Wollitz und die emotionale Achterbahn

Heulsuse Pele

Osnabrücks Trainer Claus-Dieter Wollitz hat nah am Wasser gebaut, das finden die Leute sympathisch. Aber vor der zweiten Spielzeit nach dem Aufstieg stellt sich die Frage: Nutzt sich seine Emotionalität nicht irgendwann ab? Wollitz und die emotionale AchterbahnImago Im VIP-Raum an der Bremer Brücke ist die Anspannung mit Händen zu greifen. Eine Menschentraube verfolgt auf einem Fernseher die letzten vier Minuten des Spiels zwischen dem 1. FC Magdeburg und dem FC St. Pauli, mittendrin Claus-Dieter Wollitz. Als klar wird, dass es beim 1:1 bleibt und der VfL Osnabrück aufgestiegen ist, dauert es nur Sekunden, bis Wollitz in Tränen aufgelöst ist. Das war im Frühsommer 2007, und obwohl es ihm nach eigener Aussage zum ersten Mal in seiner Karriere passierte, offenbarte sich in diesen Minuten der wahre Wollitz, ein Trainer, der seine Gefühle weder verbergen kann noch will.

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»Männer weinen heimlich«, sang Herbert Grönemeyer in den 80ern und beschrieb damit die Zwänge, die dem vermeintlich starken Geschlecht von der Gesellschaft auferlegt werden. Ausgerechnet im Fußball, der Branche der harten Kerle, wird nun deutlich, wie unzeitgemäß die Grönemeyer’sche Lyrik mittlerweile ist. Ob Ottmar Hitzfeld bei seinem Abschied vom FC Bayern, Frank Pagelsdorf nach Rostocks Abstieg oder eben Wollitz: Der feuchte Gefühlsrausch ist im Fußballgeschäft in Mode gekommen. In Zeiten, in denen immer mehr Psychologen die Betreuerstäbe der Profikader erweitern, kann das keinen wundern. Doch leidet nicht die Autorität der flennenden Übungsleiter?

Wollitz scheint den Nerv seines Teams zu treffen


11 FREUNDE #81Claus-Dieter Wollitz, genannt Pele, ist neben Jürgen Klopp der Prototyp des emotional auftretenden Fußballlehrers. Ob er sich an der Seitenlinie wie ein HB-Männchen aufführt oder die Mannschaft mit Klinsmann’scher »Haut-sie-durch-die-Wand«-Rhetorik auf das Spiel einschwört, der 43-Jährige scheint den Nerv seines Teams zu treffen. »Wenn der Trainer authentisch ist und sich nicht verstellt, können seine Emotionen gerade kurz vor Schluss eines Spiels entscheidend sein«, sagt Werner Mickler, der die psychologische Ausbildung beim Fußballlehrer-Lehrgang in Köln leitet. Dann könnten die Gefühlsausbrüche des Coaches die letzten Reserven aus den Spielern herausholen. Bezeichnenderweise fielen beim damaligen, entscheidenden 2:1-Sieg gegen Rot Weiss Ahlen beide Osnabrücker Tore in den letzten zehn Minuten.

Wollitz ist jetzt seit vier Jahren bei den Niedersachsen, im professionellen Fußball ist das eine sehr lange Zeit. Er selbst sagt, dass er die Nähe seiner Spieler suche und viele Gespräche führe, um bei Konflikten gemeinsame Lösungen zu finden. »Meine Meinung muss dabei nicht immer die richtige sein«, gesteht Wollitz unumwunden ein. VfL-Kapitän Thomas Reichenberger spricht denn auch von einem »vertrauensvollen Verhältnis« zwischen Mannschaft und Trainer. Selbst die Neuen sind nach einer kurzen Eingwöhnungsphase rasch per Du mit ihrem Coach. Der größte Teil der Bundesligatrainer hält weitaus mehr Distanz zu den Spielern. »Wenn Sie sich duzen lassen, werden Sie vereinnahmt. Und dann sind Sie ganz schnell weg vom Fenster«, sagt Rolf Schafstall, ein Mann aus einer Zeit, als ein harter Führungsstil als unbedingte Voraussetzung für ein erfolgreiches Arbeiten galt. Auch heute noch ist »högschde Disziplin« nicht nur in der Nationalelf in aller Munde.

Wollitz dagegen gibt die Verantwortung gerne weiter. »Bei mir muss jeder selbst wissen, was er verantworten kann. Doch wenn die Spieler mit ihren Freiheiten vernünftig umgehen, gibt es keine Probleme.«

Die Gefahr, dass sich ein solcher Führungsstil irgendwann abnutzt, sieht Thomas Reichenberger nicht: »Er versucht täglich neue Facetten in seine Arbeit zu integrieren. So bleibt es immer interessant.« Wollitz ist sich bewusst, dass er nicht permanent versuchen sollte, die Mannschaft auf einer emotionalen Ebene zu erreichen. Vielmehr ist Flexibilität bei der täglichen Arbeit gefragt. Gefühlsausbrüche, auch vor dem Team, sind und bleiben dennoch absolut legitim. »Es zeigt den Spielern, dass der Trainer mitfiebert«, weiß Experte Mickler. »Das wird den Respekt vor ihm in keinster Weise reduzieren.«


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