Wie Wolfsburg eine 3:0-Führung verspielt

Kurzer Zauber

Ein irres Bundesliga-Comeback: Diego führt den VfL Wolfsburg gegen Mainz zu einem 3:0-Vorsprung, verleitet seinen Trainer zu einer kleinen Revolution – und muss doch verkraften, dass seine Elf am Ende noch verliert. Wie Wolfsburg eine 3:0-Führung verspieltImago Mainz' Trainer Thomas Tuchel gab sich vor dem Spiel seines FSV gegen den VfL Wolfsburg als ein Mitglied der Fraktion, welche die Bundesliga-Rückkehr von Diego besonders begrüßt - und das sogar aus zweierlei Gründen. Das altruistische Argument lautete: »Der Wechsel wertet die Liga auf, es ist toll, solche Topstars hier zu haben.« Das egoistische Argument hieß: »Vielleicht können wir bei dieser ganzen Konzentration auf Diego klammheimlich unser Spiel durchbringen.«

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Von klammheimlich konnte knappe zwei Stunden später zwar nicht die Rede sein, aber ja: Auf eine unglaublich irre und unglaublich spannenden Art und Weise hatte der FSV Mainz tatsächlich sein Spiel durchgebracht - und nach einem zwischenzeitlichen 0:3-Rückstand noch mit 4:3 gewonnen. Und in der Tat hatte dieser Spieleverlauf jede Menge mit Wolfsburgs Neuerwerbung Diego zu tun.

15 Monate und fünf Tage nach seinem bisher letzten Bundesliga-Spiel - das er mit Werder Bremen übrigens ausgerechnet in Wolfsburg bestritten hatte - präsentierte sich der Brasilianer in der ersten halben Stunde wie in besten Zeiten. Nach drei Minuten vernaschte er das erste Mal zwei Gegenspieler gleichzeitig, nach fünf Minuten verzückte er die Fans mit einem Pass hinter dem Standbein, nach sechs Minuten bediente er das erste Mal gefährlich Wolfsburgs Sturmspitze Edin Dzeko, nach sieben Minuten führte er den ersten Freistoß aus, und nach einer guten Viertelstunde gelang ihm der erste Torschuss - ein schöner Schlenzer aus 16 Metern in Richtung rechtes Toreck, der nur knapp am Pfosten vorbeiflog.

2:0 – natürlich Edin Dzeko

In der 24. Minute hingegen stand Diego irgendwo herum, aber das hinderte seinen Mitspieler Edin Dzeko auch nicht daran, das 1:0 für den VfL Wolfsburg zu erzielen. Mainz' Christian Fuchs köpfte in einer missglückten Aktion zurück statt nach vorne und genau in den Lauf des Bosniers Dzeko, der Bo Svensson abschüttelte, FSV-Torwart Christian Wetklo umkurvte und zum 1:0 einschoss.

Nur drei Minuten später stand Diego wieder nur irgendwo herum, und wieder waren die Wolfsburger erfolgreich. Dzeko selbst passte den Ball auf die linke Seite zu Mandzukic, der dribbelte die Seite entlang und bediente mit einem überlegten Rückpass, ja wen wohl? Natürlich Edin Dzeko.

Doch es kann natürlich nicht angehen, dass ein Klub mit Diego in seinen Reihen so viele Tore schießt, ohne dass Diego an diesen Toren beteiligt ist. Aber noch ehe der Brasilianer deshalb erzürnen konnte, hatte der Mainzer Svensson die grandiose Idee, einen völlig missglückten Rückpass zu spielen, dank dem Diego alleine mit dem Ball auf Wetklo zusteuern konnte. Links neben ihm lief zwar noch Dzeko, und eigentlich hätten die heiligen Regeln des Überzahlspiels in dieser Situation einen Pass nach links gefordert, doch Diego dachte gar nicht an einen Pass nach links, zeigte stattdessen einen tollen Übersteiger, mit dem er den Mainzer Torwart vernaschte, und schoss eigenfüßig zum 3:0 ein (30.).

Kann es eine schönere Rückkehr in die Bundesliga geben?


Doch abgesehen von Diego war dieses Spiel in der ersten halben Stunde alles andere als ein Spiel, in dem es nach einer halben Stunde 3:0 stehen muss. Die Treffer waren kein Resultat von fußballerischer Überlegenheit, sondern eine Mischung aus unfasslichen individuellen Schnitzern und Geistesblitzen von Dzeko & Diego. Bis zum ersten Wolfsburger Tor hatte Mainz durchaus mitgehalten - und die Mannschaft von Thomas Tuchel dachte auch nach dieser kuriosen Sieben-Minuten-Phase mit drei Gegentreffern gar nicht daran, dieses Ziel zu vergessen.

Ab Minute 31 erarbeiteten sich die Gäste peu á peu ein Übergewicht - und folgerichtig kam der FSV auch noch einmal heran: Morten Rasmussen erzielte nach einem Eckball das 1:3 (39.), und keine zwei Minuten nach dem Seitenwechsel traf Elkin Soto zum Anschlusstreffer. Die Einwechslung von André Schürrle sorgte für weiteren Schwung, und nach einer knappen Stunde war es eben jener André Schürrle, der die imponierende Mainzer Aufholjagd vorerst mit dem 3:3-Ausgleich krönte: Mit einem raffinierten Aufsetzer überwand er Wolfsburgs Torwart Diego Benaglio - ein schwieriger, aber nicht gänzlich unhaltbarer Ball.

Steve McCLarens kleine Revolution

Diego wiederum hatte offenbar genug vernascht, getrickst, gepasst und getroffen und verlegte sich fortan aufs Herumstehen im Irgendwo - außerdem machte er eine Schwalbe, für die er zu Recht Gelb sah. Er war aber nicht der einzige Wolfsburger, der nicht verstehen konnte, wie der VfL dieses 3:0 hatte aus der Hand geben können. Anders als seine Spieler unternahm ihr Trainer Steve McClaren zumindest einen Versuch zum Gegensteuern: Er nahm die beiden offensiven Außenspieler in seinem 4-2-3-1-System heraus, brachte unter anderem Grafite und stellte auf ein 4-4-2-Modell mit Raute um. Das kam eigentlich einer kleinen Revolution gleich, denn McClaren mag diese taktische Ausrichtung eigentlich überhaupt nicht - Diego liebt sie dagegen umso mehr. Die Konsequenz: Kurz nach der Umstellung hatte Dzeko die erste Wolfsburger Chance seit dem Treffer zum - ja, so stand es tatsächlich mal - 3:0.

Weil Unentschieden weder für McClaren noch für Tuchel besonders erstrebenswert zu sein scheinen, verlegte sich in den letzten 20 Minuten der Partie keiner aufs Toreverhindern. Beide Mannschaften hatten noch gute Gelegenheiten, doch auf der einen Seite wurde Grafites Schuss abgefälscht und auf der anderen Seite eine scharfe Hereingabe für Schürrle im letzten Moment geklärt.

Doch wenige Minuten vor dem Abpiff erhielten die Wolfsburger die Strafe für ihre zu passive und zu sehr auf Diego & Dzeko konzentrierte Spielweise - die Mainzer belohnten sich für ihre unglaubliche Moral. Zabavnik passte zu dem kurz zuvor eingewechselten Adam Szalai, der drehte sich im Strafraum kurz um seinen Gegenspieler - und erzielte das 4:3 für die Mainzer.

Sollten Spiele mit Diego in Zukunft imemr so unterhaltsam sein, hätte nicht nur Thomas Tuchel noch ein drittes gutes Argument für den Wechsel des Brasilianers.

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