Willkommen in Buenos Aires!

Welthauptstadt des Fußballs

Nirgendwo auf der Welt drängen sich so viele Profiklubs wie in Buenos Aires – heute Abend spielen die besten im Superclásico gegeneinander. Peter Burghardt hat sich auf den Weg durch die Metropole der Fußballleidenschaft begeben. Willkommen in Buenos Aires!Reinaldo Coddou H.
Heft#108 11/2010
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So viele Legenden, so viele Tragödien. Wo fängt man an in der Welthauptstadt des Fußballs? Bei den Boca Juniors, dem berühmtesten Verein Amerikas, dem erfolgreichsten Klub jenseits von Mailand? Wer Buenos Aires besucht und halbwegs Sinn für Mythen hat, der pilgert ja außer ins Teatro Colón auf jeden Fall zur Kultstätte namens Bonbonera, der Pralinenschachtel, und ihrem in Bronze gegossenen und manchmal auch echten Diego Maradona. Oder beginnt man besser bei den Argentinos Juniors, wo das Wunderkind Maradona mit den Füßen selbst Orangen in der Luft hielt und erwachsen wurde, weshalb das Stadion nach ihm benannt ist? Bei Bocas Erzfeind River Plate, der Alfredo di Stefano hervorbrachte und sein monumentales Oval später von einer Militärdiktatur missbrauchen lassen musste? Oder beim Racing Club, den der ehemalige Staatspräsident Juan Domingo Perón, Gatte von Evita, liebte – und der Lothar Matthäus verschmähte? Bei 249 Toten unter den Hinchas, den Fans? Vielleicht am besten an einem Wochenende 2010.

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Während in Europa langsam der Winter naht, liegt über dem Rio de la Plate sanfter Frühling. Der Himmel ist hellblau und weiß wie die Flagge Argentiniens und das Trikot ihrer Auswahl, der Albiceleste. Wie die Fahne von Racing, einem alten Granden in dieser Geschichte, aber der hat an diesem Samstag ein Auswärtsspiel. Wobei ein Auswärtsspiel hier meistens bedeutet, dass die Adresse nur ein paar Kilometer oder Straßen entfernt liegt, in diesem Fall im Vorort Tigre am Delta des großen, braunen Flusses. Zuvor empfangen bereits die Argentinos Juniors in ihrer Arena »Diego Armando Maradona« den Besuch aus Banfield, der es ebenfalls nicht weit hatte. Argentinos war wenige Wochen zuvor Meister geworden, Banfield im Halbjahr davor, nach sieben Spieltagen allerdings belegt Argentinos den zwanzigsten und letzten Tabellenplatz.

Eine lauwarme Brise streicht durch die zugigen und oft baufälligen Tribünen aus blankem Beton. Es ist ein gewöhnlicher Spieltag. Das heißt, dass acht der zehn wichtigsten Partien im Dunstkreis von 13 Millionen Einwohnern stattfinden. 14 von 20 Klubs der Primera A stammen aus diesem Großraum. Dahinter beginnt die Pampa. Jenseits der Kapitale sind in der zentralisierten Republik bloß die Städte La Plata, Rosario, Mendoza, Santa Fé und Bahia Blanca erstklassig in Sachen Fußball, zumindest bis Dezember. Die erweiterten offenen Stadtmeisterschaften dauern nur vier bis fünf Monate und heißen wie die gerade laufende Hinrunde Apertura, Eröffnung, die Rückrunde heißt Clausura, Schließung. Alle Teilnehmer begegnen sich pro Turnier nur einmal. Die zweitklassige Primera B zählt fünf Vertreter aus dem erweiterten Buenos Aires, in der drittklassigen Primera C sind es 13. Nirgendwo sonst treten auf solchem Niveau in kurzer Zeit dermaßen viele Nachbarn gegeneinander an, zwischen Freitag und Sonntag die lokalen Erstligisten Argentinos, Quilmes, Banfield, Lanús, Tigre, All Boys, Arsenal, Huracán, Boca, Racing, River, Vélez, Independiente. Die letzten fünf davon waren Weltpokalsieger, bei den meisten ist das allerdings schon geraume Zeit her.

Es riecht nach Schweiß und Mate – manchmal auch nach Blut

Selbst Gelegenheitsgäste mit Geschmack erliegen diesem Zauber. Franz Beckenbauer gab nach der WM 1966 sein Debüt in Argentinien, es war seine erste Fernreise mit dem FC Bayern. Die Münchner, seinerzeit noch international ohne bedeutende Trophäe, traten an zum Freundschaftsspiel bei Racing, das 1967 gegen Celtic Glasgow in zwei wilden Endspielen den Interkontinentalcup erbeutete. »Die Menschen auf den Straßen in Buenos Aires haben Tango getanzt, das war unfassbar«, erinnerte sich Vielflieger Beckenbauer kürzlich in einem Interview, wobei Tangotänzer jenseits von Tangolokalen eher die Ausnahme sind. Was stimmt: »Argentinien riecht anders als Deutschland«, erzählte der Kaiser zu Recht, »würziger, schärfer, sinnlicher. Ich habe den Geruch noch heute in der Nase.« Ein Spieltag riecht nach Gras, nach Staub, nach Schweiß, nach herbem Mate-Tee, getrunken mit Strohalm aus Metall. Nach Bier, das so heißt wie Inka-Ruinen und ein Aufsteiger: Quilmes. Nach gegrilltem Fleisch und gegrillten Würsten im Brot, dem Choripan. Bei Härtefällen außerdem nach Blei und Blut und Tränengas. Und immer nach Fußball.

Die gruselige WM 1978 ließ Argentinien-Fan Beckenbauer trotzdem aus, auch da hatte er den richtigen Instinkt. Es gewann ein anderer Kaiser, Daniel Passarella mit einem anderen Feinschmecker als Trainer, César Luis Menotti. Der zottelhaarige Kettenraucher, Branchenname El Flaco, der Schmale, führte die heimische Auswahl während des Regimes der Junta zum Titel. Damals erfanden die Zuschauer trotz der sonst so strengen Regeln der Generäle eine argentinische Spezialität, die nachher weltweit in Mode kam, das Werfen mit Klorollen und Papierschnipseln, bis der grüne Rasen weiß ist. Wenige Kilometer entfernt wurden derweil in der Marineschule ESMA Regimegegner gefoltert. Überlebende erzählten, wie sie die Torschreie hörten und mit ihren Folterknechten den Finalsieg über Holland feiern mussten.

32 Jahre später stehen die Mörder vor Gericht, und River Plate spielt an dem Ort des grausigen WM-Triumphs. Stratege Menotti begegnete der Tyrannei der Generäle mit pragmatischer Distanz, er gilt als ewiger Philosoph. Kürzlich hat er den Managerposten bei Independiente hingeschmissen. Lieber pflegt Menotti sein Image als Schöngeist und entdeckt im Fußballuniversum von Buenos Aires »ein rätselhaftes Etwas, das den Fußball Argentiniens einzigartig macht«.



Das rätselhafte Etwas ist überall, es begleitet die Porteños, die Bewohner dieses Mikrokosmos, bis in die letzten Ritzen, durch alle Krisen, Höhenflüge und Frustrationen. Fußball gespielt, geschaut, gehört oder gelesen wird an jeder Ecke, in jedem Café, jedem Park, an der Autobahn, in Hinterhöfen, neben Kuhweiden, zwischen Hochhäusern und Slums. Sieben Mitglieder der Eliteklasse drängen sich im Stadtgebiet von Capital Federal, wie die Hauptstadt heißt, und weitere sieben in der Provinz Buenos Aires jenseits der Stadtautobahn General Paz. Jeder hat in diesem Häusermeer sein eigenes Stadion, sein Revier, seine Gemeinde, seine Historie. Und die Bolzplätze von Buenos Aires sind die bedeutendste Talentschmiede des Globus, die Wiege von di Stefano, Maradona, von Tevez, Agüero und so weiter. Nur wenige Porteños wenden sich befremdet ab wie einst der Dichter Jorge Luis Borges, der fand: »Fußball ist populär, weil die Dummheit populär ist.« Er veranstaltete während der WM-Eröffnung 1978 eine literarische Pressekonferenz im Teatro San Martín. Und er starb, als Maradona die WM 1986 in Mexiko eroberte und zur Gottheit aufstieg.

»Der Fußball ist eines der größten Verbrechen von England«


Ansonsten ist kein Entkommen. Der Klang nach Fußball dringt von den Rängen und aus Bussen, aus Radios und Fernsehern, an Spieltagen 900 Minuten hintereinander. Kaum ein Match in Klasse eins findet zeitgleich mit einem anderen statt, seit die argentinische Regierung die Fernsehrechte hat kaufen lassen und sämtliche Spiele auf öffentlichen Kanälen übertragen lässt. Motto: »Fußball für alle.« Vorher zeigten manche Sender mangels Lizenzen bloß das Publikum, was auch ganz lustig war, dazu ließen sie Radiostimmen laufen. Die berühmteste ist die von Victor Hugo Morales, Politmoderator, Sportreporter und Opernexperte von Radio Continental, geboren in Uruguay. Seine Urschreie begleiteten schon 1986 Maradonas Alleingang gegen die Engländer.

Das grandiose Solo und das vorhergehende Tor mit seiner Hand Gottes war damals die Rache für den 1982 verlorenen Krieg um die Inseln namens Malvinas alias Falklands, das große nationale Trauma. Zumindest diese Revanche müsste im Sinne des wortgewaltigen Ballhassers Borges gewesen sein, denn er klagte: »Der Fußball ist eines der größten Verbrechen von England.« Die Briten waren es, die Fußball einst nach Argentinien gebracht hatten, als das ferne Land mit seinen vielen Rindern für die Krone interessant geworden war. Die Chronisten berichten, der Schotte Alexander Watson habe 1886 in der Buenos Aires High School den Buenos Aires Football Club eröffnet.

1904 gründeten vornehmlich britische Eisenbahner im Stadtteil Caballito die Vereinigung Ferro Carril Oeste, die es in den Achtzigern bis zum Südamerikameister brachte und sich heute mit Mühe in der zweiten Liga hält. Bereits 1928 erkannte jedoch das noch immer einflussreiche Fachblatt Gráfico, Argentiniens Spielweise sei anders als die englische »weniger eintönig, weniger diszipliniert und opfert den Individualismus nicht der Summe kollektiver Kräfte«. Acht Jahrzehnte danach kann man das nur bestätigen. Ihren englischen Wurzeln bleiben viele Vereine dennoch treu, vorneweg River Plate, Racing oder All Boys, das sein Stadion gleichwohl zur Strafe Islas Malvinas nennt. Die hiesige Version von Arsenal dagegen kam nur zu ihrem Namen, weil der Präsident des argentinischen Fußballverbandes, Julio Grondona, ein eigenes Arsenal wollte. Also gründete er 1957 mit seinem Bruder Hèctor einen Klub dieses Namens, dessen Stadion inzwischen selbstverständlich den Namen des Patrons und heutigen FIFA-Vizes Grondona trägt.

Der unermüdliche Martin Palermo – reif für die Couch?

River Plate wurde wie sein Gegenentwurf Boca Juniors am italienischen Immigrantenhafen La Boca gegründet, ehe sich die beiden himmelweit voneinander entfernten und den Fußball von Buenos Aires zu zwei gegensätzlichen Weltanschauungen machten. River zog 1938 in den wohlhabenden Norden um und ist seitdem im Monumental mit seinen 65 000 Plätzen zu Hause. Der Klub in den weißen Hemden mit dem roten Querstreifen über der Brust beschäftigte vorübergehend die teuerste Belegschaft des Planeten, entlohnte seine Stars mit Gold, daher der Beiname Millionarios. River bezahlte Idole wie di Stefano, Mario Kempes, genannt: El Matador, der Töter, und den uruguayischen Künstler Enzo Francescoli, El Principe, der Prinz, wegen dem Zinedine Zidane seinen Sohn Enzo nannte.

Legionen von Spitzenkräften machten bei River Station. Heutzutage steht noch der suchtkranke Ariel Ortega in den ehrwürdigen Reihen, genannt: El Burrito, das traurige Eselchen. Oder der talentierte Diego Buonanotte, der Ende 2009 im katastrophalen Straßenverkehr der Peripherie bei einem Unfall drei Freunde verlor und als Einziger überlebte. Nach einer deprimierenden Serie kann der argentinische Rekordmeister inzwischen froh sein, wenn der kluge Trainer Ángel Cappa den Abstieg verhindert. Die Rettung ist dann möglicherweise aber nur dem Umstand geschuldet, dass Verbandsfürst Grondona für solche Fälle eine Prozentregelung eingeführt hat. Es wird der Durchschnitt der Punktzahlen aus drei Halbjahren gerechnet, was Neulinge benachteiligt.

Einziger Trost ist, dass es den Boca Juniors derzeit nur unwesentlich besser geht, obwohl dort wieder der oft verletzte und noch öfter beleidigte Regisseur Juan Roman Riquelme angestellt ist und der unverwüstliche Torjäger Martin Palermo. »Reif für den Diwan«, riet die Zeitung »La Nación« kürzlich nach einer erneuten Niederlage. Reif für die Couch, schließlich ist Buenos Aires auch die Welthauptstadt der Psychologie. Nirgendwo sonst ist die Dichte an Psychotherapeuten so hoch.

Bloß der AC Mailand hat mehr internationale Titel gesammelt als Boca, das mehr noch als River Heiligtum ist und Religion. »Ich folge dir überall hin, ich liebe dich jeden Tag mehr«, singen die hüpfenden Liebhaber auf den Rängen. »Es ist ein Gefühl, ich kann nicht aufhören.« Bis zum Tod und der Beisetzung auf dem vereinseigenen Friedhof? Eingeweiht wurde der Totenacker bei Kilometer 33 der Autobahn Buenos Aires - La Plata im Jahr 2006 vom Boca-Getreuen José Luis Monzón. »Jetzt habt auch ihr einen Platz hier und im Himmel«, verkündete der Geistliche. »Es ist eine Ehre, im Namen von Boca eine Parzelle für Spieler, Fans und Funktionäre zu haben, auf der wir eines Tages ruhen werden.«

Die Lebenden bleiben in ihrem teils touristisch-pittoresken, teils heruntergekommenen Sprengel am verdreckten Kanal Riachuelo und den bunten Wellblechhäusern, in denen einst die Einwanderer aus Genua abstiegen. Los Xeneizes, die Genueser, verpassten ihrer Schöpfung die Farben Gelb und Blau, nach dem ersten Schiff, das in jenem Moment anlegte. Es war ein schwedisches.



Jeder weiß, dass das Boca-Refugium La Bonbonera zum Zentrum eines Naturereignisses werden kann. Das Viereck zittert nicht, wenn der glatzköpfige Zeugwart, Einpeitscher und frühere Preisboxer Oscar Laudonio die Spieler auf dem Gras begrüßt. Es bebt. Über den Boca-Block legt sich eine riesige, gelbblaue Fahne, darauf steht: »Nos pueden imitar, pero igualarnos jamás« – »Ihr könnt uns nachmachen, aber ihr werdet uns nie erreichen.« Dann wackelt auch das Museum in den Katakomben mit seinem Maradona in Bronze, die Hand auf dem Herzen. »Mein Herz, oder was davon übrig ist, gehört Boca«, verkündete der herzkranke Genius einmal. Er wurde bei Boca berühmt, bevor ihn Barcelona kaufte, und zog bei Boca 1997 das Trikot schließlich aus. Seit der frühere Präsident und heutige Bürgermeister Mauricio Macri Vip-Boxen einbauen ließ und ihm die erste davon verkaufte, feiert er dort zwischen seinen periodischen Abstürzen die wundersamen Wiedergeburten. Nur der Job als Nationaltrainer hielt Maradona eine Zeitlang vom Dasein als Schlachtenbummler fern.

Am stärksten werden die Erdstöße in La Bonbonera, wenn echte Gefahr droht: River! Der Superclásico ist die Mutter aller Klassiker. Drei von vier Argentiniern verehren Boca oder River, niemals beide. Boca gegen River in der Bonbonera steht für die englische Zeitung »The Observer« an der Spitze jener 50 Sportereignisse, die ein vernünftiger Mensch gesehen haben muss. Schalke gegen Dortmund, Inter gegen Milan, Rangers gegen Celtic? Kinderkram. »River zu besiegen ist wie mit Julia Roberts ins Bett zu gehen«, erläuterte Maradona. Für andere ist es Krieg. Es begegnen sich dabei La Doce, die Zwölf, und Los Borrachos del Tablón, die Besoffenen von der Theke, die Hooligans beider Fronten. Solange es harmlos bleibt, beschimpfen die von Boca die von River als »Gallinas«, feige Hühner, und die von River die von Boca als »Bosteros«, das waren die Sammler von Pferdekot. Wird es ungemütlicher, dann kann es Tote geben, und das nicht nur dort.

Der Clásico: Independiente gegen Racing

Boca und River sind bloß die inneren Gegenpole eines Magnetfelds, das die wahnwitzigsten Spannungen erzeugt. Äußere Antipoden liegen zum Beispiel in der grauen Industriesiedlung Avellaneda auf der anderen Seite der Pueyrredón-Brücke hinter der Kloake Riachuelo, wo Independiente und Racing nur 300 Meter voneinander entfernt zu Hause sind. Ihr Duell ist ein Clásico. Independiente spielt in seiner neuen, rotweiß angemalten Heimat Libertadores de América. Sieben Mal hat die einstmals weltbeste Vereinself die Copa Libertadores abgeräumt, die südamerikanische Version der Champions League, so oft wie kein anderer, und zweimal auch den Weltpokal. Allerdings war das letztmals 1984 der Fall, als noch Jorge Burruchaga stürmte und mit der Nummer 10 auf dem Rücken Ricardo Bochini trickste, Maradonas Vorbild und den Banausen jenseits des Atlantiks so gut wie unbekannt. »Vamos, Maestro«, sagte Maradona, als Bochini im WM-Halbfinale 1986 gegen Belgien für ihn eingewechselt wurde und trotz seiner sagenhaften Technik nur eine einzige WM-Minute absolvierte.

Racings Kultstätte nennt sich El Cilindro, der Zylinder, eröffnet wurde das Rund aus Beton 1950 im Namen des Generals Perón. Zu den aktuellen Gesinnungsgenossen gehören der vormalige Staatschef Néstor Kirchner, aber der letzte Titel stammt von 2001, denn Racing teilt mit Schalke 04 und 1860 München außer den Farben und dem treuen Anhang auch den Hang zu Ungemach und Scheitern. Vor einigen Monaten wäre beinahe Globetrotter Lothar Matthäus Trainer geworden, ehe er mit einer E-Mail absagte – schade um das Experiment. Auf dem Oberring hüpft dennoch der Fanklub La Guardia Imperial, die Kaiserliche Wache. Und auf ewig trägt Racing den Ehrennamen La Academia, weil der Klub so viele große Spieler hervorbrachte. Ende der glorreichen Sechziger verteidigte Alfio Basile, el Coco, und Anfang der Siebziger stand Ubaldo Fillol im Tor, el Pato, die Ente.

Das Viertel Parque Patricios wiederum wird regiert von Atlético Huracán, das sein Zauberjahr 1973 mit den Wirbelwinden Carlos Houseman und Carlos Babington hatte, der eine später wegen Alkoholproblemen abgestürzt, der andere heute Präsident. Huracáns Festung ist das Estadio Tomás Adolfo Ducó, El Palacio. Regisseur Juan José Campanella drehte in diesem Palast die Fußballszenen von »Das Geheimnis in ihren Augen«. Der Film gewann in diesem Jahr den Oscar für den besten ausländischen Film. Huracáns historischer Widerpart ist San Lorenzo, das mit seinem Bollwerk Nuevo Gasómetro, dem Neuen Gaswerk, 1993 in eine der gefährlichsten Ecken von Buenos Aires umzog, neben den Slum mit der Kennnummer 1.11.14. Das ist auch insofern bizarr, als zu seinen Edelfans und Mäzenen auch Marcelo Tinelli gehörte, Argentiniens bekanntester Showmaster. Die bestgeführten und deshalb dezentesten Klubs indes sind Vélez Sarsfield in Liniers und der Club Atlético Lanús, entsprechend gehören beide meistens zur Spitzengruppe, wo sonst nur Estudiantes de La Plata zuverlässig auftaucht. Boca und River sind wie gesagt daraus verschwunden, während man den Argentinos Juniors auf immer dankbar sein muss, dass sie seinerzeit den Wuschelkopf Maradona erst in der Pause Ball und Orangen hochhalten ließen und ihn 1976 im Spiel gegen Talleres Córdoba einwechselten, mit erst 15 Jahren.

Zwei Tote nach 0:2 – »Wir haben ausgeglichen«


Sie alle und viele andere beherrschen ihre Viertel. Ihre Basis ist noch immer die Unterschicht, nicht das Opernpublikum wie in den durchgestylten Tempeln von Real Madrid und Bayern München. Die Lieblingsfarben werden durch Generationen hindurch vererbt und notfalls mit Messern und Pistolen verteidigt. Spiele geraten mitunter zu Schlachten im rauchigen Nebel der Feuerwerksraketen, 249 Menschen fielen dem Irrsinn bislang zum Opfer. Erstochen, erschossen, erdrückt. Die ersten waren 1939 Oscar Munitoli, neun Jahre alt, und Luis López, 41, ermordet bei Lanús gegen Boca. Der bisher letzte war Roberto Camino, 38, niedergestreckt in diesem Jahr in Rosario. Es ist der Terror der Barras Bravas, jener Hardcore-Version der Hinchas. 1994 gewann River 2:0 gegen Boca, später brachten die Barras aus dem Boca-Dunstkreis zwei River-Getreue um und erklärten: »Wir haben ausgeglichen.«

Wegen Schrecken und Anarchie musste die Saison mehrfach unterbrochen werden. Inzwischen entstand sogar eine Vereinigung namens Salvemos al fútbol, Retten wir den Fußball. Der Fußballverband Afa hat Regeln eingeführt wie in einem Notstandsgebiet: Es wurden Zäune hochgezogen, und die Seitenwahl fällt aus, weil der Gästetorwart in der zweiten Halbzeit nie mit dem Rücken zum Pulk der Gastgeber stehen kann. Die Gästefans müssen erst in sicherem Abstand eskortiert worden sein, ehe die Hausherren ihre Plätze verlassen dürfen. Oft dürfen gar keine Besucher hinein oder es wird an neutralen Orten gespielt. Aber die Gewalt richtet sich nicht nur gegen fremde Fans, sondern auch gegen die eigene Umgebung. Es geht um Macht und um kriminelle Geschäfte, um den Verkauf von Tickets, Trikots, Drogen. Und um Politik.

Die Regierung Kirchner entsandte dieses Jahr einen Verbund mit Namen Vereinigte Fans Argentiniens zur WM ans Kap, darunter Vorbestrafte, die im Gegenzug dafür beim Wahlkampf helfen. Südafrikas Polizei schickte sie zurück. Als der Schwerkriminelle Rafael di Zeo, früherer Rädelsführer von Bocas La Doce, wegen Mordversuchs verurteilt worden war, besuchte ihn der populäre Angreifer Palermo im Gefängnis. Einmal sorgten Gimnasio-Fans dafür, dass ihr Team gegen Boca verlor, um dem Lokalrivalen Estudiantes zu schaden. Der heutige Banfield-Stürmer Santiago Silva gab zu: »Uns wurde eine Kugel in jedes Bein angedroht, sollten wir gewinnen.«

Der Sittenverfall hat viele Gründe, der Staatsbankrott in den Jahren 2001/02 und die politische Korruption sind zwei davon. Die Stadien sind oft baufällig, die Polizei ist zu schlecht ausgebildet oder verdient an den Machenschaften der Barras Bravas mit. Fußball in Buenos Aires ist ein Geschäft wie der Handel mit Rindern und Soja, denn kaum jemand hat mehr und besseren Rohstoff. Tausende Talente haben dieses unerschöpfliche Reservoir verlassen und bevölkern die Ligen der Welt. Diego Maradona hat es aus Villa Fiorito in den Himmel geschafft und in die Hölle. Carlos Tévez aus den düsteren Trabantenbauten von Fuerte Apache bis ins Herz Englands nach Manchester. Gonzálo Higuaín ging über River zu Real Madrid. Wenn Inter Mailand, der FC Barcelona, der FC Bayern oder wer auch immer irgendwo Meister wird, dann ist in der Regel auch irgendeiner aus Buenos Aires am Ball. Allein 2009 haben 1716 argentinische Fußballspieler das Land verlassen, mehr als Brasilianer (1443), das Gros davon kam aus Buenos Aires. Vermutlich bevölkern überhaupt mehr Porteños die Fußballfelder des Globus als Cariocas aus Rio de Janeiro, und es werden immer mehr. Denn die Vereine brauchen Geld, die Vermittler sind zahlreich, und das Selbstbewusstsein ist trotz aller Probleme groß. Was ist das beste Geschäft der Welt, lautet die Frage in einem Witz? Antwort: Einen Porteño für das kaufen, was er wert ist – und für das verkaufen, was er wert zu sein glaubt.

80 Prozent der Spieler finden in Europa Anstellung, der Rest in Arabien, Russland, China. Manche spielen vorher nicht mal mehr in Argentiniens erster Liga, sondern wechseln direkt aus den Nachwuchsteams, die Dealer haben es zu eilig. Wenigstens ein Jahr sollten sie doch in der Primera A verbracht haben, bittet deshalb Bocas Nachwuchschef Ramón Maddoni, der Leute wie Juan Pablo Sorín, Fernando Gago und Carlos Tévez entdeckt hat. »Seit 40 Jahren leiden wir unter diesem Exodus«, klagt River-Trainer Cappa.

Auch im Fußball leidet Argentinien unter dem nostalgischen Gefühl, dass früher vieles besser war. Doch zugleich gibt es immer neue Hoffnungen, die so sicher sind, wie der Staatspleite eine Rekordernte folgt. Und irgendwann kommen sie schließlich auch alle zurück, ob zu Länderspielen im Monumental oder dorthin, woher sie kamen, die Maradonas, Riquelmes oder Ayalas. Heim nach Buenos Aires, wo die Melancholie wohnt und der Fußball.

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