21.09.2013

Woher kommen die Boateng-Brüder?

Ein Käfig voller Helden

Seite 2/3: »Die wären füreinander gestorben«
Text:
Lucas Vogelsang
Bild:
imago

Sie hatten sich gefunden und berauschten sich nun an ihrer ganz eigenen Art des Fußballs: Atzen-Style, Berlin eben. Auf ihrem Ritt ins Finale deklassieren sie den Nachwuchs von Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen, um schließlich dem VfB Stuttgart mit den späteren Nationalspielern Sami Khedira und Andreas Beck in der Startelf ebenfalls keine Chance zu lassen. Über das Gesicht ihres damaligen Trainers Dirk Kunert huscht noch immer ein entrücktes Lächeln, wenn er auf jene Saison zurückblickt: »Die Jungs besaßen einfach eine individuelle Klasse und eine Spielintelligenz, die sonst keiner hatte.« Doch das Gefühl für den Ball ist nicht das Einzige, das ihre Stärke ausmacht. Es ist vor allem das stille Verständnis untereinander, das nicht allein durch die gemeinsamen Stunden auf dem Trainingsplatz zu erklären ist. »Die waren Freunde«, so ihr Entdecker Friedrichs. »Die wären füreinander gestorben.«

Hinter den Kulissen brodelt es

Bis hierhin ist es ein Märchen, eine Karriere wie aus einem Jugendbuch: der Aufstieg einer Gruppe von Freunden, die ihren Traum leben, nur das eine Ziel vor Augen haben: Profifußballer zu werden. »Sie waren die Jungs, die oben ankommen mussten«, sagt Kunert. Bis hierhin haben sie alles richtig gemacht. Juniorenmeister, Nachwuchsnationalspieler, Fritz-Walter-Medaille in Gold, sie sind die Besten ihres Jahrgangs. Eigentlich ein Prolog für das ganz große Berliner Heldentheater. Doch die Helden, sie geraten aus dem Tritt. Und fallen im Frühjahr 2007.

Die erste Saison nach dem Sommermärchen neigt sich dem Ende zu. Kevin-Prince Boateng, Ashkan Dejagah, Chinedu Ede, Patrick Ebert und auch Kevins jüngerer Bruder Jerome, der 2002 vom Lokalrivalen Tennis Borussia geholt worden war, gehören wie erwartet zum Profikader von Hertha BSC. Doch im Verein, hinter den Kulissen, brodelt es. Im Februar hat Ashkan Dejagah für die kommende Saison einen Vertrag beim VfL Wolfsburg unterschrieben. Obwohl er eigentlich gerne in Berlin geblieben wäre. Dejagah hat jedoch nicht das Gefühl, dass Hertha BSC ihn unbedingt halten wollte.

Es geht bei den Vertragsverhandlungen um viel Geld, aber auch um die Frage, wie viel ein Talent dem Verein wert ist, und um den Respekt, um den es in dieser Geschichte immer geht. Ashkan Dejagah und die anderen glauben, dass der Verein sie bewusst klein halten will. Vor allem aber, dass sie nicht die gleiche Wertschätzung genießen wie die anderen Spieler. »Bei Hertha meinten sie, dass wir ihnen etwas schuldig waren«, sagt Chinedu Ede noch heute, er spielt nach seiner Zeit beim MSV Duisburg nun für Herthas Lokalrivalen Union. »Selbst als Profis wurden wir immer nur als die kleinen Jungs gesehen. Wir waren die ewigen Praktikanten.«

Plötzlich reicht allein das Talent nicht mehr

Im Training spüren sie zudem, wie die alten Hierarchien greifen. Das Talent allein reicht nicht mehr, weil plötzlich andere Maßstäbe gelten, an denen sie, mit einem gefährlichen Momentum aus jugendlicher Überheblichkeit und einer berechtigten Anspruchshaltung, zerschellen. Nach den Jahren im Nachwuchsbereich, die von einem Soundtrack aus Lobeshymnen unterlegt waren, müssen sie sich mit der Nebenrolle des Wasserträgers arrangieren. Ohne jedoch zu verstehen, warum. »Als Kevin, Ashkan und die anderen bei den Profis mittrainieren durften, haben sie doch schnell gesehen, dass sie besser sind. Und da waren sie gerade 17, 18 Jahre alt«, sagt Dirk Kunert, dessen Erinnerung sich mit der seines ehemaligen Trainerkollegen Friedrichs deckt: »Die Jungs konnten die besonderen Dinge mit dem Ball, waren ideenreich und kreativ. Für sie ist damals eine Welt zusammengebrochen, als irgendwelche Marko Rehmers vor dem Training Migräne bekamen, weil sie Angst hatten, im Eck auseinandergenommen zu werden.«

Auf dem Schenkendorffplatz, Herthas Trainingsanlage, prallen Eitelkeit, Neid und beschädigte Egos aufeinander, und es entwickelt sich eine tiefe Frustration, die sich schließlich entlädt, als Kevin-Prince Boateng seinem Mitspieler Pal Dardai im Training ins Gesicht schlägt. Mit der Ohrfeige für den biederen Ungarn tritt der schwelende Generationenkonflikt bei Hertha BSC schallend zutage. Im Umfeld des Vereins gilt sie zudem als letzter Beweis für das Unkontrollierbare, das geradezu Unheimliche, das in den eigenen Reihen herangewachsen ist. So ist sie plötzlich auch eine Tätlichkeit aus dem Abgrund einer Gegenwelt, direkt aus dem Ghetto.

In dieser Zeit erscheint in der »Sport Bild« ein Artikel, für den sich Dejagah und die Boateng-Brüder mit Zafer Yelen und Änis Ben-Hatira in ihrem alten Käfig fotografieren lassen. Als Helden von der Straße, die mit der Knarre an der Schläfe im Elend von Berlin-Wedding aufgewachsen sind, dort, wo man entweder Drogendealer, Rapper oder eben Fußballer wird. So sagt es jedenfalls Kevin-Prince Boateng. Und die anderen nicken.

 
 
 
 
 
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