WM-Viertelfinale 1986

Tod einer Mannschaft

»Da war alles drin«, befand Luis Fernandez nach dem Spiel, »Glück, Unglück, vergebene Gelegenheiten.« Tatsächlich: Das Viertelfinale der WM 86 war nicht nur eines der temporeichsten Spiele aller Zeiten – es war eine Tragödie. WM-Viertelfinale 1986 Ununterbrochen hatten sie seinen Namen gerufen, und nun endlich, in der 72. Minute, scheint Tele Santana sie zu erhören. Zico, der »weiße Pelé«, der verletzungsbedingt nicht von Beginn an spielte, steht an der Außenlinie. Bangen, dann Hoffen. Zico klatscht Müller ab, der für ihn das Feld verlässt und die 50.000 Mexikaner und 10.000 Brasilianer im ausverkauften Estadio Jalisco de Guadalajara brechen in frenetischen Jubel aus, sie sind im festen Glauben, dass Zico ihnen den Sieg gegen Frankreich, das Halbfinale und später den Titel schenken wird.  

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Eine Minute später treibt Branco den Ball durchs Mittelfeld, ein Pass auf Zico, eine kurze Drehung, aus dem Augenwinkel sieht er, wie Branco durchstartet und die vierzig Meter von der Mittellinie in den Strafraum in Riesenschritten überbrückt, noch mal ein kurzer Blick, dann dieser Steilpass, der die gesamte Defensive Frankreichs wie Pappfiguren aussehen lässt. Joel Bats sieht das Entsetzen in den Augen seiner Vorderleute, eilt aus seinem Kasten, aber Branco ist schneller, spitzelt den Ball am französischen Torwart vorbei – und fällt. Bats hat ihn von den Beinen geholt und Schiedsrichter Ioan Igna zeigt sofort auf den Punkt.

Schweißtropfen an Rauschebärten

»Hitze und Höhe sind für uns Gold wert«, hatte Socrates noch vor dem Spiel gesagt, »für die Europäer sind sie der Ruin.« Und bisweilen sah es in der ersten Halbzeit so aus, als behalte der weise Mann der Seleção recht. Michel Platini schleppte sich über den Rasen wie ein alter Mann, während die 1000 Angriffe auf das Tor von Joel Bats rollten. Sie hatten nach einer mäßigen Vorrunde endlich ihre Form gefunden und kombinierten nun, wie man es von ihnen erwartet hatte: brasilianisch. Branco, Alemao, Elzo, der schnelle Müller und dann Careca, der in der 17. Minute das verdiente 1:0 erzielte. Doch auch wenn die Hitze flirrender wurde, die Luft immer dünner, die Franzosen kamen zurück, mit einem mal waren sie hellwach, denn Henri Michel versuchte das Spiel nach dem Rückstand wie eine Schachpartie zu durchdenken. Frankreichs Trainer stellte das Spielsystem um, schickte Thierry Tusseau auf die linke Seite, um den agilen Müller abzublocken, Amoros hingegen auf rechts, um mehr Druck zu entfachen. Die Equipe stemmte sich mit aller Kraft gegen die drohende Niederlage, und vier Minuten vor der Halbzeit fiel tatsächlich das 1:1 – durch Michel Platini. Henri Michel sagte später: »Dass Platini wenig gelaufen ist, war mir vollkommen egal. Denn auch ein müder Platini ist immer noch wichtig für die Mannschaft.«  

Danach schien die Hitze vergessen, die Spieler schoben ihre Stutzen nach unten, zogen ihre Hemden aus der Hose, die Haare wehten im Lauf, und von den Vollbärten tropfte der Schweiß kaskadenartig auf den Rasen. Es ging auf und ab, Müller setzte ein Ball an den Pfosten, Careca traf beim Kopfball nur die Latte, Tigana scheiterte freistehend vor Carlos. Im direkten Gegenzug vereitelte Bats einen Fernschuss von Junior. Mit dem nächsten Tor wäre der Widerstand des Gegners gebrochen, da waren sich alle 22 Spieler sicher.  

Zico: »Ich wollte nicht schießen«

Und so beten sie nun, in dieser 73. Minute, auf den Tribünen und sie schreien wieder seinen Namen. Von der Seite kommt Socrates, der Kinderarzt aus Belém, und flüstert Zico etwas ins Ohr. »Ich wollte nicht«, wird Zico später sagen, »aber Socrates hat mich geschickt und mir die Ecke gesagt, in die ich schießen sollte.« Es ist die falsche. Joel Bats taucht ab, in die rechte Ecke vom Schützen, und faustet den Ball zur Seite.  

Trost bekommt der, für den sie auf den Rängen schon ein Heldenpodest dekoriert hatten, von Michel Platini. Er klopft Zico auf die Schulter. Doch es bleibt keine Zeit zum Nachdenken, noch weniger zum Verschnaufen, denn das Spiel rennt, rennt, rennt. Es geht immer weiter. Bis in die Verlängerung. Da dribbelt sich auf der einen Seite Rocheteau durch die halbe brasilianische Abwehr und steht frei vor Carlos. Doch sein Schuss wird im letzten Moment geblockt, der Ball fällt Stopyra vor die Füße, und auch Schuss findet nur das Bein eines Brasilianers. Im Gegenzug hat Zico die Führung auf dem Kopf, die Chance, seinen vergebenen Elfmeter wiedergutzumachen. Doch er vergibt erneut.  

Michel Platini steht derweil nur noch im Mittelkreis und wartet darauf, dass ihm jemand den Ball zuspielt. Kurz vor Ende der Partie ist es dann soweit. Mit letzter Kraft, kurz vor der Erschöpfung, schiebt Platini einen Steilpass auf Bruno Bellone, der alleine auf Carlos zuläuft. Bellone ist noch frisch, er ist erst seit wenigen Minuten im Spiel und kommt nun in einem Tempo auf Carlos zugerannt, dass diesem nichts übrig bleibt, als seinen Oberkörper vor Bellone zu stellen. Der Franzose gerät ins Straucheln und stolpert dem Ball hinterher. Aber: Er lässt sich nicht fallen. Und so bleibt die Pfeife von Igna stumm. Die französischen Fernsehkommentatoren sind außer sich. »Skandal! Skandal!« rufen sie.  

Glück, Unglück, vergebene Gelegenheiten

So geht es ins Elfmeterschießen. Socrates ist Brasiliens erster Schütze, dieses Mal wählt er die linke Ecke, aus dem Stand. Bats hält. Dafür trifft Zico, doch auch Bellone, dessen Elfmeter vom Pfosten an den Kopf von Carlos ins Tor prallt. Beim Stand von 3:3 ist Platini an der Reihe. Trifft er, ist Frankreich mit einem Bein im Halbfinale. Der Mann müht sich zum Punkt – und zimmert den Ball über das Tor. Eine Gefühlsachterbahn sondergleichen. Denn auch der nächste Schütze, Julio Cesar, scheitert. Und so schießt Luis Fernandez Frankreich mit dem letzten Elfmeter ins Halbfinale. In Brasilien erleiden in jenen Sekunden sechs Leute einen Herzinfarkt, ein Anhänger wird nach einer abfälligen Bemerkung über die Seleção erschossen und ein anderer Fan versucht sich mit einem Bauchschuss das Leben zu nehmen – er wird später durch eine Operation gerettet. Fernandez sagt in diesen Sekunden nach dem Spiel: »Es war ein großer Augenblick für den Fußball, ein Fußballspiel, nein ein Fest, wie ich es noch nie erlebt habe, da war alles drin: Glück, Unglück, vergebene Gelegenheiten.«  

Es war eines jener Spiele, das nicht durch die Stars entschieden wurden, sondern durch Typen wie Joel Bats, den Torhüter, eben jenen Luis Fernandez, sonst eher Mitläufer im Mittelfeld, oder Manuel Amoros mit seinen schnellen Vorstößen. Für Brasilien bedeutete die Niederlage ein noch größeres Trauma als das vorzeitige Aus 1982. Die Mannschaft schied nicht nur aus, ohne verloren zu haben, sie wusste auch, dass sie so nie wieder zusammenspielen würde. Sie würde auseinander fallen, ohne einen Titel errungen zu haben. Dabei galt das Team um Zico und Socrates als ebenso gut wie die Weltmeistermannschaft von 1970. »Das ist das Ende einer ganzen Spielergeneration«, wusste daher der weinende Zico nach dem Spiel.

Und Socrates, dessen apathische Blicke sich im Nichts verirrten, fügte hinzu: »Diese Mannschaft ist tot. Es gibt sie nicht mehr.«    


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