Wo Liverpool- und Evertonfans sich treffen

Frieden in Liga 7

In Liverpool haben die Fans des großen FC und des etwas kleineren Everton trotz aller Rivalität einen gemeinsamen Nenner: den Marine AFC. Unser England-Experte Matthias Paskowsky über einen Klub, den man nur lieb haben kann. Wo Liverpool- und Evertonfans sich treffen
Heft#97 12/2009
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Herr S. ist Unternehmer. Er hat Angestellte. Einer von ihnen verehrt ihn über alles. Der Mann schreibt E-Mails an Geschäftspartner, die seinen Vorgesetzten in den höchsten Tönen besingen, die ihn als wertvollen Menschen größter moralischer Integrität und als Koryphäe von unerschöpflichem Fachwissen preisen. Manche Leser verspüren einen Kloß im Hals.

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Das Verrückte an diesem Angestellten ist, dass kein Sterblicher ihn je zu Gesicht bekam. Wann immer man mit ihm sprechen möchte, ist er gerade raus. Eben noch tauchte er in der Masse vor dem Café unter. Einen Termin mit ihm kann man auch nicht machen. Denn gerade hat sich die Geschäftsreise auf unbestimmte Frist verlängert. Es ist verrückt. Bedauernd zuckt der vielgepriesene Herr S. mit den Schultern. Aber die E-Mails über ihn klingen prima.

So ist es auch mit den guten alten Zeiten, derer viele Menschen mit entrücktem Blick gedenken. Anstand und Ehrgefühl bestimmten den Umgang miteinander. Die guten Sitten waren noch mehr als einen Pfifferling wert. Etiquette schrieb man noch genau so und nicht mit einem großen »N« am Wortanfang.

Aber auch die guten alten Zeiten sind leider immer gerade raus und schon vorbei. Keiner hat ihnen je direkt ins feingeschnittene Antlitz blicken dürfen. Auch in Liverpool ist das nicht anders. Hier beklagt man in der jüngsten Vergangenheit gern, wie roh die rot-blauen Stadtderbys geworden sind, welch unschöne Ausmaße die Rivalität zwischen den Fans genommen hat. Unflätige Gesänge, Hasstiraden gar, Rempeleien. Lange vorbei sind die guten alten Zeiten, die von Respekt und dem berühmten selbstironischen Scouse-Humor geprägt waren. Weit oben im Kop gab es damals sogar einen Bereich, in dem sich jene Everton-Fans sammelten, die ihr eigenes Team nicht auf die Auswärtsfahrt begleiten konnten, die aber am Samstag nicht auf Erstligafußball verzichten wollten. Vorbei.

Tatsächlich haben die gestiegenen Preise in den Sitzplatz-Arenen und die große Nachfrage nach Liverpool-Tickets dieser Durchmischung schon vor Jahren ein Ende bereitet. Die Grenzen zwischen den Klubs sind schärfer gezeichnet, selbst wenn viele Familien an der Mersey noch rote und blaue Mitglieder haben.

Schlägerei in den 50ern

Dass aber die alten Zeiten vielleicht doch nicht ganz so gut waren, wie manch einer gern glauben möchte, hat nun John Williams von der University of Leicester herausgefunden. Schon 1950, im Halbfinale des FA Cups, das im Manchester-City-Stadion an der Maine Road ausgespielt wurde, lieferten sich die Fans beider Lager Schlägereien vor dem Stadion. Sogar ein unbeteiligter Bus-Schaffner bezog deftige Prügel. Williams Nachforschungen zufolge soll es schon lange, auch in den Folgejahren, viel dicke Luft an der Merseyside gegeben haben.

Dennoch darf man es schade finden, dass der spontane Abstecher zum Lokalrivalen ans andere Ende des Stanley Parks heute Fußballgeschichte ist. Doch längst ist nicht alles so finster, wie die Nostalgiker gern glauben möchten. Schließlich gibt es andere gemeinsame Nenner, den Marine AFC zum Beispiel. Die Mariners blicken zwar auch auf eine lange Geschichte zurück, kicken aber weit entfernt von den beiden großen Nachbarn tapfer in Liga Sieben. Auf den Rängen stehen bestenfalls ein paar hundert Fans, von denen so mancher auch eine Dauerkarte für Everton oder Liverpool besitzt. Hier in Crosby suchen sie gemeinsam die unverfälschte Fußballerfahrung. Selbst spielfreie Tranmere-Fans verirren sich hin und wieder ins Arriva Stadion. Hier ist es eher Regel als Ausnahme, in neunzig Minuten zwei Elfmeter, einen Platzverweis und mehrere handfeste Fachgespräche auf dem Platz geboten zu bekommen. Wo sonst bittet der Torwart nach einem Patzer noch direkt um die Nachsicht seines Fanblocks: »Tut mir leid, ich gebe hier mein Bestes.«

Entwaffnend. Aber auch für die Freunde der verklärten Erinnerung ist im Stadion der Mariners gesorgt. Der legendäre Cheftrainer Roly Howard ging 2005 in Rente. Davor hatte er die Mariners 33 lange Jahre geführt und es mit diesem Marathon auf dem Trainerstuhl sogar ins Guinness-Buch geschafft. Mehr als drei Jahrzehnte Kontinuität brachten dem Klub manche Trophäe. Herrliche Zeiten waren das.

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