21.09.2013

Woher kommen die Boateng-Brüder?

Ein Käfig voller Helden

Die Boateng-Brüder und ihre Kumpels Patrick Ebert, Änis Ben-Hatira, Chinedu Ede und Askhan Dejagah sollten einmal die Zukunft von Hertha BSC sein. Heute sorgen sie anderswo für Furore. Jeder für sich. Die Geschichte einer Entfremdung.

Text:
Lucas Vogelsang
Bild:
imago

Im Frühjahr 2011 begegnen sich Vergangenheit und Gegenwart von Hertha BSC Berlin noch einmal auf engstem Raum. Es ist ein Montagabend in der Diskothek Maxxim am Kurfürstendamm, Friseusenchic direkt über dem Q-Dorf. Aus den Lautsprechern plärrt Ibiza-House, und im VIP-Bereich, durch eine Kordel vom Rest der Besucher getrennt, feiert Patrick Ebert, lange blonde Haare, Tattoos auf den Unterarmen, seine Rückkehr in die Bundesliga. Nicht weit entfernt, irgendwo in diesem Menschensee, krault Chinedu Ede von Union Berlin durch schwitzende Körper.

Er will irgendwo hin, doch das zuckende Stroboskop scheint ihm die Orientierung zu rauben. Und an der Bar lehnt Jerome Boateng, bald Profi beim FC Bayern, schwarzes Brillengestell unter einer dunklen Basecap, mit einer Flasche Cola in der Hand. Boatengs Blick huscht teilnahmslos über die Aufstiegseuphorie, bleibt an nichts hängen. Er wirkt abwesend, distanziert der blau-weißen Freude gegenüber, die nicht mehr seine ist. Und Ede drängelt immer noch und sucht die Party, die doch überall um ihn herum ist.

Ein junges Rudel Hochbegabter

Patrick Ebert, Jerome Boateng und Chinedu Ede bewegen sich kaum drei Meter voneinander entfernt. Doch die Distanz könnte in diesem Moment kaum größer sein. Sie sind, das wird deutlich, nicht gemeinsam hier, sondern jeder für sich. Wie vom Zufall noch einmal zusammengeführt, für einen Abend, vielleicht zum letzten Mal.

Dabei kennen sie sich seit mehr als zehn Jahren, sie haben ähnliche, fast parallel verlaufene Biografien. Sie gehören gemeinsam mit Kevin-Prince Boateng, Ashkan Dejagah, Zafer Yelen und Änis Ben-Hatira zum wohl besten Jahrgang, den der Berliner Fußball jemals hervor gebracht hat. Zwischen den Jahren 1986 und 1988 geboren, die Straße unter und bald auch in den Füßen, ein junges Rudel Hochbegabter, das einmal der Stolz der Hauptstadt werden sollte. Berliner Jungs allesamt, die Hertha BSC, einem Verein ohne Eigenschaften, ein Gesicht hätten geben können, die am Ende aber, bis auf wenige Ausnahmen, erst die Stadt verlassen mussten, um ihren Platz im Profifußball zu finden. Sie gingen, begleitet von einer Kakophonie aus Missverständnissen und Skandalen, und hinterließen, das Ghetto als Stigma, verbrannte Erde.

Die Frage ist nur: Wie konnte es eigentlich so weit kommen?

Die Geschichte dieser Jungs beginnt nicht, wie oft in romantischer Verklärung behauptet, in einem engen Käfig an der Panke, sondern in den Köpfen von Frank Friedrichs und Dennis Hoy-Ettisch, zwei jungen E-Jugend-Trainern der Reinickendorfer Füchse. Friedrichs ist damals, 1996, gerade 26 Jahre alt. Seine Mannschaft trägt selbstgeschneiderte Trikots, die denen von Ajax Amsterdam nachempfunden sind, dem niederländischen Erfolgsklub, der berühmt ist für seine Nachwuchsförderung. Neben dem normalen Training müssen die jungen Füchse, ein bunter Haufen Zehnjähriger, zum Drill, zur Willensschulung. Frank Friedrichs wird von der Idee getrieben, aus ihnen die perfekten Fußballer zu machen. In seinem Kader stehen damals, neben dem späteren Rostocker Zafer Yelen, auch Kevin-Prince Boateng und Chinedu Ede. Ashkan Dejagah ist gerade in die D-Jugend gewechselt. »Wir haben schon damals drei, vier Mal die Woche trainiert«, erinnert sich Chinedu Ede. »Deswegen waren wir technisch auch alle so gut ausgebildet.«

Natürlich bleibt den Verantwortlichen bei Hertha BSC diese außergewöhnliche Konzentration von Hochbegabung nicht lange verborgen. Änis Ben-Hatira kommt als Erster, nach und nach wechseln Kevin-Prince Boateng und Chinedu Ede, später auch Ashkan Dejagah, zum großen Klub nach Charlottenburg, sie trainieren nun im Schlagschatten des Olympiastadions. Ihre Entdecker Friedrichs und Hoy-Ettisch werden in die Nachwuchsabteilung eingebunden. Zudem holt der Verein 1998 einen kleinen, hellblonden Jungen von der TSV Russee. Sein Name ist Patrick Ebert.

2003 sind Dejagah, Ebert und vor allem Kevin-Prince Boateng die Leistungsträger einer Mannschaft, die unaufhaltsam und mit einem für die Gegner furchteinflößenden Selbstverständnis durch die deutsche B-Jugendmeisterschaft rollt. »Wir wussten damals immer: Wenn es normal läuft, gewinnen wir«, erinnert sich Chinedu Ede, in dessen Erzählungen er und seine Mitspieler wie eine Liga Superhelden in Stollenschuhen wirken: »Patrick konnte Freistöße treten wie kein Zweiter, Kevin millimetergenaue Pässe spielen, Ashkan war am Ball eine Granate. Und ich war pervers schnell.«

 
 
 
 
 
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