Wie Zvonimir Soldo Köln stabilisiert

Der Anti-Jeck

Zvonimir Soldo erscheint im Trubel des Kölner Dauerkarnevals eigentlich völlig deplatziert. Und doch könnte der ruhige Kroate genau der richtige Trainer für den FC sein – als Gegenentwurf zu Christoph Daum. Eine Analyse. Wie Zvonimir Soldo Köln stabilisiertImago Im Müngersdorfer Stadion ist der Wahnsinn zuhause. Am späten Freitag Abend haben die Kölner wieder einmal gezeigt, dass in ihrer Stadt alles ein bisschen bunter ist, lauter. Fast 50.000 feierten die Rückkehr ihres Prinzen. RTL berichtete live. Mit Kai Ebel als Elvis-Double, und Wolfgang Overath, der Präsident des 1. FC Köln, thronte auf der Ehrentribüne wie ein Sonnenkönig. Der FC, die Diva unter den Bundesligaklubs, hatte sich wieder einmal herausgeputzt für eine rauschende Ballnacht und tanzte im Konfettisturm grenzenloser Euphorie.

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Nur ein Mann stand während dieser Aufführung eines Fußballspiels 90 Minuten und ein bisschen länger nahezu regungslos an der Seitenlinie. Zvonimir Soldo wirkte inmitten der Kölner Schaumparty wie der Indianer in »Einer flog über's Kuckucksnest«. Während sich in den Gesichtern der Spieler und Fans das Spektakel spiegelte, verzichtete Kölns neuer Trainer auf jede Art des Minenspiels, und man wurde das Gefühl nicht los, dass dieser Mann trotzdem das Auges dieses Orkans war.

Und so lieferte die Poldi-Party, ein am Ende für den Verlauf der kommenden Wochen doch wertloses Ablösespiel, immerhin eine wichtige Erkenntnis: In Köln hat sich etwas verändert. Es ist eine leise Veränderung – und doch könnte sie weitreichende Folgen haben.

Stoiker für Showman

Zvonimir Soldo, der kroatische Stoiker, dem Allüren völlig fremd erscheinen, hat den Showman Christoph Daum ersetzt. Das ist eine kleine Revolution. Und zumindest auf den ersten Blick scheint Soldo dann so gar nicht nach Köln zu passen.

Doch im Grunde könnte es keinen besseren und womöglich auch wichtigeren Trainer geben für diesen Verein, der auch in dieser Saison wieder irgendwo zwischen Abstiegsparanoia und Europacup-Euphorie auf der Rasierklinge tanzen wird.

Denn vor ein paar Wochen noch hatte es fast danach ausgesehen, als würden die Kölner endlich zur Ruhe kommen. Nach einer Saison, die außer den Kölnern selbst kaum jemand für möglich gehalten hätte und die der FC als Aufsteiger auf Platz 12 beendete, schien es, als würden Verein, Umfeld, Fans und auch Trainer endlich zu sich finden.

Doch dann verabschiedete sich Christoph Daum völlig überraschend nach Istanbul. Und der 1. FC In Köln war plötzlich wieder der 1. FC Köln. Ein Verein mit emotionaler Sinuskurve. Momentan ist der FC auf seinem manischen Höllenritt durch die Bundesliga mal wieder auf einem Scheitelpunkt angekommen: Der Podolski-Hype, der schon seit Monaten nicht nur den Verein, sondern die ganze Stadt zu elektrisieren scheint und der trotz aller Beteuerungen eine völlig überzogene Erwartungshaltung mit sich bringt, dazu das Daum-Theater und zuletzt auch noch die überraschende Verpflichtung des Portugiesen Maniche. Eine Diva auch er.

In Köln ist also wieder Rummel. Nur braucht jedes Karussell immer auch jemanden, der in der Lage ist, die Fahrt zu stoppen, bevor alle Beteiligten von einem fatalen Schwindel erfasst werden. Zvonimir Soldo, geerdet genug, um dem Verein die Bodenhaftung zurückzugeben, könnte eben dieser Stopper sein. Nicht nur sein Trainerkollege und ehemaliger Mitspieler Markus Babbel traut dem Kroaten zu, in Köln für Ordnung zu sorgen, und hat den Kroaten bereits als »Anti-Daum« bezeichnet. Doch Soldo ist mehr als nur das Negativ des öffentlichkeitssüchtigen Trainerfakirs.

Soldo, der als Spieler acht Jahre lang für das stabilisierende Moment im Spiel des VfB Stuttgart verantwortlich war, ist als Trainer zwar fast noch ein Frischling. Und doch hat er bereits auf seiner ersten Trainerstation bei Dinamo Zagbreb für Aufsehen gesorgt. Als ein Coach mit klaren taktischen Vorstellungen, die viel von dem widerspiegeln, was den Spieler Soldo ausgemacht hat. Als Trainer setzt er, ähnlich wie schon in seiner Rolle als Kapitän beim VfB Stuttgart, in der er oft den verlängerten Arm des Trainers gab, auf Disziplin und eine klare taktische Ordnung, aus der dann ein schnelles Offensivspiel entstehen soll. Seine Mannschaften spielen so aus einer klar strukturierten Defensive schnörkellosen, aber begeisternden Angriffsfußball.

In Zagreb hat diese Philosophie unmittelbar gegriffen: Lediglich fünf Monate war Soldo Cheftrainer bei Dinamo. In diesen zwanzig Wochen allerdings holte er das Double. Danach überwarf er sich jedoch mit der Klubführung und musste den Verein, für den er bereits in seiner Jugend gespielt hatte, wieder verlassen. Soldo hatte nach dem Gewinn der Meisterschaft versucht, das Team zusammenzuhalten und den Exodus der besten Spieler wie Dino Drpic oder Bosko Balaban zu verhindern. Vergeblich. Unter diesen Voraussetzungen sah Soldo keine Möglichkeit, weiter für Dinamo zu arbeiten und ging.

»Zvonimir Soldo lässt sich von niemandem beirren«

Die Art und Weise, mit der sich Soldo aus seiner Heimat verabschiedet hat, sagt viel aus über die Persönlichkeit Zvonimir Soldos. Der ehemalige kroatische Nationalspieler, der als Teil der Goldenen Generation Kroatiens zusammen mit Davor Suker, Zvonimir Boban und Robert Jarni bei der WM 1998 erst Deutschland aus dem Turnier warf und später die Bronzemedaille holte, geht kompromisslos seinen Weg. Egal, ob er dabei Konflikte provoziert oder Eitelkeiten verletzt. »Zvonimir Soldo lässt sich von niemandem beirren«, meint Georg Koch, der Soldo in Zagbreb als Trainer erlebt hat.

Und auch Silvio Meißner, der an der Seite Soldos im Mittelfeld des VfB Stuttgart gespielt hat, entwirft ein ganz ähnliches Bild: »Er ist in allem was er tut unglaublich gradlinig.« Wenn Silvio Meißner über Zvonimir Soldo spricht, fällt schnell dieses eine Wort, das immer wieder fällt, wenn ehemalige Mitspieler über Zvonimir Soldo sprechen: Respektsperson.

Zvonimir Soldo, dieser eigentlich unscheinbare Mann mit den dunklen Haaren und den fast noch dunkleren Augen, scheint der Inbegriff von Autoriät zu sein. Ein General, vor dem man intuitiv stramm steht.

»Mich wundert nicht, dass er jetzt Trainer geworden ist«, meint dann auch Tobias Rathgeb, »der war schon damals so eine Art Trainer auf dem Platz, immer sachlich, ruhig und mit einer unglaublichen Präsenz.« Und nachdem Rathgeb kurz überlegt hat, fügt er noch hinzu: »Zvonimir Soldo war einfach ein geborener Kapitän. Ein echter Anführer.« Rathgeb, für den es als Sohn einer kroatischen Mutter ohnehin etwas Besonderes war, gemeinsam mit Soldo, längst Idol in der Heimat, in einer Mannschaft zu spielen, war gerade Anfang Zwanzig, als er ihn in Stuttgart kennen lernte. Beim VfB dominierten zu dieser Zeit die jungen Wilden um Hleb, Lahm und Kuranyi. Felix Magath führte die Mannschaft in die Champions-League, und Soldo, der inmitten der Fußballkrabbelgruppe wie ein Fossil wirkte, war Herz und Seele des Spiels. »Er hat immer klare Kommandos auf dem Platz gegeben, unheimlich viel noch im Spiel korrigiert. Das hat uns jungen Spielern extrem viel geholfen«, erinnert sich Rathgeb.

Zvonimir Soldo war unter Magath der Dirigent dieser schwäbischen Boygroup und gab hinter Hleb den umsichtigen Abräumer. Dabei wirkte er selten gehetzt, ein menschgewordener Ruhepuls, der die gegnerischen Spielmacher allein durch seine Präsenz und die seltene Fähigkeit, das Spiel zu lesen, die unmittelbare Zunkunft perfekt zu antizipieren, in den Wahnsinn trieb. Gegen Soldo zu spielen, war, als würde ein Koffeinsüchtiger versuchen, einen Zen-Meister im Mikado zu schlagen.

Dabei zeichnete sich der Kapitän des VfB nicht nur durch sein Gefühl für das Spiel, sondern auch für die Befindlichkeiten innerhalb des Teams aus. Für die jüngeren Spieler war er dabei auch immer Vaterfigur. Ein Kumpeltyp war er jedoch nie. »Wenn ihm was nicht gepasst hat, dann hat er sich die Jungs einzeln beiseite genommen und ihnen erklärt, was sie falsch machen«, erinnert sich Silvio Meißner, für den es ähnlich wie für Tobias Rathgeb oder Georg Koch keine Überraschung ist, dass Zvonimir Soldo heute Trainer ist.

Dass er jetzt im schwarzen Sakko von der Seitenlinie aus Kommandos gibt, anstatt in kurzen weißen Hosen aus der Mitte des Spiels, ist für die, die Zvonimir Soldo kennen, nur die logische Konsequenz aus seiner Interpretation des Spiels. Und so scheint auch lediglich der Dresscode den Trainer Soldo gegen den Spieler Soldo abzuheben. Zvonimir Soldo musste nicht viel an sich ändern, um jetzt eine Mannschaft von außen zu führen. Aber viel an sich ändern, würde jemand wie Soldo wohl ohnehin nicht.

»Die Kölner werden sich noch wundern«

Es ist eben diese fast schon anachronistische Ruhe, die ihn in Köln zwar auf den ersten Blick wie einen  Astronauten wirken lässt, aber letztendlich dafür sorgen könnte, dass er im melodramatischen Umfeld des Vereins nicht untergeht, sondern auch hier wieder den souveränen Kapitän geben kann. Dass er sich dem Kölner Exzessivkarneval anpasst, ist jedenfalls so gut wie ausgeschlossen. »Eher werden sich die Kölner ändern müssen«, ist Silvio Meißner überzeugt. »Die werden sich noch wundern.«

So könnte es am Ende noch passieren, dass  Zvonomir Soldo, der Anti-Jeck, der auf dem Platz, wenn es um Fußball geht, um Erfolg, in etwa den Humor eines russischen Inkassounternehmens besitzt, in der Karnevalsstadt endlich den schon so lange schlafenden Riesen weckt. Indem er ihm streng ins Ohr flüstert, anstatt ihn mit Konfettikanonen um den Verstand zu bringen.

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