hatten die »Ossis« kein Problem bei uns und gehörten fest zum Team.

Für unsere Spieler aus Ostdeutschland war es anfangs etwas ganz Besonderes im Westen zu sein. Früher konnten sie nie weg und nun reisten sie mit Werder um die halbe Welt. So waren wir zum Trainingslager in Australien. Kay Wenschlag war richtig aufgedreht. Er hat die ganze Zeit versucht, Englisch zu reden, grüßte überall laut mit »Hi, Hi«, viel mehr konnte er nämlich nicht. Als wir angeln waren, zeigte ich immer wieder auf das Wasser und sagte: »Hai, Hai, Hai«. Der dachte ich wollte ihn veralbern. »Ja, ja, Hi, Hi«, schon klar, brummte er zurück. Plötzlich biss bei ihm ein Fisch an, als er ihn endlich raus zog, war es ein Hai von einem Meter Größe. Kay war völlig fertig, da wusste er auch, was ich meinte. Wir haben uns dann halb tot gelacht. 

Es war auch ein »Ossi«, der mich in meiner Zeit in Deutschland ganz besonders beeindruckt hat. Eines Tages kam ich vormittags zum Werder-Vereinsheim. Dort stand jemand in Anzug mit Krawatte, begrüßte mich ganz freundschaftlich, umarmte mich. Als er zu reden anfing, wusste ich gleich der kommt irgendwoher aus dem Osten, ich verstand nämlich mal wieder nichts. Er erzählte etwas von einem katholischen Waisenheim und Freundschaftsspiel mit Werder. Ich verwies ihn an Willy Lemke und ging zum Training.

Als ich abends wieder ins Vereinsheim kam, saß er noch immer dort und wartete. Ich bin dann zu Willy und habe ihn dazu gebracht, mit dem Mann zu reden. Monate später waren wir dann mit der ganzen Mannschaft in Erfurt zu einem Freundschaftsspiel. Der Erlös ging an jenes katholische Waisenheim. Als wir dorthin kamen, haben uns die Kinder so freudig begrüßt, haben Lieder gesungen und gestrahlt vor Glück. Das war ein sehr emotionales Erlebnis, viele von uns haben geweint vor Rührung. Später haben wir die Kinder nach Bremen eingeladen und alle Spieler nahmen jeweils ein Kind für ein Wochenende bei sich zu hause auf.

Und das hat alles dieser unscheinbare Mann, Martin Schäfer, mit seiner Geduld erreicht. Später gründete er eine Stiftung in Stuttgart zusammen mit Jorginho und Bebeto für Kinder in Indien und Brasilien. Das ist unglaublich was dieser Mann mit seinem sozialen Engagement leistet.

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