WM-Teilnehmer Honduras

Tortilla mit Salz

WM-Teilnehmer Honduras
Heft#103 06/2010
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Glaubt man der Überlieferung, ist der Name Honduras einem Ausspruch von Christoph Kolumbus geschuldet, als er 1504 dort erstmals amerikanisches Festland betrat: »Gracias a dios hemos podido salir de estas honduras« – »Gott sei Dank sind wir diesen Tiefen des Meeres entkommen«. Mehr als 500 Jahre später wird der Ausspruch in Honduras wieder häufiger zitiert, von Menschen, die hoffen, dass das Land seinem politischen Desaster entkommt und das rettende Ufer der Demokratie ansteuert.

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»Wir haben 2009 einen mehrfachen Salto rückwärts erlebt«, sagt Jesus Garza, ein engagierter Aktivist für gerechtere wirtschaftliche Strukturen im Land. Damit meint er den Putsch vom vergangenen Juni, als Militärs den rechtmäßig gewählten Präsidenten José Manuel Zelaya gegen dessen Willen außer Landes brachten. Fortan beanspruchte eine Defacto-Regierung unter Roberto Micheletti – international geächtet – die Macht. »Es war der Putsch einer Handvoll Unternehmerfamilien, der Militärs und einiger konservativer Politiker«, meint Garza. »Präsident Zelaya hatte versucht, die bisherigen Machtstrukturen minimal zu verändern und die Segnungen des Kapitalismus breiteren Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen.« Von den 7,5 Millionen Einwohnern des kleinen mittelamerikanischen Landes sind zwei Drittel arm, davon wiederum lebt gut die Hälfte von »Tortilla mit Salz«, sprich: in extremer Armut.

Drogenclans streiten gnadenlos ums Terrain

Tegucigalpa, die Hauptstadt mitten im Landesinneren, wirkt in den letzten Tagen vor dem ersehnten Regen wie ein Gemeinwesen am Rande des Kollaps. Die Luft ist dick und schweißtreibend, an den einst bewaldeten Hügeln, in deren Kessel die Stadt eingebettet liegt, sind die schwarzen Brandmarkungen der illegalen Rodungsfeuer zu sehen. Unten sieht es nicht besser aus: Drogenclans streiten gnadenlos ums Terrain, Jugendbanden meucheln sich gegenseitig. Seit dem Putsch sind Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung, auch nach der Regierungsübernahme durch den konservativen Politiker Porfirio Lobo. Bei seinem Amtsantritt im Januar hatte er von nationaler Versöhnung gesprochen und damit internationale Anerkennung zu erheischen versucht.

Doch die Gesellschaft ist weiter polarisiert, die Risse sind allgegenwärtig.
»Geschwister stehen auf unterschiedlichen Seiten, Ehepartner trennen sich, der Putsch wirkt in alle Bereiche«, sagt Reinaldo Rueda. Dabei würde er sich gerne ausschließlich um sein Kerngeschäft kümmern: Der Kolumbianer ist seit Anfang 2007 Trainer der honduranischen Nationalelf, und das sehr erfolgreich. Mitten in der tiefsten politischen Krise gelang es Honduras, sich nach 28 Jahren Abstinenz wieder für eine WM zu qualifizieren, was am Abend des 14. Oktober 2009 für eine mittlere Explosion im Lande sorgte. Menschen fielen sich um den Hals, lachten, heulten, schrien ihre Freude heraus. Auch die Politik war aus dem Häuschen. Defacto-Präsident Micheletti bedankte sich sogar bei den USA, weil deren Remis gegen Costa Rica die Reise nach Südafrika erst möglich gemacht hätte, was viel bedeutungsvoller sei als die den Putschpolitikern aberkannten US-Visa.

Vom Flughafen direkt zur Schutzpatronin

Micheletti pries Gott, rühmte die selección für den grandiosen Triumph und lud zu einem kurzfristig anberaumten Empfang im Präsidentenpalast – dem allerdings mehrere Spieler fern blieben. Die fuhren stattdessen direkt vom Flughafen zur Statue der Schutzpatronin, was Gegner der Putschisten als ablehnende Haltung zur herrschenden politischen Linie interpretierten. Sich als Spieler offen gegen die Machthaber zu stellen, wäre freilich riskant gewesen. Zu eng gesponnen sind die Fäden zwischen Sport und Politik in diesem Land, und wer will schon bei der ersten WM nach fast drei Jahrzehnten sein wohlverdientes Ticket riskieren?

»Angesichts der Ereignisse des letzten Jahres ist die Nationalelf zu einem wichtigen Faktor für Respekt, Glaubwürdigkeit und den Zusammenhalt im Lande geworden«, sagt Nationalcoach Rueda. »Sie hat geholfen, ein Nationalgefühl zurückzugewinnen, und sie hat einem Land mit so vielen sozialen Problemen und Spannungen etwas Hoffnung gegeben.«

Mittlerweile hat der politische Alltag die Menschen in Honduras allerdings wieder eingeholt. Allein im März wurden fünf Journalisten ermordet, ein im Widerstand organisierter Lehrer wurde in seiner Schule exekutiert, eine junge Gewerkschafterin vor ihren Kindern. Das Widerstandsbündnis gegen die Putschisten strebt eine Verfassungsänderung an, es sieht darin die einzige Chance, der vorherrschenden Korruption, Kriminalität und unsäglichen Armut im Lande beizukommen. Derweil laden überall in Honduras Werbeplakate zu Glücksspielen ein. »Gewinne dein Paket für Südafrika!«, heißt es darauf. Ein kurzfristiger Traum steht dem langfristigen von einem besseren Leben gegenüber.

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