Wolfgang Weber und das Europacup-Drama

»Mit zehneinviertel Mann«

Viertelfinale des Europapokals der Landesmeister 1964/65: Der 1.FC Köln trifft auf den FC Liverpool. Ein Duell, das nach drei Spielen ein tragisches Ende nehmen wird – für den Kölner Verteidiger Wolfgang Weber im doppelten Sinne.
Heft #66 05 / 2007
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Der FC Liverpool war zu jener Zeit der stärkste Klub auf der Insel und kam aus einer langen Tradition des englischen Profifußballs. Wir waren zwar die Spitzenmannschaft der Bundesliga, spielten aber längst nicht unter solch professionellen Bedingungen. Dementsprechend groß war unser Respekt. Ich selbst war erst 20 Jahre alt und weiß Gott kein Routinier. Mein direkter Gegenspieler Roger Hunt war ein echter britischer Sportsmann, der nie fiese Tricks anwendete. Ich schaffte es, ihn zu neutralisieren. In der Offensive aber hatten wir viel Pech und kamen über ein 0:0 nicht hinaus.

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Kurz vor dem Rückspiel am 24. Februar – wir saßen in unserem Hotel an der irischen See – begann es plötzlich so heftig zu schneien, dass die Begegnung verschoben werden musste. Umso größer war die Anspannung, als das Spiel am 17. März endlich stattfand. Diese Nähe zum Publikum an der Anfield Road kannten wir von Hause aus nicht, weil wir im Müngersdorfer Stadion eine Laufbahn hatten. Mich persönlich hat das weniger eingeschüchtert als motiviert. Ich dachte mir: Jetzt hast du es mit zwei Gegnern zu tun – mit der Mannschaft und den Fans. Wir alle kämpften bis zum Umfallen, aber der Held war unser Torwart Anton Schumacher, der ein halbes Dutzend unhaltbarer Bälle parierte. Ihm ist es zu verdanken, dass das Spiel wiederum torlos endete.

Ein entsetzlicher Stich in der Wade


Da bei Gleichstand nach Hin- und Rückspiel noch nicht verlängert wurde, setzte die UEFA eine Woche später ein Wiederholungsspiel in Rotterdam an. Wir kamen recht gut in diese Partie. Doch nach ungefähr 20 Minuten prallte ich mit Gordon Milne zusammen und verspürte sofort einen entsetzlichen Stich in der Wade. Ich konnte nicht mehr auftreten und musste mich in die Kabine führen lassen. Damals durfte noch nicht gewechselt werden, und so gab man mir eine schmerzstillende Spritze, damit ich wieder mitmachen konnte. Um sicher zu gehen, dass das Bein auch hielt, musste ich von der Massagebank springen. Die Diagnose: Immerhin fällt es nicht ab! Die Ärzte hatten wohl nicht erkannt, dass das Wadenbein angebrochen und nach meinem Sprung endgültig durch war. Also lief ich in der zweiten Hälfte wieder auf, damit wir wenigstens mit zehneinviertel Mann dagegen halten konnten. Es stand schon 2:1 für Liverpool, ich stand nur noch auf Linksaußen und ließ mich von Zeit zu Zeit anspielen. Bald schoss Hannes Löhr das 2:2, und auch ich hatte tatsächlich zweimal die Chance, ein Tor zu erzielen, scheiterte aber knapp. Wir waren dem Sieg näher, doch uns gelang kein weiteres Tor mehr.

Nun, im dritten Spiel, ging es doch in die Verlängerung, und ich musste weitere 30 Minuten auf die Zähne beißen. Es war, als hätte mir jemand ein Messer ins Bein gerammt. Wenn ich heute in Aufzeichnungen sehe, wie ich mich über den Platz schleppe, wird mir noch immer ganz anders. Und dabei hat es nichts gebracht! Die Verlängerung blieb torlos, der belgische Schiedsrichter Schaut verweigerte uns zu allem Überfluss auch noch einen regulären Treffer von Heinz Hornig. Nun wurde per Münzwurf entschieden. Beim ersten Mal blieb die Münze senkrecht im Morast stecken. Beim zweiten Mal entschied sie zu Gunsten des FC Liverpool. Ich saß weit ab und sah nur, dass die Roten anfingen zu jubeln. Wir hatten das Spiel verloren, und mein Bein war gebrochen. Es war schlimm. Dabei sollte das nicht einmal mein tragischstes Spiel bleiben. Gut ein Jahr später sah ich Roger Hunt im Finale von Wembley wieder.

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