Wohin gehört van der Vaart?

Sehnsucht der hängenden Spitze

Rafael van der Vaart ist ein Spieler mit internationalen Ambitionen, aber wofür genau ist er eigentlich am besten zu gebrauchen? Als Rechtsaußen? Als Spielmacher? Er sollte sich spezialisieren, meint Christoph Biermann. Imago
Heft #75 02 / 2008
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»Ich finde nicht, dass ich schon ein Topfußballer bin«, hat Rafael van der Vaart kürzlich gesagt und zugleich keinen Zweifel daran gelassen, dass er das noch werden will. Daher wechselt er im Sommer zu einem internationalen Spitzenklub, was man neben allen finanziellen Fragen durchaus als Ausdruck von sportlicher Identitätsfindung verstehen darf. Der Holländer wird im Februar nämlich 25 Jahre alt und da ist es langsam an der Zeit, die Versprechen auf Großes einzulösen.

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Doch zuvor wird noch die Frage geklärt werden müssen, wo auf dem Platz van der Vaart eigentlich am besten aufgehoben ist. Der FC Valencia wollte ihn im Sommer für die Position im linken Mittelfeld verpflichten, auf der seine Karriere begann. In der holländischen Nationalmannschaft spielt er hingegen zumeist rechts, und beim Hamburger SV zentral. Van der Vaart ist also ein Allrounder der Offensive und dabei eine Mischung aus Mittelfeldspieler und Stürmer. Das ist unbestreitbar ein Vorteil, denn es bedeutet viele Einsatzmöglichkeiten, doch vielleicht fehlt zum großen Sprung nach vorne eben doch die Spezialisierung.

Van der Vaart ist ein Spieler, der gerne viel am Ball ist

Nur welche wäre richtig? Seit Huub Stevens Trainer beim Hamburger SV ist, hat er das Spielsystem so modifiziert, dass van der Vaart in einer freien, offensiveren Position spielt. In der Vorsaison, als der HSV oft ein defensiveres 4-4-1-1 spielte, war van der Vaart der Mann hinter den Spitzen. Heute nimmt er im 4-2-3-1-System den mittleren Platz der offensiven Mittelfeldreihe ein, früher hätte man das »hängende Spitze« genannt. Der Erfolg lässt sich in Zahlen messen: Neun Bundesligatore (davon drei Elfmeter) erzielte er bei 14 Einsätzen in der Hinrunde. Damit ist er nicht nur erfolgreichster HSV-Torschütze, sondern schaffte eine Quote, über die sich die meisten Stürmer freuen würden. Sie liegt auch deutlich über jener seiner ersten beiden Jahre in Hamburg, in denen van der Vaart auf 17 Tore in 45 Spielen kam. Allerdings geht der starke Akzent auf das Angriffsspiel auf Kosten der Ballverteilung. Van der Vaart ist ein Spieler, der gerne viel am Ball ist. Er muss als zweite Spitze aber vor allem in Auswärtsspielen viele lange Bälle verarbeiten, und ist daher nicht so am Spiel im Mittelfeld beteiligt. Deswegen hat van der Vaart in der Hinrunde dieser Saison auch nur drei Tore vorbereitet.

In der Nationalmannschaft, wo er nach Clarence Seedorf und Patrick Kluivert der drittjüngste Spieler wurde, der mehr als 50 Länderspiele machte, setzt ihn Trainer van Basten entweder als Rechtsaußen oder im rechten Mittelfeld ein. Das ist eine interessante Variante, die zuletzt in Mode gekommen ist, denn van der Vaart ist Linksfuß. Früher spielten Spieler mit einem starken linken Fuß auf der linken Seite und die Rechtsfüßler auf Rechts. Heute ist es oft umgekehrt, wie man bei Messi oder Ribéry sieht. Weil sie spielstark sind, sollen sie sogar von außen in die Mitte ziehen und nicht nur die Außenlinie bearbeiten. Doch van der Vaart hat auf dieser Position dem holländischen Team bislang nicht seinen Stempel aufdrücken können. Bei der EM vor vier Jahren war er noch ein Rookie und bei der WM spielte er aufgrund einer Verletzung nur eine Nebenrolle. Kein Wunder, dass es ihn langsam nach großen Auftritten auf großen Bühnen drängt. Und wenn man bedenkt, wie überschwänglich er vom Spiel des Argentiniers Riquelme schwärmt, steckt tief in der Fußballseele des holländischen Halbstürmers die Sehnsucht nach einer Rolle als Spielgestalter klassischen Zuschnitts.


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