Wohin führt Hiddink Russland?

Der Ernst des Lebens

Mit dem Spiel gegen Deutschland in der WM-Qualifikation beginnt für Russlands Trainer Guus Hiddink die kritische Phase seiner Arbeit. Die Leistungen bei der Europameisterschaft haben Erwartungen geweckt. Wohin führt Hiddink Russland?Imago Ja, da saß er tatsächlich. Seine Assistenten Borodjuk und Kornejew neben sich, schaute sich Guus Hiddink das Ligaspiel in Moskau an. Nun ist es eigentlich nichts Besonderes, wenn sich Hiddink Ligaspiele in Moskau anschaut, immerhin ist er der Nationaltrainer des Landes. Doch da unten auf dem Rasen kickte nicht ZSKA, das sechs Spieler im Nationalkader stellt.

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Da kickte auch nicht Spartak, bei dem die Auswahlspieler Sajenko und Bystrow unter Vertrag stehen. Nein, da unten kickte der Mittelfeldklub FK Moskau gegen das Schlusslicht Schinnik Jaroslawl, null aktuelle und ein halber potentieller Nationalspieler wirkten mit - und auf der Tribüne saß Hiddink. Als würde sich Joachim Löw Bielefeld gegen Cottbus anschauen.

Abwehr als Schwachstelle

In den vergangenen Monaten hat sich Guus Hiddink nicht viel Kritik anhören müssen. Nur eines warfen ihm manche Beobachter vor: dass er die Liga nicht gut genug kenne, dass er zu selten im Land sei, um Spiele zu beobachten, und dass er zu wenig Kontakt zu den Liga-Trainern pflege. Nun hat es fast den Anschein, als wolle Hiddink die wenigen Kritikpunkte noch schnell beseitigen. An den vergangenen Wochenenden war er bei etlichen Spielen, und Anfang dieser Woche ließ er sich beim Treffen mit russischen Trainerkollegen ablichten.

Der Niederländer weiß: Die EM-Euphorie ist erstmal vorbei - jene Zeit, in der Politiker für seine Einbürgerung plädierten und in denen ein Getränkehersteller eine Wodkamarke namens Hiddinka auf den Markt bringen wollte. Nun beginnt der Ernst des Lebens, die zweite Phase seiner Arbeit in der aufstrebenden Fußballnation. Die Blicke werden kritischer, die Erwartungen sind gestiegen. Die Teilnahme an der WM 2010 ist fest eingeplant, spätestens bei der EM 2012 soll der erste große Titel seit 1960 her, als die Sowjetunion Europameister wurde.

Gestiegene Erwartungen

Zwar gibt Hiddink, 61, selbst die Parole aus: »Nach dieser EM fürchten wir niemanden mehr.« Doch er ist realistisch genug, um die Erwartungen nicht noch weiter anzustacheln. Denn vor dem Qualifikationsspiel gegen Deutschland in Dortmund (Samstag, 20.45 Uhr) verdichten sich noch einmal Stärken und Schwächen seiner im 4-3-3-System spielenden Elf, die bei der EM mit schnellem Kombinationsspiel beeindruckte. Um Torhüter Akinfejew muss sich Hiddink keine Sorgen machen. Auch nicht um das laufstarke Mittelfeldtrio Semak/Syrjanow/Semschow. Und erst recht nicht um die vorzüglich besetzte Offensive, in der er rund um den Freigeist Andrej Arschawin etliche Gestaltungsmöglichkeiten besitzt und sich im Sturmzentrum sogar zwischen Zenits Pawel Pogrebnjak und dem bei der EM stark aufspielenden Roman Pawljutschenko entscheiden muss (zurzeit sind beide leicht angeschlagen).

Die große Schwachstelle dieser Elf ist und bleibt die Abwehr. Schon bei der EM zeigten sich dort enorme Defizite, und nun verletzte sich auch noch Innenverteidiger Denis Kolodin. Viele Alternativen hat Hiddink nicht. Nicht von ungefähr scouteten die Verantwortlichen nach Abwehrspielern mit russischen Wurzeln, denen man einen russischen Pass besorgen könnte (im Gespräch war unter anderem Nürnbergs Andreas Wolf) - bisher vergebens. »Die Abwehr bleibt für uns ein großes Problem, und das beunruhigt mich sehr. Der Ausfall von Kolodin ist ein großer Verlust«, sagt Hiddink.

Nur noch ein Legionär

Und noch etwas bereitet ihm Sorgen. Sein Team verfügt trotz der EM nur über wenig internationale Erfahrung. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Legionäre sukzessive gesunken. Bei der WM 1994 standen noch zwölf Spieler im Kader, die ihr Geld im Ausland verdienten (darunter die drei Deutschland-Profis Tschertschessow, Gorlukowitsch und Borodjuk); bei der EM 1996 und der WM 2002 waren es je neun, bei der EM 2004 noch drei, und bei der EM 2008 schließlich noch einer: der damalige Nürnberger Iwan Sajenko. Nach der EM wechselte zwar Pawljutschenko zu Tottenham, dafür ging Sajenko zu Spartak.

Im Kader für die Spiele gegen Deutschland und Finnland stehen zwar je sechs Spieler der international schon erfolgreichen Teams ZSKA Moskau und Zenit St.Petersburg. Doch abseits des Europapokals sind Auseinandersetzungen auf internationalem Niveau selten. Die Premjer-Liga ist zwar stärker geworden, weist aber noch ein großes Leistungsgefälle auf. Nur gegen etwa die Hälfte der Gegner müssen die Nationalspieler ihr volles Leistungspotential abrufen. Sportlich befriedigend ist das nicht, aber gute Verdienstmöglichkeiten und eine vertraute Umgebung halten sie im Land.

Entsprechend ließ Hiddink erkennen, dass es ihm gefallen würde, wenn die umworbenen Arschawin und Pogrebnjak in eine europäische Spitzenliga wechseln würden. An beiden soll unter anderem der FC Bayern interessiert sein. Auch für Guus Hiddink selbst wären solche Transfers von Vorteil: Er müsste sich seltener Moskau gegen Jaroslawl anschauen. Er könnte dann auch mit Spielbeobachtungen in Europa die kritischen Stimmen zufrieden stellen.

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