Wiktor Ponedelnik: Der erste EM-Held

In selbst genähten Schuhen

1960 fand die erste Euro statt, die Sowjetunion gewann. Der Siegtorschütze im Finale hätte danach zu Real Madrid wechseln können. Stattdessen sollte Wiktor Ponedelnik nach Moskau - und legte sich mit der Partei an.

Kurz nach dem größten Erfolg seiner Karriere stand der 23-jährige Wiktor Ponedelnik auf dem Eiffelturm und blickte über Paris. Neben ihm tauchte Santiago Bernabeu auf, der legendäre Präsident der Königlichen, Senor Real Madrid persönlich. Ob er nicht in der spanischen Hauptstadt spielen wolle, fragte Bernabeu den Jungen aus der russischen Provinz, er würde ihm unverzüglich einen Vertrag geben. Sofort eilte der für die sowjetische Nationalmannschaft zuständige KGB-Offizier herbei und versicherte, welch große Ehre dieses Angebot sei. Leider hätten alle Spieler der Nationalmannschaft sehr, sehr langfristige Verträge bei ihren sowjetischen Klubs.

»Und wir standen ratlos herum und fragten uns, was das eigentlich ist, ein Vertrag«, sagt Ponedelnik und lacht. Es war eine andere Welt damals, während der ersten Europameisterschaft 1960 in Frankreich, nicht nur im Fußball.

Keine ausschweifende Feier nach dem EM-Sieg

»Sie haben Glück, mich zu erwischen. Ich komme gerade von meiner Datscha«, antwortet Ponedelnik am Telefon. Gestern ist er 75 geworden, es sei ordentlich gefeiert worden, erzählt er. Ganz anders als damals, 1960. Da waren die Spieler der Sowjetunion nach ihrem 2:1-Sieg im Finale der ersten Europameisterschaft über Jugoslawien einfach durch Paris geschlendert. Diese Stadt, die für die Sowjets seit jeher der Sehnsuchtsort schlechthin gewesen ist, das Symbol westlicher Eleganz. Man habe Frankreich auf sich wirken lassen, ein Bier getrunken. »Wir durften alleine noch nicht einmal das Hotel verlassen«, erzählt Ponedelnik. An ausschweifende Feiern war gar nicht erst zu denken.

Reporter tauften Ponedelnik zum »Schwert der Sbornaja«. Als Analogie zum damaligen Jahrhundert-Torwart Lew Jaschin, dem »Schild“ dieser Mannschaft. »Jaschin hat uns im Spiel gehalten. Die Jugoslawen waren erst stark und dann müde, das haben wir gespürt«, erzählt Ponedelnik. Im Halbfinale hatte der Bruderstaat Euro-Gastgeber Frankreich mit 5:4 besiegt, trotz eines 2:4-Rückstandes nach 75 Minuten. In der Verlängerung des Endspiels fehlte den Jugoslawen dann die Kraft – der wuchtige Ponedelnik köpfte in der 113. Minute das umjubelte Tor.

Wegen der Verlängerung erzielte Ponedelnik – sein Name bedeutet auf Russisch Montag – dieses Tor knapp nach Mitternacht Moskauer Zeit und damit am Montag. »Ponedelnik zabil v Ponedelnik«, titelte die Sowjet-Presse in gewohnter Geschlossenheit: Montag trifft am Montag. Als Prämie für die siegreichen Heimkehrer war damals von Autos und Häusern die Rede, überreicht von Parteichef Chruschtschow persönlich. »Alles Märchen, 200 Dollar pro Mann haben wir bekommen, sonst nichts«, sagt Ponedelnik. Und das für eine Auswahl, in der ein handwerklich begabter Verteidiger als Schuhmacher fungierte, eigens dafür gekaufte Ledertaschen in Fußballschuhe umnähte. »Nicht zu bekommen« waren für die Sowjets damals selbst Schuhe aus der DDR.

Triumph über die Partei

Ponedelnik spielte noch in der zweiten Liga, als er Nationalspieler wurde, in 28 Partien erzielte er 21 Tore. Dass es nicht mehr wurden, lag »an diesem fürchterlichen Asthma«, erzählt er. Im Trainingslager der Sbornaja auf einem Parteigrundstück bei Moskau gab es ein eigenes Zimmer, in das er von den Teamärzten gebracht wurde, wenn er wieder keine Luft bekam. Es soll das gleiche Zimmer gewesen sein, in dem keine 20 Jahre zuvor Feldmarschall Friedrich Paulus nach der Niederlage von Stalingrad gefangen gehalten wurde. Seine Kollegen scherzten dann immer, Ponedelnik sei »beim Paulus«.

An sich kein ausgesprochener Dissident, lehnte sich Ponedelnik einmal gegen die Nomenklatura auf. Er sollte aus Rostow am Don zum Zentralklub ZSKA nach Moskau wechseln, »Ich wurde quasi entführt«, sagt Ponedelnik. Ein Riesenskandal. Selbst der spätere Literatur-Nobelpreisträger Michail Scholochow und die Sportministerin setzten sich für Ponedelnik ein. Er triumphierte über die allmächtige Partei, durfte in Rostow bleiben. Gerüchteweise wurde er wegen dieser Hartnäckigkeit nicht mehr in die Nationalelf berufen. Doch sauer ist Ponedelnik deshalb nicht. Ebenso wenig wie auf den linientreuen KGB-Offizier aus Paris. Ponedelnik grübelt etwas, dann sagt er: »Es hört sich heute seltsam an, aber das war uns damals alles egal. Für die Nationalelf anzutreten war die größte Ehre.«

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