Wolfram Wuttke im Interview

»Ich bin Rotweinliebhaber«

Gerade startete Haudegen Wolfram Wuttke seine zweite Karriere in der schwäbischen Provinz. Wir sprachen mit ihm über den TSV Crailsheim, sein verschenktes Talent, Witzemacher Günter Netzer und die Frage: Was wollen wir trinken? Wolfram Wuttke im InterviewImago Herr Wuttke, wo erwische ich Sie gerade?

Sie erwischen mich zu Bürozeiten in Ilshofen.

Was machen Sie dort?

Ich erledige in meiner Funktion als Sportdirektor des TSV Crailsheim die täglich anfallende Arbeit und notiere mir einige Gedanken zu Kader und Aufstellung für das Spiel am Wochenende. Später werde ich dann noch beim Training der Mannschaft vorbeischauen.

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Wie sind Sie zu dem Job gekommen?

Ich habe im letzten Jahr für eine Auswahl deutscher Gourmetköche bei einem Turnier mitgespielt. Der Kontakt kam über den Direktor des Flair Park-Hotel in Ilshofen, Ronny Mechnich, zustande. Herr Mechnich ist Sponsor des TSV Crailsheim. Damals stand es zur Debatte einen Sportdirektor zu engagieren. Ich wurde gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte, und ich habe die Herausforderung spontan angenommen.

Was sind Ihre Aufgaben in Crailsheim?

Meine Aufgaben umfassen den sportlich-organisatorischen Bereich für die Seniorenmannschaft.

Ein hauptamtlicher Job?

Ja. Ich habe früher viele Jahre lang Kinderfußballschulen mit betreut, aber dafür bleibt mir jetzt keine Zeit mehr. Ich bin täglich beim Training, Samstag ist Spieltag, und Sonntags stehen oft noch weitere Termine an. Da bin ich die komplette Woche beschäftigt.

Hört sich professionell an. Was ist das Ziel des Klubs?

Wir wollen in die Regionalliga.

Sind die Strukturen für die Regionalliga vorhanden?

Die Vorraussetzungen sind gegeben. Unsere Damenmannschaft spielt in der ersten Bundesliga und die Basketballer in der zweiten Liga. Der Verein ist so strukturiert, dass das kein Problem darstellen würde.

Kümmern Sie sich auch um die Verpflichtung neuer Spieler?

Wir sind schon dabei. Die Planungen für die kommende Saison laufen auf Hochtouren. Ich werde zukünftig auch als Trainer fungieren, weil unser jetziger Trainer Peter Kosturkov die zweite Mannschaft des VfR Ahlen übernimmt. Hier sind also einige Dinge im Wechsel.

Haben Sie dann eine Doppelfunktion, wie Felix Magath in Wolfsburg beispielsweise, als Trainer und Sportdirektor?

Ja genau, ich werde beide Funktionen ausüben. Also neben meiner Tätigkeit als Sportdirektor auch die Mannschaft trainieren und bei den Spielen betreuen.

Dann leben Sie jetzt auch in Crailsheim?

Ich bin seit vier Monaten im angesprochenen Flair Park-Hotel in Ilshofen untergebracht, zehn Kilometer von Crailsheim entfernt. Mein Hauptwohnsitz befindet sich aber nach wie vor im Ruhrgebiet. Ich pendle hin und her, obwohl ich wirklich selten die Zeit finde, nach Hause zu fahren. In den letzten vier Monaten habe ich es nur zwei Mal geschafft.

Als Trainer haben Sie sich schon einmal versucht. Was ist beim damaligen Landesligisten TuS Haltern schief gegangen?

Wenn man immer Profi war, dann misst man viele Dinge an den früheren Möglichkeiten. Die Rahmenbedingungen waren in Haltern nicht gegeben. Wenn beim Abschlusstraining nur fünf Leute auf dem Platz stehen, stellt sich die Frage, was ich eigentlich da soll. Bei fünf Leuten kann man noch nicht mal ein Kreis mit vier gegen zwei spielen. Es sei denn, ich hätte mitgespielt (lacht). Das ganze Umfeld war nicht in Ordnung. Viele Leute, die reinquatschen wollten, aber das ist im Amateurbereich leider teilweise so. In Crailsheim finde ich ganz andere Möglichkeiten vor.

Sind Sie eher für den Job als Sportdirektor denn als Trainer geeignet?

Beim TSV Crailsheim würde ich mich für beides als geeignet ansehen. Ich kenne die Mannschaft jetzt aus dem Effeff. Wir haben eine sehr gute Qualität und müssten eigentlich weiter vorne stehen. In der Hinrunde sind ein paar unschöne Dinge vorgefallen mit Zuschauerausschreitungen und Punktabzug. Da war ich leider noch nicht hier, sonst wären wir jetzt mit der Qualität längst dort oben, wo wir auch hingehören.

Können Sie sich eine ähnliche Tätigkeit auch im professionellen Fußball, sprich in der ersten, zweiten oder neuen dritten Liga, vorstellen?


Auf jeden Fall. Und wenn dementsprechend Angebote da wären, wäre es eine Überlegung wert. Mein Ziel ist es sicherlich irgendwann ein, zwei Etagen höher zu rücken.

Und dann eher als Sportdirektor oder als Trainer?

Ich würde mich dann eher als Sportdirektor sehen.

Günter Netzer bezeichnete Sie einst als »eines der größten Talente im deutschen Fußball«. Glauben Sie selber, dass Optimum aus sich herausgeholt und erreicht zu haben?


Es gibt keine Frage, die mir öfter gestellt wurde. Hätte, wenn und aber. Einiges hätte ich anders gemacht als früher, vieles aber auch nicht. Heute habe ich mit Sicherheit mehr Diplomatie. Aber es ist doch müßig, im Nachhinein darüber zu reden, ob ich jetzt vier Länderspiele gemacht habe oder wie andere 59. Ich habe vier gute gemacht und ein Länderspieltor. Manche haben 50 gemacht, davon 49 schlechte. Sprich Herr Netzer, denn den meine ich jetzt damit.

Im gleichen Atemzug hat er Ihnen »charakterliche Defizite« unterstellt, die Ihnen im Wege standen. Was sagen Sie dazu?

Wenn er dieser Meinung ist, dann lasse ich das einfach mal so stehen. Aber wenn ich dessen Sendung sehe, zusammen mit dem Herrn Delling, das läuft ja teilweise wie eine Comedy-Show ab. Da sollte man sich schon mal hinterfragen, ob Fachkenntnisse im Fußball im Vordergrund stehen sollen oder die eigene Persönlichkeit als Selbstdarsteller.

Wieso blieb es bei nur vier Länderspielen? Lag es wirklich an der fehlenden Diplomatie?


Teilweise. 1990 bei der Weltmeisterschaft war ich aufgrund einer Verletzung nicht dabei, danach bin für drei Jahre zu Espanyol Barcelona ins Ausland gewechselt, und dann habe ich noch das Jahr in Saarbrücken gemacht. Aber das Kapitel Nationalmannschaft war 1990 für mich im Prinzip beendet.

Können Sie mit den Worten »schlampiges Genie« etwas anfangen?

Das hat doch der Happel erfunden (Anm.: Ernst Happel, Wuttkes Trainer beim Hamburger SV). Diese Geschichten liegen jetzt so lange zurück, die möchte ich nicht mehr kommentieren. Es gibt doch ständig solche Sprüche, ich kann den Blödsinn nicht mehr hören. Denken Sie an Andreas Möller, der mit über 80 Länderspielen als »ewiges Talent« bezeichnet wurde. Wer auch immer das gesagt hat. Aber das sind ja meistens diese Spezialisten vom Fernsehen, über die wir eben gesprochen haben.

Gibt es heute noch Typen mit Ecken und Kanten in der Bundesliga?

Wenig. Seitdem mein Freund Mario (Anm.: Mario Basler) weg ist oder auch Stefan Effenberg, fehlt es an diesen Typen, von denen Sie gerade sprachen. Spontan fällt mir überhaupt keiner ein.

Was hat Ihnen die Zeit in Spanien bei Espanyol Barcelona gebracht?

Das beste Wetter (lacht). Aber Spaß beiseite. Ich habe eine andere Sprache gelernt, derer ich auch heute noch mächtig bin. Zudem wurde ich mit einer anderen Mentalität, einer anderen Lebensart konfrontiert. Es waren drei gute und wertvolle Jahre. Bis auf den Abschied, als ich mit zwei weiteren Spielern einfach abgeschoben wurde und in einer Nacht- und Nebelaktion drei Russen verpflichtet worden sind.

Wo hatten Sie fußballerisch Ihre beste Zeit?

Zweifelsohne in Kaiserslautern. Ich war dort der beliebteste Spieler und bin Nationalspieler geworden. Und wenn man fünf Jahre für einen Verein gespielt hat, hat man dort auch gute Arbeit abgeliefert.

Sie mussten nach Ihrer Karriere einige Schicksalsschläge erleiden (Krebs, Scheidung, finanzielle Probleme). Haben Sie diese Erlebnisse verändert?


Das kann man so sagen. Es prägt einen Menschen, wenn man solch negative Zeiten erleben muss. Aber ich denke, ich bin gestärkt aus dieser Zeit hervorgegangen.

Aber Zigarette und Bierchen gehören auch heute noch dazu?

Hin und wieder. Zur passenden Zeit am passenden Ort. Aber nicht auf Weinfesten (lacht). (Anm.: Wuttke entschuldigte einst einen Ausflug auf ein Weinfest mit den Worten: »Ich kann nicht auf einem Weinfest gesehen worden sein, weil ich Biertrinker bin.«)

Trinken Sie denn inzwischen auch Wein?

Natürlich. Ich bin Rotweinliebhaber.

Aber damals noch nicht?

Ach, das war in der Pfalz in der Nähe meines Wohnortes. Da findet einmal im Jahr das größte Weinfest der Welt statt. Es ist doch völlig normal, dass man dort mal vorbei geht, und auch ein Gläschen Wein trinkt. Was in der Öffentlichkeit dann daraus gemacht wird, ist natürlich was anderes.

Spielen Sie ab und zu noch Fußball?

Wenn es Fuß und Hüfte erlauben, dann schon.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Das ist schwierig zu beantworten. Am liebsten natürlich bei Real Madrid, aber das ist ja völlig hypothetisch (lacht). Nein, ernsthaft, als Sportdirektor im gehobenen professionellen Fußball.


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