Wiedersehen mit einem Angstgegner

Blut, Schweiß und Stefan

Unser Autor Dirk Gieselmann war einst ein minderbegabter Vorstopper. Viele Gegner waren überlegen. Doch vor einem hatte er richtig Angst. Ein Wiedersehen nach 18 Jahren.

Bild: Tobias Kappel

Als ich zwölf Jahre alt war, hatte ich Angst davor, dass mein Opa stirbt, vor Saddam Hussein – und vor Stefan Rosenthal vom FC Sulingen.

Mein Opa kam nicht mehr allein die Treppe runter, in der Tagesschau brannten die Ölquellen von Kuwait, und zwei Mal im Jahr verlor mein Verein, der TuS St. Hülfe-Heede, haushoch gegen den FC. Ein halbes Dutzend Tore schoss jeweils Stefan Rosenthal und legte noch acht vor, zwei davon sich selbst. Er war ein Schweinsteiger, bevor es Schweinsteiger gab, überall zu finden, meistens dort, wo ich zu spät kam. Ich war sein Bewacher ohne Zugriff. Nicht da, nicht hier, die Nummer vier. Jedes verdammte Mal.

Seid doch mal ehrlich: Kennt ihr, die ihr selbst mittelmäßig Fußball gespielt habt, nicht alle einen solchen Angstgegner? Einen, von dem ihr nur die Hacken saht. Der euch abkochte, hundertfach. Der euch, schon in der D-Jugend, der Illusion beraubte, jemals über die Kreisklasse hinauszukommen. Gegen den spielen zu müssen die erste narzisstische Kränkung in eurem Leben war, noch bevor ihr beim Tanzkurs von der dicken Nadine gewählt wurdet.

Ich behaupte sogar, dass – Messi hin, Zidane her – dieser Angstgegner uns allen insgeheim noch immer als bester Spieler aller Zeiten erscheint. Denn an einem vernieselten Samstag im November auf einem dilettantisch abgekreideten Matschplatz getunnelt zu werden und auf den Rücken zu fallen wie ein Käfer, die unmittelbar körperliche Scheißerfahrung also, hinterlässt doch den tieferen Eindruck, als wenn man vom Sofa aus den Topstars bei der Überkreuzflanke zuschaut. Sie bewundert man. Vor den Rosenthals hat man Angst.

»Der Achter, Rosenthal heißt er«

Ich jedenfalls. Seit damals, seit dem Herbst 1991. Am frühen Samstagnachmittag wurden wir, wie Schweinchen, mit dem vom St. Hülfer Mazda-Händler geliehenen Kleinbus die Bundesstraße 214 hinuntergekarrt. Am Ratskeller ging es links ab zur Schlachtbank, dem Gelände des FC Sulingen. Anschnallgurte gab es nicht an Bord, im Radio lief »Bacardi Feeling« von Kate Yanai, unser Trainer rauchte bei geschlossenem Fenster einen Zigarillo. Mir war schlecht vom Qualm und von der Angst. Denn beim FC, munkelte man im Mannschaftsbus, spiele einer, »der Achter, Rosenthal heißt er«, der sei gerade in die Bezirksauswahl berufen worden. Schockschwerenot, die Bezirksauswahl! Die Nachfolger von Rudi, Klinsi und Lothar, die Weltmeister der Zukunft, auf Jahre hinaus unschlagbar. »Und du bewachst den heute!«, hustete unser Trainer mir von vorn zu. Ich könnte jetzt, dachte ich bei mir, auch zu Hause sein und die »Teenage Mutant Ninja Turtles« auf RTL gucken. Stattdessen preschten wir weiter die Niedersächsische Spar­gelstraße hinunter, unserem Verderben entgegen. Die Kühe auf den Weiden blickten mich gleichgültig an.

Wir parkten in der Nähe eines Mülleimers. Und kaum waren wir aus dem Mazda geklettert, raunte einer von uns: »Da hinten isser! Der aus der Bezirksauswahl!« Stefan Rosenthals Extraklasse fing schon beim Lungern an, der ersten Phase des Zweikampfs: Scheinbar zufällig saß er auf der Bierbank vor dem Vereinsheim, ließ uns vorbeidefilieren und schüttelte hämisch den Kopf. Als wären wir seiner nicht würdig. Aber na gut, er hatte ja sonst nichts vor heute. Das war, wenn es einer solchen überhaupt bedurfte, natürlich die Vorentscheidung.

Ein Stürmer mit dem Kampfnamen »King«

Im ganzen Landkreis Diepholz war nur einer ähnlich begabt in der Selbstinszenierung wie Stefan Rosenthal: Ein Mittelstürmer vom FC Hachetal mit dem Kampfnamen »King«, der bereits in der Frühpubertät als profilierter Diskoschläger galt und bei unserer Ankunft stets auf seinem frisierten Moped thronte, umringt von Vasallen. Allein, beim FC Hachetal waren meistens wir es, die gewannen – was »Kings« Imponiergehabe mit der Zeit recht hohl wirken ließ. Doch vielleicht hatte auch er bloß Angst, konnte sie nur nicht zeigen.

Stefan Rosenthal hingegen spielte schon mit zwölf so souverän auf der Psychoklaviatur wie ein Großer. Die Schlachtrufe seiner Elf drangen in unsere Kabine, wo wir unsere nach Lenor riechenden Trikots aus dem Alukoffer zogen. »Ofenfrisch – Bäcker Mester« war darauf geflockt. Auf denen der Sulinger stand »Bullenschluck«. Brötchen gegen Kräuterschnaps – ein Klassenunterschied, auch hier. Später musste der Schriftzug übrigens auf Geheiß des Kreisverbandes abgeklebt werden – keine Alkoholwerbung in der D-Jugend, bitte.

Als wir heraustraten und vorbeiliefen an einer Vertikutierwalze, einem Schwenkgrill und Haake-Beck trinkenden Rentnern, standen die Sulinger schon auf dem Platz und grinsten wie gefährliche Tiere. Stefan Rosenthal hielt den Ball hoch und unterhielt sich nebenbei mit seinen Fans. Meine größte Leistung war es bislang gewesen, dass ich bei einem Spiel gegen den Lokalrivalen TSV Aschen, um das 1:0 zu sichern, kurz vor Schluss den Ball von der Seitenlinie aufs Dach der Grundschule gedroschen hatte. »Richtig, Giesi!«, hatte unser Trainer gerufen, und ich war für den Augenblick sehr stolz. Aber würde ich dem Ball heute überhaupt nah genug kommen, um ihn irgendwohin zu dreschen?

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