20.06.2013

WM-Proteste in Brasilien

»Fifa go home!«

Heftige Proteste begleiten den Confed Cup in Brasilien. Milliardeninvestitionen für sportliche Großereignisse stoßen auf zunehmendes Unverständnis in der Bevölkerung. Auch bei der Selecao, die sich löblich meinungsstark zeigt. Ein Lagebericht aus Fortaleza.

Text:
John Hennig
Bild:
Imago

Sollte Sepp Blatter zurzeit mal eine freie Minute haben, wird er sich sicher dabei erwischen zu schmunzeln, vielleicht auch zu lachen - oder hemmungslos zu weinen. Es ist absurd. Da übersteht der Fifa-Präsident eigene Korruptionsvorwürfe genauso unbeschadet wie dubiose WM-Vergaben nach Russland oder Katar und schwingt sich auf zum Weltmachtführer – und dann wird ein vergleichsweise bedeutungsloses Turnier in Brasilien zur Bewährungsprobe seiner Unantastbarkeit.
 
Und das alles wegen nicht mal zehn Cent, mag man meinen. Das ist umgerechnet die Summe, die das Bus- und Bahnfahren in Sao Paulo teurer werden sollte – und nun als Reaktion auf die Proteste nicht einmal wird. Doch als die Brasilianer einmal angefangen hatten zu protestieren, stellten sie fest, dass es da noch andere fragwürdige Preise gab. Zum Beispiel den für eine Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land.

Brennende Autos vor dem Estadio Castelao
 
Seitdem ist der Confed Cup ein schönes, weil zufällig gerade stattfindendes Ziel für Protestaktionen. Aus brennenden Autoreifen auf der sechsspurigen Zufahrtsstraße zum Estadio Nacional in Brasilia wurden brennende Autos vor den mittlerweile weiträumig abgesperrten Zufahrtsstraßen zum Estadio Castelao in Fortaleza. In einer Woche wurden nahezu sämtliche Eskalationsstufen erklommen. Die Nationalgarde unterstützt die nicht überall zimperliche Polizei.
 
Die Parallelen zum arabischen Frühling vor zwei Jahren und besonders zu den parallel stattfindenden Massenunruhen in der Türkei sind nicht zufällig, nur ist Demokratie nicht das Ziel, sondern der Grund. Die Jugendlichen – die meisten von ihnen sind Studenten, also nicht gerade die bildungsferne Unterschicht Brasiliens – sind nur mit selbst gebastelten und bemalten Plakaten und Schildern bewaffnet, wenige sind vermummt. Sie tragen Clown-Schminke oder Anonymous-Masken.

Falsche Investitionen und Korruption
 
Sie wollen gesehen werden. Sie wollen ihren Ärger über die immensen Kosten, die Brasilien in die Ausrichtung des Confed Cups und der Weltmeisterschaft gesteckt hat, öffentlich machen. Sie wollen sich den in den Stadtzentren der brasilianischen Millionen-Metropolen protestierenden Menschen anschließen.
 
Es ist in diesen Tagen nahezu unmöglich nicht in einen Protest in Brasiliens Großstädten zu geraten, insbesondere, wenn man die Spiele des Confed Cups besucht. Dann gilt es, auf Schleichwegen zum Stadion zu kommen, die aktuelle Lage stets im Radio verfolgend und den blockierenden Protesten zu entfliehen. Pünktlich vor den ersten Spielen in jedem Spielort beginnen die öffentlichkeitswirksamen Proteste vor den Stadien, die so symbolisch für die Kritik der vor allem jungen Bürger stehen: Investitionen für die falschen Dinge, Korruption der falschen Volksvertreter, Ende der falschen Hoffnungen. Den Brasilianern, eigentlich kein protestfreudiges Volk, ist aufgefallen, was ihnen alles nicht passt.
 
Die Gesellschaft in Brasilien driftet weit auseinander, auch wenn Ex-Präsident Luiz Inacio Lula das Land sozial und wirtschaftlich immens vorangetrieben hat. Sollte es in Europa eine zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich geben, reißen in Brasilien bereits existierende riesige Schluchten immer weiter auf.
 
Die Fifa hat den Zündstoff in Brasilien komplett unterschätzt, äußerte sich im Vorfeld unbesorgt, Sepp Blatter merkte anfangs kritisch an, dass sein Turnier doch nur als Plattform missbraucht werde. Dabei war bereits beim Eröffnungsspiel in Brasilia der Tenor der zunächst friedlichen Protestanten: »Wir brauchen keine Weltmeisterschaft – schon gar nicht unter den strengen Auflagen der Fifa. Wir brauchen Bildung und Gesundheit.« Die elf Milliarden Euro Gesamtinvestitionen in den Spielorten hätten wohl für eine schicke Sozialreform gereicht. Mittlerweile heißt es verkürzt: »Fifa go home!«

 
 
 
 
 
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