Wo spielt eigentlich Kevin Kuranyi?

Neue Heimat

Kevin Kuranyi wechselt in eine Liga mit Klubs, deren Existenz von Regionalfürsten oder dem Staat abhängt. Dynamo Moskau hat kaum Fans und nicht mal ein Stadion – dafür aber die Unterstützung des russischen Geheimdienstes. Wo spielt eigentlich Kevin Kuranyi?Imago Russland ist für Ausländer doch nur ein Ort zum Geldverdienen, verflucht!« Walerij Maslow redet sich richtig in Rage, in einem wilden Fluchrussisch: »Wir erniedrigen uns vor ihnen, wir zahlen ihnen astronomische Summen, schaffen königliche Bedingungen, aber wo, verdammte Scheiße, ist das Resultat?«

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Der 70-Jährige atmet schwer. Maslow gehört zur Generation Overath und Sepp Maier, er hat für Dynamo gespielt in den goldenen Sechzigern, zusammen mit dem Jahrhunderttorhüter Lew Jaschin. Maslow nannten die Fans den »Mann mit den zwei Herzen«, weil er die Nacht durchtrinken konnte – und sich am nächsten Tag auf dem Spielfeld trotzdem für Dynamo aufopferte. Dass sich Maslow nie geschont hat, sieht man seinem zerlaufenen Gesicht an. Doch ein Teil der Falten kommt vielleicht auch daher, dass er seit nunmehr 35 Jahren zusehen muss, wie sein Verein sich Jahr für Jahr um die Meisterschaft bringt. Wird der deutsche Stürmerstar Kevin Kuranyi die Erlösung sein? »Selbst wenn Kuranyi scheiße spielt – er wird trotzdem auf dem Platz stehen«, sagt Maslow bitter.

Kniehoch wuchern Löwenzahn, Brennnesseln und Büsche auf dem Rasen von Maslows ehemaliger Spielstätte. Russische Wachleute dösen rund um das ockerfarbene Oval des Stadions durch den Nachmittag, und das Einzige, was an Bewegung erinnert, ist ein sowjetisches Gips-Triptychon über dem Haupteingang: Links und rechts schuften die Arbeiter an den Werkbänken, in der Mitte hechten sie Volleybällen hinterher, werfen Speere und treten Fußbälle ins Tor. Bald zwei Jahre ist es her, dass hier, wo der Leningrader Prospekt aus dem Zentrum Moskaus hinausführt, der letzte Fußball übers Feld rollte.

Das neue Stadion kommt 2012 – oder doch erst 2015?


80 Jahre nach seiner Eröffnung machte der FC Dynamo Moskau eines der ältesten russischen Stadien dicht. Nicht ohne Tamtam: Bis 2012 werde man eine neue Arena errichten, tönte Präsident Jurij Isajew damals und träumte laut von der Meisterschaft in der folgenden Saison. Seitdem spielt das Team im Vorort Chimki, und die Fans müssen sich zu jedem Heimspiel dreißig Kilometer aus dem Zentrum hinausquälen. Nach elf Spieltagen steht das Team gerade mal auf Platz 9 von 16. Und das neue Stadion, heißt es inzwischen unter Vorbehalt, soll frühestens 2015 eröffnen. Warum, so fragen sich viele Russen und noch mehr deutsche Fußballfans, hat dieser deutsche Stürmer, der in der letzten Saison immerhin 18 Mal für Schalke getroffen hat und in diesem Jahr Champions League spielen könnte, der über Angebote von Besiktas Istanbul und Juventus Turin verfügte, warum hat sich Kevin Kuranyi nach dem VfB Stuttgart und Schalke 04 zur Fortsetzung seiner Karriere für das Mauerblümchen Dynamo Moskau entschieden?

Keine Frage – parallel zu den steigenden Weltmarktpreisen für Öl und Gas füllten sich die Kassen der russischen Vereine. Zenit Sankt Petersburg hat inzwischen ein Jahresbudget von 100 Millionen Dollar. Und mit Paukenschlägen meldeten sie sich auf der Fußball-Landkarte Europas zurück: 2005 holte ZSKA Moskau den UEFA-Cup, 2008 gelang dasselbe Zenit Sankt Petersburg, und im letzten Herbst besiegte der Nobody Rubin Kasan aus der Teilrepublik Tatarstan den FC Barcelona mit 2:1 – im Camp Nou. An den strukturellen Problemen hat sich trotz oder vielleicht gerade wegen des Geldregens wenig geändert: Von den vier Hauptstadtteams spielt derzeit nur Lokomotive im eigenen Stadion. Spartak mietet das Luschniki, Dynamo und ZSKA teilen sich die Arena Chimki. Die fasst nur 20.000 Zuschauer – ist aber immerhin so gut wie neu. Das Stadion von Machatschkala dagegen, Hauptstadt der nordkaukasischen Republik Dagestan, wo es monatlich zu Schießereien oder Bombenanschlägen kommt, stammt aus dem Jahr 1927. Immerhin wurde dort nach dem Aufstieg in die Premier-Liga im letzten Jahr eine elektronische Anzeigentafel installiert.

Und der Ruf des Profifußballs ist in der eigenen Bevölkerung nicht sonderlich gut. Für Alexej Matwejew ist die Premier-Liga gar ein »Sumpf«, in dem undurchsichtige »Businessmeny« ihr Geld waschen und gegnerische Spieler und Schiedsrichter bestechen. Der 55-Jährige Journalist, in Hemd und Hose unscheinbar wie Woody Allen, ist in seinen Büchern Gerüchten nachgegangen, die unter russischen Fans weit verbreitet sind. Und die immer wieder Nahrung erhalten: Als im vorigen Juni das Team aus Samara auf Terek Grosny traf, schleppten sich die Gäste aus Samara gegen Ende des Spiels eine Viertelstunde lang lethargisch über den Platz, bis der vom tschetschenischen Präsidenten angeführte Verein aus Grosny endlich zum erlösenden 3:2 traf. »Verkaufte Spiele sind wie Ufos – alle glauben an sie, aber keiner hat Beweise«, heißt ein unter russischen Fußballfans beliebtes Sprichwort. Denn trotz unzähliger Spiele, die von Fans und Medien unter Manipulationsverdacht gestellt wurden, gab es in der gesamten Geschichte der Premier-Liga kein einziges Verfahren, kein Urteil, keine Schuldigen. Auch Matwejew fehlen letztlich handfeste Beweise, doch nach seinen Recherchen schätzt er: »20 bis 25 Prozent der Spiele in der Premier-Liga sind abgesprochen oder verkauft.«


In Russland, einem ohnehin illusionsarmen Land, zweifeln Fans und Spieler nicht daran, dass Kuranyi einfach nicht »Nein« sagen konnte zu den 18 Millionen Euro, mit denen ihm die Vereinsführung seine drei Jahre Fußball in Moskau versüßt. So erklärt sich das auch Dynamo-Verteidiger Igor Semschow. »Die Bedingungen sind ja nicht zu vergleichen mit der Bundesliga«, sagt der 32-Jährige mit den dunkelblonden Haaren und den blauen Augen, der trotz seiner nur 170 Zentimeter seit 2002 zu den Stützen der russischen Sbornaja gehört. »Die Qualität des Rasens, die Fans und die ordentlichen Stadien kann man an einer Hand abzählen«, benennt Semschow all jene Faktoren, die gegen den russischen Fußball sprechen. »Und natürlich das Niveau in der Liga«, schiebt er nach und nimmt einen Schluck aus seinem schicken Waldbeerencocktail. Über Semschows Kopf blähen sich weiße Baldachine, in der Mitte der Sommerterrasse plätschert ein Springbrunnen. Vor dem Eingang stehen Dutzende nagelneuer Jaguare – bereit zur Testfahrt. Vom »Parisienne«, einem Moskauer Luxusrestaurant, sind es zu Fuß gerade mal ein paar Minuten bis zum Stadion Dynamo. Vor dessen Schließung war das »Parisienne« ein beliebter Ort unter den Fußballern.

Pro 100 Gramm Übergewicht werden 100 Dollar fällig

Für Menschen mit viel Geld, und ganz besonders für Männer mit viel Geld, ist die Zwölf-Millionen-Metropole Moskau ein Ort unbegrenzter Möglichkeiten. Besonders das Nachtleben stellt die Moral der gutverdienenden Fußballer auf eine harte Probe: Nachtklubs wie das »Raj« (Paradies) oder die »Soho-Rooms«, die mit Glamour, Exklusivität und willigen Frauen locken, stehen bei den Moskauer Fußballern hoch im Kurs. Die Vereine bemühen sich weitgehend vergeblich, die Vergnügungssucht ihrer Spieler mit Geldstrafen im Zaum zu halten. In einem der Hauptstadtvereine müssen die Spieler sogar jeden Tag auf die Waage – pro 100 Gramm Übergewicht werden 100 Dollar fällig, pro Kilogramm 1000.

Fünf Jahre ist es her, da hätte der Sog von Moskaus Geld und Glamour den FC Dynamo beinahe in die zweite Liga gezogen. Alles begann damit, dass der FC Porto 2004 die Champions League gewann. Der damalige Eigentümer des FC Dynamo war beeindruckt und kaufte auf einen Schlag zehn junge Portugiesen ein. Mit ihrer Hilfe sollte Dynamo zum Superklub werden. Doch alles kam anders. »Das Team zerfiel in zwei Teile«, erinnert sich Alexander Oganesow, Dynamo-Anhänger in dritter Generation, Betreiber der beliebtesten Fanseite und Chefredakteur des Vereinsmagazins.

»Erfüllt ihnen alle Wünsche«, hieß die Ansage der Klubführung, und für 250.000 Euro im Monat pro Nase ließen die Gäste aus Portugal es krachen – außerhalb des Platzes. Spielerischer Höhepunkt hingegen war die Spuckattacke des Portugiesen Danny gegen einen Schiedsrichter. Die Mannschaft landete 2005 auf dem achten Platz, dann machten sich die meisten Portugiesen aus dem Staub, und 2006 schaffte Dynamo mit Ach und Krach den Klassenerhalt. »Die Portugiesen hat der Verein betüddelt wie kleine Kinder«, sagt Dynamo-Verteidiger Semschow heute. »Sie haben kein Russisch gesprochen und sich nicht ins Team integriert.« Welche Rolle Kuranyi spielen wird, hängt von ihm selbst ab. »Ich hoffe, der macht hier nicht nur Dienst nach Vorschrift«, sagt Igor Semschow.

In kurzen Hosen und einem gestreiften Hemd tritt einer aus dem Terminal D des Moskauer Flughafens Scheremetjewo, der als erster Deutscher den Sprung nach Moskau gewagt hat: Malik Fathi, zwei Trolleys hinter sich, in der linken Hand einen schwarzen Backgammon-Koffer. »Herzlich willkommen zurück«, begrüßt ihn ein schnurrbärtig-jovialer Spartak-Abgesandter und lädt Fathis Gepäck in den Kofferraum des Mercedes-Minibusses. Die Fahrt geht los durch Wälder und Datschensiedlungen rund um Moskau. An einer Kreuzung liegt ein russischer Kipper quer über der Straße, darunter ein zerquetschter Pkw. Es geht von einem Stau zum nächsten, und das an einem Sonntag. »Alles wie immer«, witzelt Fathi in akzentfreiem Russisch. Im März 2008 hatte Spartak den Berliner Linksverteidiger für vier Millionen Euro von Hertha BSC losgekauft. Fathi war neugierig auf Russland und heiß auf die Champions League. Aber er hat sich nicht durchgesetzt – und das liegt nicht unbedingt an seiner Leistung.

Bei Spartak sind 12 von 22 Spielern Ausländer

»Es ist schon bitter: Du schießt ein Siegtor und musst trotzdem wieder raus aus dem Kader«, sagt der Berliner und schaut etwas verloren aus dem Fenster des Minibusses, der gerade auf Spartaks Trainingsgelände »Tarasowka« im Norden Moskaus rollt. Immerhin 12 von 22 Spielern im Kader sind Ausländer – doch auf dem Platz müssen nach russischem Reglement mindestens fünf Russen stehen. Den größten Teil der Ausländerquote nehmen schon die vier Brasilianer ein, die in der Regel den Angriff bei Spartak Moskau bilden. Da bleibt nicht viel übrig, und für die letzten Monate hat Spartak den Berliner deshalb in die Bundesliga nach Mainz ausgeliehen. »Ich will jetzt voll angreifen«, gelobt Fathi, »ich muss irgendwie einen anderen Ausländer rausdrücken.« Bis Winter 2011 läuft sein Vertrag bei Spartak, dann ist er 28 Jahre alt. Fathi weiß, dass es irgendwie weitergeht. Wenn Kevin Kuranyi seinen Vertrag bei Dynamo erfüllt, ist er 31.

Dann wird er fast so ein alter Hase sein wie Igor Semschow. Der hat seit seinem ersten Spiel im November 1996 viel erlebt. Zum Beispiel, wie schnell in Russland ein Klub zugrunde gehen kann, wenn die Unterstützung von ganz oben fehlt: Bis 2005 spielte er für Torpedo Moskau, das sich jahrelang unter den ersten Fünf gehalten hatte. Der Traditionsverein geriet in Finanznöte – unter anderem weil der Besitzer sich geweigert hatte, den Klub zwei Jahre zuvor zu verkaufen. Nach Semschow verließen weitere Spieler das sinkende Schiff, es folgte der Abstieg in die erste, schließlich in die zweite russische Division. »Manche sagen, mein Weggang war der Anfang vom Ende«, konstatiert Semschow heute und zuckt die Schultern. Am allerwenigsten hatte der Abstieg mit der sportlichen Leistung der Mannschaft zu tun.

Anfang dieses Jahres wiederholte sich die Torpedo-Story bei einem weiteren Hauptstadtteam, dem FC Moskau: Die Saison 2009 hatte der Verein noch auf dem sechsten Platz beendet, doch im Februar erklärten die Aktionäre, darunter der Rohstoffriese Norilsk Nickel, plötzlich den Rückzug aus der Premier-Liga. Fans und Spieler waren gleichermaßen überrumpelt, Medien vermuteten, dass der FC Moskau sterben musste, um für den nordkaukasischen FC Alanija einen Platz in der Premier-Liga frei zu machen. Wenige Wochen nach der Bekanntmachung bestritt das Moskauer Team bereits sein erstes Spiel in der Amateurliga – immerhin ein 4:0 gegen die Auswahl der Veterinärakademie Moskau.


Kuranyis Verein ist in seiner 87-jährigen Geschichte noch nie abgestiegen. Viele schreiben das dem engen Verhältnis zum Geheimdienst zu: Dynamo wurde von der sowjetischen Vorgängerorganisation des KGB gegründet, und bis heute sind die wichtigsten Positionen von Geheimdienstlern besetzt. Dynamos Vorstandsvorsitzender Wladimir Pronitschew etwa ist stellvertretender Chef des russischen Geheimdienstes FSB, und auch der Herr mit Bauch und dem schwarz-weiß gestreiften Hemd, neben dem Kuranyi sich bei seinem ersten Besuch im Stadion wiederfand, ist kein Unbekannter – Sergej Stepaschin war in den neunziger Jahren Direktor des FSB und ist heute einer der wichtigsten Kuratoren von Dynamo Moskau.

Diesen Herren ist es zu verdanken, dass der Klub die weltweite Finanzkrise praktisch schadlos überstanden hat. Seit 2008 prangen auf den Trikots der Spieler die drei Buchstaben »VTB«, der Name des neuen Eigentümers. In der zweitgrößten russischen Bank, die zum Großteil dem Staat gehört, arbeiten zahllose ehemalige FSB-Mitarbeiter. Als Vizepräsidentin des Unternehmens fungiert Stepaschins Ehefrau Tamara.

Ohne solche Verbindungen geht im russischen Profifußball nichts. »Niemand in Russland will freiwillig Geld in den Fußball investieren«, erklärt Alexander Oganesow, »und wenn Geschäftsleute Geld geben, dann meist, um sich von Problemen mit den staatlichen Stellen freizukaufen.« Denn die Vereine selbst verdienen so gut wie kein Geld: Die Einnahmen aus dem Verkauf von Tickets und Fanartikeln sind unbedeutend, und für die TV-Rechte mussten sich die Klubs im letzten Jahr 27,5 Millionen Dollar teilen – durch 16. Wer in der Premier-Liga ganz oben mitspielen will, braucht ein regionales oder staatliches »Schutzdach«: Bei Lokomotive Moskau ist es die russische Bahn, ZSKA Moskau ist der Klub der Armee, Rubin Kasan wird vom Gouverneur der Republik Tatarstan unterstützt, und hinter Zenit Sankt Petersburg steht das Staatsunternehmen Gazprom. Lediglich Spartak Moskau, in den Neunzigern die unumstrittene russische Nummer eins, hat kein Dach, und gilt deshalb als Mannschaft des Volkes. Hungern müssen die »Spartaner« dennoch nicht: Ihr Präsident Leonid Fedun ist ein fünfeinhalb Milliarden Dollar schwerer Öl-Oligarch. Womöglich liegt es aber gerade am fehlenden politischen Dach, dass der Klub seit 2001 vergeblich auf die nächste Meisterschaft wartet.

Ausverkauft war das Stadion zuletzt 1985


Auch bei Dynamo wartet man. Auf Kuranyi, der aus formalen Gründen den Verein erst ab August unterstützen kann, auf eine Wiederkehr der goldenen Jahre, auf das neue Stadion. Dabei hatte der Schriftsteller Maxim Gorki den Klubgründern aus der Geheimpolizei Tscheka, dem Vorgänger des KGB, doch auf die Fahnen geschrieben: »Dynamo – das ist die Kraft in der Bewegung«. Früher stimmte das: Elfmal wurde der Verein sowjetischer Meister, und besonders golden waren die fünfziger und sechziger Jahre, als Torwartlegende Lew Jaschin im Tor stand. Ein mehrere Meter hohes Denkmal vor der Haupttribüne zeigt den »schwarzen Panther«, wie er nach einem Ball hechtet, als könne er fliegen. Seit 20 Jahren ist Jaschin nun tot und Dynamo dümpelt. Ausverkauft war das Stadion zuletzt 1985 – 56.000 sahen zu, wie Dynamo durch ein 1:1 gegen Rapid Wien aus dem Europapokal der Pokalsieger flog.

»Die Fans sind für die Vereinsführung ohnehin nur Beigabe«, konstatiert Alexander Oganesow verbittert. Der Graben zwischen Anhängern und Management ist in Russland tief, weitaus tiefer als in Deutschland. Weil sie wirtschaftlich nur eine geringe Rolle spielen, ist es den russischen Chefs einigermaßen egal, ob die Leute ins Stadion kommen oder nicht. Im Falle von Dynamo Moskau ist es besonders schlimm: Zum Volksverein Spartak kommen im Schnitt immerhin 27.000 Zuschauer ins Stadion, zu Dynamo ganze 7500. Damit rangiert der Klub ganz unten in der Statistik.

Die voreilige Schließung des Stadions, Herz des Klubs für Mannschaft und Fans, ist für Oganesow symptomatisch. »Mein Vater fährt seitdem nicht mehr zu den Spielen, weil der Weg zu weit ist«, sagt der 41-Jährige. Es gibt jetzt keinen Ort mehr, wo sich die Fans versammeln können: »Das ›Goal‹ am Stadion war mal solch ein Ort, doch die Betreiber haben jüngst alle Schals und Poster abgehängt, weil die Fans zu den Spielen ja ohnehin nach Chimki fahren.«



Deshalb sitzt Oganesow, der eine kleine Druckerei betreibt, jetzt in einem beliebigen der vielen tausend Moskauer Cafés und trinkt einen Espresso. »In der Führung des Klubs sind Leute, die nichts von Fußball verstehen«, schimpft er. »Unser Präsident Isajew zum Beispiel – von dem hatte in der Fußballwelt vorher niemand was gehört!« Dafür war er mal stellvertretender Minister für Wirtschaftsentwicklung und ist Duma-Abgeordneter der Putin-Partei »Einiges Russland«. Die politische Elite verschachert die Führungsposten in den russischen Vereinen untereinander, ohne Rücksicht auf die Reaktionen der Öffentlichkeit. »Dynamo ist wie Russland in Miniatur«, scherzt Oganesow. »Ganz oben steht der FSB.« 2006, nach der Portugiesen-Katastrophe, war Oganesow unter den Rädelsführern, als die Dynamo-Fans monatelang gegen Juri Sawarsin demonstrierten, einen korrupten Funktionär, den Spartak entlassen hatte und der danach aus unerfindlichen Gründen bei Dynamo auf den Stuhl des Generaldirektors gesetzt wurde. Am Ende entließ Dynamo Sawarsin. »Das lag aber sicher nicht an unseren Protesten«, ist Oganesow überzeugt.

Weil sie den Vereinen egal sind, führen die Fans ohnehin ein Eigenleben, weit weg vom Fußball: Sie schließen sich in informellen Gruppen zusammen, nennen sich »Gallant Steeds«, »Gladiatoren« oder »Einfahrt Jugend«, verabreden sich vor den Spielen zwischen Plattenbauten, auf Brücken oder in den russischen Wäldern, und dann prügeln sie aufeinander ein, mal zehn gegen zehn und kumpelhaft, mal 200 gegen 200 und bis aufs Blut. Im Sommer 2005 wurde nach Informationen der »Nowaja Gaseta« eine der Fanvereinigungen dafür bezahlt, die Teilnehmer einer oppositionellen politischen Demonstration mit Baseballschlägern zu verprügeln.

Kuranyi: »Es wird viel Schlechtes über Russland geschrieben«

Einen ganz besonderen Ruf hat sich »Fratria«, Fanklub von Spartak Moskau, erarbeitet. Ihr Chefideologe Iwan Katanajew tritt im Internet unter dem Nickname »combat18« auf, Name einer weltweit aktiven neonazistischen Organisation. Am 25. April 2009 gratulierten Spartak-Fans während eines Ligaspiels Adolf Hitler zum 120. Geburtstag, mit einem Banner, das mit einem Hakenkreuz verziert war und die Aufschrift »Herzlichen Glückwunsch, Opa« trug. Katanajew distanzierte sich zwar eilig, doch der russische Fußballverband verdonnerte den Verein zu einer Strafe von 500.000 Rubel, gut 13.000 Euro.

Das alles ist allerdings weit weg von Sunnyboy Kuranyi. »Wissen Sie, in unserer Presse wird viel Schlechtes über Russland geschrieben«, hat er russischen Journalisten bei seinem ersten Besuch in Moskau erzählt, »aber ich habe am eigenen Leib erfahren, dass das nicht der Wirklichkeit entspricht.« Ein Haus in der Nähe des Trainingsgeländes hat er sich schon ausgesucht. Wenn er am 8. August zum ersten Mal in Blau-Weiß in der Arena Chimki aufläuft, ist die Saison für Dynamo schon zur Hälfte gelaufen. Kuranyi soll es richten.

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