Wiedersehen mit Danilo Popivoda

Der Partisan

Dieser Mann konnte seinen Gegnern Knoten in die Beine spielen. Danilo Popivoda, einer der ersten jugoslawischen Legionäre in der Bundesliga, verkörpert mehr als jeder andere die Goldenen 70er von Eintracht Braunschweig. Wiedersehen mit Danilo Popivodaimago
Heft #77 04 / 2008
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?In den 70ern erlebte der Fußball in vielerlei Hinsicht seine wildeste Zeit: Lange Mähnen schmückten die Häupter der Gladbacher Fohlen, Nationalspieler Paul Breitner posierte im Afro-Look und mit Mao-Bibel, Torwart Sepp Maier ging im Strafraum auf Entenjagd. Selbst vor den Trikots eines damaligen Bundesligisten machte das Wild nicht halt. Günter Mast, der Kräuterlikör-Fabrikant aus Wolfenbüttel, nahm sich 1973 die Kicker von Eintracht Braunschweig zur Brust und platzierte dort das bekannte Logo seines guten Tropfens, den Hubertushirsch mit Kruzifix. Doch der Pionier der Kommerzialisierung bescherte der Bundesliga nicht nur das revolutionäre Trikot-Sponsoring, sondern auch einen der wildesten Fußballer, die das Land bis dahin erlebt hatte.

Die Rede ist vom jugoslawischen Außenstürmer Danilo Popivoda, der bei der WM 1974 in Deutschland die Abwehrrecken reihenweise schwindlig gespielt und dadurch Vereine wie Schalke 04, Bayern München und den 1. FC Köln auf sich aufmerksam gemacht hatte. Doch der Wirbelwind an der rechten Seitenlinie hatte es auch Braunschweigs Trainer Branko Zebec angetan. Ohne zu zögern öffnete der neue Klubpräsident und Großsponsor Mast seine Schatulle, um den gebürtigen Montenegriner nach Braunschweig zu locken. Masts Spendierhosen wie auch Zebecs jugoslawische Wurzeln erwiesen sich als die entscheidenden Trümpfe im Poker um den begehrten Nationalspieler, und so wechselte der 28-Jährige im Sommer 1975 von Olympia Ljubljana zur Eintracht.

»Popi nie da«, raunzte mancher Anhänger


Zunächst jedoch schien es, als sei der Transfer des technisch versierten Angreifers eher eine Schnapsidee denn ein großer Coup. Noch bevor die Saison überhaupt begann, brach sich Popivoda im Intertotospiel gegen das jugoslawische Novi Sad das Schlüsselbein und fiel monatelang aus. »Popi nie da«, raunzte mancher Anhänger schon auf den Rängen im Stadion an der Hamburger Straße, doch der Ärger war schlagartig verpufft, als der sehnlichst erwartete Flügelflitzer am 13. Spieltag gegen den Hamburger SV endlich sein Debüt geben konnte. Als wollte Popivoda all das Vergnügen, das ihm während seiner Abstinenz entgangen war, auf einen Schlag nachholen, vernaschte er Hamburgs Verteidiger Peter Hidien 90 Minuten lang nach Strich und Faden. Als sein erstes Bundesligaspiel abgepfiffen wurde, hatten ihn die Braunschweiger Fans längst zu ihrem neuen Liebling gekürt.

Wie ein verführerischer Appetithappen wirkten Popivodas Kunststückchen auf die Zuschauer und machten Hunger auf mehr. Doch daraus wurde erst einmal nichts. Noch vor dem nächsten Spiel brach sich der Hoffnungsträger bei einem Trainingsunfall mit Torhüter Bernd Franke erneut das Schlüsselbein und musste abermals pausieren. Erst zu Beginn des Jahres 1976 stürmte er wieder los, und diesmal ließ er sich von keiner Verletzung, geschweige denn von irgendwelchen Abwehrspielern aufhalten. Er war eine Art Fußball-Partisan, denn wie einst Titos Freiheitskämpfer ihre gefährlichsten Waffen unter der Zivilkleidung versteckt hielten, überraschte auch Popivoda mit plötzlichen Täuschungsmanövern seine Kontrahenten. Als »einen der schwierigsten und interessantesten Gegner meiner Karriere«, bezeichnete Berti Vogts den ebenso kraftvollen wie trickreichen Stürmer. Und nicht nur der Wadenbeißer der Nation hatte mit Popivoda seine liebe Mühe. Als der Jugoslawe vor seinem Führungstreffer im EM-Halbfinale 1976 gegen Deutschland mit einer geschickten Körperdrehung gar den großen Franz Beckenbauer verdutzt stehen ließ, schlotterten auch dem letzten Verteidiger beim Namen Popivoda die Knie.

Dabei hatte der das Leder, bevor er es auf dem Fuß tanzen ließ, zunächst lieber in die Hände genommen. Erst während des Besuchs der Hotelfachschule in Ljubljana entdeckte der begeisterte Handballer den Fußball für sich und wurde prompt von den Talentscouts des örtlichen Erstligisten Olympia entdeckt. Um den ständigen ethnischen Konflikten im Vielvölkerstaat Jugoslawien den Rücken zu kehren, folgte Popivoda nach erfolgreichen Jahren in Ljubljana den Spuren früherer jugoslawischer Legionäre wie Kölns Zlatko »Tschik« Cajkovski und Josip Skoblar, der in den 60ern bei Olympique Marseille gespielt hatte. Mit reifen 28 Jahren und einer Reihe Länderspiele auf dem Buckel kam Popivoda nach Deutschland und gehörte fortan zu den neuen jugoslawischen Stars der Bundesliga, neben seinem Braunschweiger Mannschaftskameraden Aleksandar Ristic und dem begnadeten Linksfuß Branko Oblak, der bei Schalke 04 und Bayern München für Furore sorgte.

Zwischen 1975 und ’80 absolvierte Danilo Popivoda 126 Spiele für die Eintracht, schoss dabei 30 Tore und trug damit wesentlich zu den guten Ligaplatzierungen von 1976 (Platz 5) und 1977 (Platz 3) bei. Nach der überraschenden Meisterschaft 1966/67 waren es diese glanzvollen Jahre, die als die zweiten »Goldenen Zeiten« in die Braunschweiger Vereinschronik eingingen. Noch heute verkörpert keiner diese Epoche besser als der 1,74 Meter kleine Filigrantechniker. In seiner letzten Bundesligasaison begann Popivoda an einer schweren Augenerkrankung zu leiden, in deren Folge er im Laufe der Jahre fast vollständig erblindete. Den Blick für die Mitspieler hat er damit leider verloren. An sein Ballgefühl aber wird man sich nicht nur in Braunschweig immer erinnern.

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