Wolfsburgs Grafite - lang, dünn, schwarz

Ein Leben als Bleistiftmine

Nichts ist Grafite einfach so passiert in seiner seltsam verschlungenen Karriere. Es grenzt fast einem Wunder, dass der ehemalige Mülltütenverkäufer zum Vorzeige-Einkauf des Wolfsburger Machers Magath wurde. Wolfsburgs Grafite - lang, dünn, schwarzImago Es war im Sommer 2001. Der Fußballer Edinaldo Batista Libanio, damals 22 und Vater einer Tochter, wollte etwas mehr Geld verdienen, deshalb nahm er in São Paulo an einer Regionalmeisterschaft teil. Ein alter Trainer sortierte die Kandidaten. Das tat er seit Jahren - geeignet, nicht geeignet, brauchbar, unbrauchbar -, und weil er sich mit der Zeit keine neuen Namen mehr merken wollte, gab er den Spielern solche, die er schon kannte. Immer wieder dieselben. »Du erinnerst mich an einen Grafite«, sagte er also zu Edinaldo Batista Libanio; Grafite, das klingt im Portugiesischen noch spezieller, als es sich liest: Grafitsch. Der Fußballer protestierte: »Ich heiße Edinaldo und nenne mich Dina.« Doch es war zwecklos, »ab heute heißt du Grafite«, bestimmte der Alte, und als Edinaldo später sein Trikot bekam, stand dort, über der Nummer 18: GRAFITE. Heute trägt er den Namen als Auszeichnung, er sagt: »Weißt du, was Grafite bedeutet? Es bedeutet Bleistiftmine - lang, dünn, schwarz.«

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Dass Grafite zu Grafite wurde, ist ihm einfach passiert - ein Umstand, der nicht so recht ins Bild passen will. Denn der Stürmer des VfL Wolfsburg war nie eines jener brasilianischen Talente, die sich fast automatisch im Netz der Scouting-Agenturen verfangen - die schon als Teenager nach Europa verschifft werden und dort fast immer irgendwo ihr Auskommen finden. Nichts ist Grafite einfach so passiert in seiner seltsam verschlungenen Karriere. Zusammen mit seinem Dolmetscher und Berater Gilberto Fernandes sitzt er jetzt in einer Loge der Wolfsburger Arena, er schaut in das leere Stadion. Ein paar Reinigungskräfte sind unterwegs, gelbe, auf riesige Eisenflügel montierte Lampen beleuchten den Rasen. Auf dass alles noch sauberer und noch grüner werde. Im Grunde ist es ein Wunder, dass Grafite jetzt hier sitzt.

Dabei haben sie es ihm immer gesagt, Freunde, Verwandte, »du bist einer für Europa«. Kein kleiner Dribbler, sondern 1,89 Meter groß, 88 Kilo schwer, ein Kraftspieler. Er selbst hat sich das »auch immer gedacht«, aber selbst in Brasilien hat es lange nicht so richtig geklappt mit dem Profifußball. »Ich musste Geld verdienen, ich wollte meiner Tochter etwas bieten«, sagt er, also zog Grafite, der damals noch nicht Grafite hieß, von Haustür zu Haustür, um Mülltüten zu verkaufen. Er hat die Geschichte schon ein paar Mal erzählen müssen, seitdem er im Sommer nach Wolfsburg kam, und Fernandes hat sie schon ein paar Mal übersetzt. Trotzdem bedarf es nun wieder eines längeren Wortwechsels. Mülltüten? Man kann sich das nicht sofort vorstellen, in Wolfsburg kauft man Mülltüten im Supermarkt. »Aber in Brasilien wird fast alles an der Haustüre verkauft, das ist praktisch, und die Mülltüten, die dort angeboten werden, sind auch wirklich besser.«

Nach hiesigen Maßstäben wäre Grafite wohl ein Staubsaugervertreter, vielleicht ein Hausierer, in jedem Fall: ein Arbeiter. Und im Grunde ist er das bis heute geblieben: Einer, auch wenn das ein bisschen klischeehaft klingt, der sich im Strafraum durchsetzt wie früher auf der Straße, der im Zweifel ein paar Gegenspieler beiseite rempelt, der sich auf seine Instinkte verlässt und dadurch unberechenbar wird.

»Durchsetzungsfähigkeit hängt von mentaler Stärke ab«, sagt Felix Magath, der Trainer und Manager des VfL. Deshalb hat er Grafite verpflichtet, ganz am Ende der Saisonvorbereitung, als er sein Offensivpersonal Radu, Boakye und Dzeko gut genug kannte, um ihm in dieser Konstellation zu misstrauen. 21 Spiele und zehn Tore später hat sich Grafite als Glücksgriff erwiesen. In der Liga hat er Schalke praktisch im Alleingang abgeschossen, hat im Pokal-Viertelfinale zusammen mit Marcelinho den HSV verabschiedet, und nun, am Wochenende, hat er Werder Bremen düpiert. Sieht fast so aus, als sei Grafite in Wolfsburg der Mann für die wichtigen Spiele.

Natürlich wäre Felix Magath nicht Felix Magath, der verschmitzte Genießer, wenn ihm diese Personalie nicht besonderes Vergnügen bereitete. Wie er Grafite, der sich vergangene Saison in Frankreich bei Le Mans UC 72 von einem Kreuzbandriss erholte, denn entdeckt habe? »Nun, man bewegt sich als potentieller Käufer im Markt«, sagt Magath einigermaßen nebulös, »man fragt nach bei seinen Kontakten in Brasilien«, und zwar nicht nur in den dortigen Dependancen der Firma Rogon, die Grafite seit einem knappen Jahr betreut. »Man hat seine eigenen Quellen.«

Grafite wiederum hat gehört, Magath habe einfach nur seinen Mittelfeldmann Josué gefragt, ob er einen guten Stürmer kenne, und Josué habe Grafite empfohlen, mit dem er schon mehrmals zusammengespielt hat, erst bei Goias EC, dann in São Paulo. Wie auch immer, für Magath, der sich als Bayern-Trainer fast demütig auf das Personal verließ, welches man ihn auf den Platz stellte, ist die Sieben-Millionen-Euro-Personalie der Beleg, dass er auch ein guter Einkäufer ist.

Einmal, Grafite hieß bereits Grafite und versuchte sich bei Anyang LG in Südkorea, hat ihm ein Mitspieler einen Ratschlag gegeben: »Du musst Brasilien vergessen, um dich hier durchzusetzen.« Ein bisschen, glaubt er inzwischen, »ist das die Wahrheit«. Aber in Wolfsburg kann er Brasilien gar nicht vergessen. Mit Marcelinho und Josué trifft er sich oft zum Grillen, auch Facundo Quiroga, Jonathan Santana und Ricardo Costa sind manchmal mit dabei. »Das hilft uns, an den Süden zu denken«, sagt Grafite, »und gibt uns Kraft, uns an das deutsche Leben anzupassen«, an das Leben als Bleistiftmine.

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