23.09.2013

Wiedenbrück gegen Sandhausen: Ein Selbstversuch

Die Grenzen
des guten Geschmacks

In einem Anflug eigenbrötlerischen Wahns schaut 11FREUNDE-Mitarbeiter Paul Hofmann die Pokal-Partie des SC Wiedenbrück gegen den SV Sandhausen. Um die matten Zurufe des Tribünenpöbels zu unterbinden, gönnt er sich Tocotronics »Grenzen des guten Geschmacks II«.

Text:
Paul Hofmann
Bild:
imago

Was diese Grenzen anbelangt,

so ist bekannt, ja anerkannt,

dass sie meistens fließend sind.

Dienstag. Soziale Rücksicht liegt mir nahe, diesen Abend verbringe ich einsam. Fühle mich dabei erhaben – kürzlich »Und Nietzsche weinte« gelesen. Bilde mir darauf etwas ein, bis ich merke, dass seine Tränen auch die meinen sein könnten.
Was tun? Tetris? Zu hektisch. Socken-Boccia? Kein Gegner da. Putzen? Kein Grund da. Stadionposter vom »La Bombonera« anbringen? Kein Hammer da. French Nails? Lieber direkt Nagelpilz – SC Wiedenbrück gegen SV Sandhausen. Zweite Runde des DFB-Pokals: Der Letzte der Regionalliga gegen den Zwölften der Zweiten Liga. Lecker. »Die unattraktivste Zweitrundenpartie aller Zeiten«, las ich Minuten zuvor am Kiosk meines Vertrauens. Das wollen wir doch mal sehen, Boulevard. Ein Selbstversuch.

Ich war in Gedanken fort.

Dies schien ein perfekter Ort

für derlei Plauderei zu sein

und mir fiel nichts Besseres ein.

Allein ich war nicht sicher –
würden wir verweiln?

Gedanklich also im Heidewaldstadion zu Gütersloh, der Gang nach Canossa mit Front-Reporter Stefan Hempel. Auch Emotionalitätskrösus »Sky«, der uns tagtäglich suggeriert, dass Fußball das verdammt nochmal Größte ist, muss sich also mit diesem Spiel auseinandersetzen. Hempel wird dem gerecht: Brieft mich nach 14 gespielten Sekunden, dass Wiedenbrück »hinten erstmal sicher stehen« wolle und referiert über die Aufstellung des SV Sandhausen. Einziger Stürmer: Ranisav Jovanovic, der serbische Offensivmetzger. Kurz schießt Freund Fußball in meine Adern. Die Autokorrektur wechselt bei »Sandhausen« nonchalant zu »Sandhaufen«.

Unsere Worte werden leiser.

Sie verschwimmen in der Weise

einer Zeichnung hier im Sande.

Es gibt kein Leben ohne Schande.

Zaghafte Sandhäuser Offensiv-Aktionen. Mein Sky-Zugang schmeißt mich aus dem Stream. »Corrupt H264 data encountered«, gibt er an. Nihilismus? Mutterkomplex? Logge mich wieder ein, aber irgendwas ist anders. Befremdliche Trommelsounds aus dem heimischen Block. Stehen dort die dänischen Krawallbrüder »Safri Duo« inmitten der drei Dutzend Fans? Bisevac nervt das ähnlich, er sieht die erste Gelbe Karte. Der Serbe Bisevac? RC Lens, Paris Saint-Germain und Olympique Lyon? Nein, doch nur Wiedenbrücks Offensivmann Nick Brisevac. Ein »r« hinausgehofft. Wende mich den Falten meines Bettlakens zu.


Jetzt wo fremde Schiffe stranden

ist erst recht nichts überstanden.

 
 
 
 
 
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