Wie Wolfgang Rolff Werder zusammenhält

Schaafs Wolle

Dass Co-Trainer beileibe keine Hütchenaufsteller sein müssen, beweist Wolfgang Rolff beim SV Werder Bremen. Ohne ihn wäre die Mannschaft noch krisenanfälliger – und Thomas Schaaf um einen Freund ärmer. Wie Wolfgang Rolff Werder zusammenhältImago
Heft #85 12/2008
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Ein Donnerstagnachmittag auf dem Trainingsgelände des SV Werder Bremen. Es regnet, das gehört hier ja zum Programm. Thomas Schaaf hat ein enges Feld abgesteckt, Elf gegen Elf auf 25 mal 20 Metern. Der Coach will schnelle Handlungen sehen und Entschlossenheit im Zweikampf. Beides sind ihm seine Jungs zuletzt schuldig geblieben. 0:2 gegen Bayer Leverkusen im eigenen Stadion, eine Schmach. Schaaf war ganz schön sauer, Werder-Boss Jürgen L. Born sprach erstmals so, wie andere Bosse immer sprechen, wenn es schlecht läuft.

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Das ist keine 48 Stunden her, und kaum mehr Zeit bleibt bis zum Spiel gegen Hertha BSC, der Chance, es wieder gutzumachen. Also gibt jeder alles im klaustrophobischen Rechteck: Frings frisst Gras, seine Lieblingsspeise, Merte schnauzt Tošić an, blöder Fehlpass, was soll das, spiel doch einfacher, Vranjes grätscht Boenisch um, das kommt vor, aufstehen, Diego sprintet sogar zur Ausführung der Ecke. Derweil steht Schaaf stoisch im Scheißwetter und betrachtet das Geschehen mit der ihm eigenen Ledermiene. Zwischendurch ruft er die Spieler zu sich und verschiebt unsichtbare Blöcke so entschlossen durch die Luft, dass es tatsächlich nach Kraftanstrengung aussieht. Alles klar? Weiter geht’s!

Einer hat besonders konzentriert zugehört, ganz dicht beim Trainer. Nun steht er an der Außenlinie und trippelt von einem Bein aufs andere. Zu gern würde er sich ins Getümmel stürzen, sich den Ball schnappen und dieses Trainingsspiel, ja sogar das Match gegen Hertha entscheiden. »Es juckt immer noch«, sagt Wolfgang Rolff, und man glaubt es ihm schon angesichts seines Nackenspoilers, der viel mehr nach Fußball aussieht als die Feuchtfrisuren der neuen Generation. Doch nächstes Jahr wird er 50, die Achillessehne zickt rum, und sowieso: »Im Endeffekt bin ich ja kein Spieler mehr, sondern Co-Trainer.«

Die Natur des Spielers und des Trainers

»Bouba! Bouba! Bouba!«, ruft Rolff nun, da es weitergeht, und immer wieder: »Bouba!« Der zur Melancholie neigende Stürmer Boubacar Sanogo ist gemeint, er hängt auf halb acht, weiß nicht so recht, wohin mit sich. Rolff sagt es ihm, er verschiebt das, was bei Schaaf vorhin noch unsichtbar war. Seit 2004 arbeitet er als sein Assistent. Vor 30 Jahren kreuzten sich in einer Bremer Jugendauswahl erstmals ihre Wege und danach immer wieder bei unzähligen Bundesligapartien. Doch im Gegensatz zu Schaaf, dem kaum jemand eine Karriere als Chefcoach zugetraut hätte und bei dem selbst alte Wegbegleiter sich noch immer wundern, mit welcher Souveränität er seine Position ausfüllt, waren in Rolff beide Naturen von Anfang an angelegt, die des Spielers und die des Trainers. Er war ein Kämpfer wie wenige sonst, abgehärtet schon als 17-Jähriger beim OSC Bremerhaven vom Schleifer Egon Coordes. Als der Hamburger SV 1983 im Endspiel des Europapokals der Landesmeister triumphierte, stellte er Juves Spielmacher Michel Platini kalt. Mit Bayer Leverkusen bog er 1988 ein 0:3 gegen Espanyol Barcelona um wie eine Eisenstange und holte den UEFA-Cup. Und wer trieb 1994 den Karlsruher SC zum historischen 7:0 gegen den FC Valencia? Einmal dürft ihr raten.

Andere – Felix Magath beim HSV, Tita bei Bayer oder »Euro-Eddy« Schmidt beim KSC – glänzten, Rolff ermöglichte es ihnen. Das war schon der Trainer in ihm: diese taktische Selbstlosigkeit, der Meter mehr für den Nebenmann, die Abstraktionsleistung, sich als Teil eines Gefüges zu begreifen. Und das galt auch im Zwischenmenschlichen. Rolff war fast überall Kapitän, wenn er die Binde überhaupt brauchte. Denn Leitfigur war er ohnehin, Stabilisator, Kitt einer Mannschaft, gerade wenn sie aus vielen Einzelkönnern bestand und im Misserfolg auseinander zu fallen drohte. »Die Begegnung mit Wolfgang hat mich geprägt«, erinnert sich Jens Nowotny, der ihn als Jungspund beim KSC erlebte. »Er war der Mannschaftsspieler schlechthin. Er hat mir beigebracht, was ich als Individualsportler nie gelernt hätte: Dass andere auch Fehler machen dürfen – und man sich trotzdem auf sie verlassen kann.« Dass so einer es nach dem Karriereende 1996 – bis auf drei Partien als Interimslösung beim VfB Stuttgart – nicht zum Cheftrainer in der Bundesliga gebracht hat, mag zunächst einmal verblüffen. Er, der geborene Anführer, als Adlatus?

Es ist doch so: Wer nicht aufpasst, wird durch die Vorsilbe »Co-« irgendwie verharmlost. Sie ist eng verwandt mit »Vize-« und »Schwieger-« und suggeriert: Ihr Träger hat nichts zu melden. Trotz Männern wie Helmut Schön, Pál Csernai oder Aleksandar Ristić, die erfolgreich im Hintergrund arbeiteten und sich dann selbst zum Chef aufschwangen, hat sich lange ein Bild vom Co-Trainer im öffentlichen Bewusstsein gehalten, das zwischen Hütchenaufsteller und Balleinsammler oszilliert. Wer Glück hatte und über Jahre ein eheähnliches Verhältnis mit seinem Vorgesetzten führte, bekam wenigstens ein bisschen Glanz ab, Michael Henke von Ottmar Hitzfeld, auch Roland Koch von Christoph Daum. Erst seit Jürgen Klinsmann Joachim Löw beim DFB zum quasi gleichberechtigten Partner machte, hat der Job des Assistenten den Ruch des Zweitrangigen leidlich ablegen können.

»Wir arbeiten Schulter an Schulter«


Wolfgang Rolff braucht beides nicht, weder den Abglanz noch das öffentliche Bekenntnis, um sich gut zu fühlen. Wie schon als aktiver Spieler stellt er sich auch bei Werder Bremen in den Dienst der Sache, macht den einen Meter mehr, um Thomas Schaaf den Rücken frei zu halten. So leitet er das Individualtraining und das der Reservisten, reist durch halb Europa, um Talente zu beobachten, und wertet Videobänder aus. »Ich bin hier zwar nicht der Chef, aber ich arbeite trotzdem so, als würde ich in vorderster Front stehen«, sagt er. Ja, doch, Angebote anderer Vereine, als Hauptverantwortlicher zu arbeiten, habe es reichlich gegeben, »aber ich stehe mit Werder in der Champions League. Was will ich mehr?« Dass Außenstehende in erster Linie Thomas Schaaf mit den Erfolgen der letzten Jahre assoziieren, kratzt beide wenig. »Natürlich: Der eine ist Chef, der andere ist der Co-Trainer«, sagt Schaaf. »Aber das sind nur die offiziellen Positionen. Intern geht es einzig und allein um die Arbeit. Wir stehen im ständigen Dialog. Wir sind ein Team.« Rolff nennt Schaaf tatsächlich »Chef«, der nennt ihn »Wolle«. »Ich will damit dokumentieren, dass er mir ganz nah ist«, erläutert Schaaf den Kosenamen. »Wir arbeiten Schulter an Schulter.«

Bei aller Eintracht: Naturgemäß ist der Co-Trainer näher an den Spielern, als der Chef es sein kann – und das nicht nur beim Flankentraining mit den Außenverteidigern. Schaaf beobachtet aus der Distanz, das Teambuilding ist, damals wie heute, Rolffs Ressort. Wie schon in den meisten Mannschaften, in denen er selbst stand, finden sich auch in Bremen viele sensible Kreativspieler, die es zur Einheit zu formen und zusammenzuhalten gilt. Als Kapitän beim KSC bläute er einst Sergei Kirjakow ein, dass er nur dann ein wirklich genialer Dribbler ist, wenn er den Ball auch mal abspielt. Ganz ähnlich erläuterte er als Co-Trainer bei Werder dem anfangs noch verspielten Diego, dass der Weg zur Weltklasse nur über Effizienz und Mannschaftsdienlichkeit führt. In pädagogische Fachbücher schaut er selten, Seminare tauchen so gut wie nie in seinem Terminkalender auf. Was wann zu tun ist, weiß Rolff aus 30 Jahren Berufserfahrung. »Man kann nicht jede Woche mit der Truppe ins Spaßbad oder in den Klettergarten fahren«, sagt er. »Man muss das dosieren. Oft tut es ein Einzelgespräch in einer ruhigen Ecke.« Mal bittet ihn einer der Spieler um Rat, mal nimmt er sich selbst jemanden zur Brust, und wenn er bei einem Neuzugang die Integration gefährdet sieht, macht er sogar Hausbesuche. »Er hat ein Gespür dafür, was in der Mannschaft vor sich geht und was zu verbessern ist«, berichtet Werder-Kapitän Frank Baumann. Manche Co-Trainer verzichten in solchen Situationen aus falsch verstandener Loyalität zu ihrem Vorgesetzten auf die gebotene Diskretion. Nicht so Rolff: Was die Spieler ihm anvertrauen, bleibt zunächst einmal bei ihm. »Ich erzähle nicht alles dem Chef. Wo kämen wir denn da hin? Vieles klären wir untereinander.« Dieses »Wir« zeigt, wie nah Rolff sich der Mannschaft fühlt, wie sehr er noch immer selbst Spieler ist. Vielleicht liegt hier der Grund, warum er so gern als Co-Trainer arbeitet und nicht beständig auf den Karrieresprung linst.

Zwei Tage nach dem verregneten Training steht er in Mitten seiner Jungs und leitet das Aufwärmprogramm vor dem Spiel gegen Hertha BSC. Trüge er nicht Ballonseide, man könnte meinen, er sei wirklich einer von ihnen, solchen Siegeshunger strahlt er aus. Wieder trippelt er von einem Bein aufs andere. Steht er nicht vielleicht doch auf dem Spielberichtsbogen? »Es juckt immer noch«, hat er gesagt. Sein Nackenspoiler weht im Herbstwind. Doch um kurz vor halb vier nimmt Rolff seinen Platz neben Thomas Schaaf ein. Auch ohne ihn im unmittelbaren Kampfgeschehen schicken die Spieler Hertha mit 5:1 nach Hause, aus Jürgen L. Born spricht hinterher wieder die sonore Gelassenheit eines Werder-Bosses. Wolfgang Rolff freut sich, klatscht die Spieler ab, deutet Schwitzkästen an. »Siehst du, es geht doch!«, scheint er dem einen oder anderen zuzuraunen, bei dem es zuletzt eben nicht ging. Von der Befreiungsschlag-Rhetorik der letzten Tage hat er sich ohnehin nicht kirre machen lassen. Er hat so viel erlebt, was ist da schon diese Talsohle? Für heute weist die wundersam sinusartige Formkurve des SV Werder nach oben. Eine Momentaufnahme, Rolff weiß das. Er wird auch die nächste Baisse überleben.

»Viele machen den Fehler zu denken: Wenn es läuft, liegen wir hier im Sonnenstuhl rum und lassen uns bedienen«, thomasschaaft Thomas Schaaf schließlich. »Wir arbeiten kontinuierlich. Und das heißt auch: Wolfgang Rolff ist immer wichtig.«

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