Wie schlimm war die »Trainingsgruppe 2« wirklich, Tobias Weis?

»Kinder stürmten den Platz – für Autogramme«

Tobias Weis erlebte bei der TSG Hoffenheim Höhen und Tiefen. Er wurde Herbstmeister und debütierte beim DFB. Doch dann schob ihn Markus Gisdol ab in die »Trainingsgruppe 2«. Wie schlimm war es wirklich?

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Tobias Weis, seit zwei Wochen stehen Sie beim VfL Bochum unter Vertrag. Ein Neuanfang?
Auf jeden Fall. In Bochum kann ich endlich wieder meinem Traumberuf Fußballprofi nachgehen. Ich habe in den vergangenen Jahren alle Extreme des Fußballs erlebt. Die letzten zwölf bis 18 Monate waren wohl der negative Höhepunkt. In Bochum möchte ich noch einmal alle Uhren auf Null stellen.

Sie sprechen die Achterbahnfahrt Ihrer Karriere an. 2007 wechselten Sie vom VfB Stuttgart zur TSG Hoffenheim, wurden dort Stammspieler, Leistungsträger und Nationalspieler.
Ich bin damals vom Meister in die zweite Liga nach Hoffenheim gegangen – eigentlich ein Rückschritt. Das Projekt steckte damals noch in den Kinderschuhen, niemand ahnte, wo es hingehen würde. Wir sind aber direkt aufgestiegen und wurden in der Bundesliga Herbstmeister. Das war wie ein Traum.

Sie debütierten sogar in der Nationalmannschaft. Was waren der entscheidende Faktor für den Höhenflug?
Der größte Faktor unseres Erfolges war unser damaliger Trainer Ralf Rangnick. Er hat seine Philosophie jedem Einzelnen eingeimpft. Davon habe ich natürlich auch profitiert. Und irgendwann kam dann sogar die Einladung vom DFB. Allerdings haben sich unsere Leistungen nach der Herbstmeisterschaft ein wenig relativiert. Es wurde dann ein bisschen ruhiger um uns.

Ab 2012 lernten Sie in Hoffenheim auch die andere Seite des Fußballs kennen. Trauriger Höhepunkt war sicher Ihre Versetzung in die »Trainingsgruppe 2« durch Markus Gisdol 2013. Wie froh sind Sie, dass dieses Kapitel vorbei ist?
Die Zeit in der Trainingsgruppe 2 war die schwerste Zeit in meinem Leben – und das ist nicht übertrieben. Du bist jahrelang ein fundiertes Mannschaftstraining gewohnt und plötzlich triffst du dich morgens mit sechs, sieben Leuten auf einem Dorf-Sportplatz, wo drei Bälle und sechs Hütchen bereit liegen.

Hört sich nicht nach Training auf Profiniveau an.
Wir haben zwei, drei Kilometer entfernt auf dem Ballsportplatz einer Schule trainiert. Da kam es schon mal vor, dass nur ein Teil des Platzes zur Verfügung stand, weil eine Schulklasse den Platz brauchte. Oder dass Kinder das Feld stürmten, weil sie Autogramme haben wollten. Es gab Tage, da hat der Azubi oder Student der Geschäftsstelle mittrainiert. Man kann sich vorstellen, was das für einen Profifußballer bedeutet. Du verlierst deine Form, deine Fitness und den Spaß.

Wie gehen aussortierte Spieler in so einer Konstellation miteinander um?
Wir sind relativ schnell zu einer eingeschworenen Gemeinschaft zusammengewachsen. Mit vielen Jungs habe ich noch Kontakt, unser damaliger Trainer, Sascha Koch, ist heute sogar ein sehr guter Freund von mir. Er hat vor kurzem erst den Kontakt zum VfL Bochum hergestellt. Ich kann im Rückblick schon sagen, dass wir versucht haben, uns die Zeit so angenehm wie möglich zu machen. Ich erinnere mich da übrigens an eine lustige Geschichte.

Erzählen Sie.
Irgendwann sollte das offizielle Mannschaftsfoto der TSG geschossen werden. Uns wurde mitgeteilt, dass wir keinesfalls mit drauf dürften. Also haben wir kurzerhand unser eigenes Foto geschossen. Acht Leute plus Trainer, Bälle am Boden, Medizinkoffer daneben. Das sah schon recht professionell aus und wahrscheinlich haben wir sogar mehr gelacht als die Jungs auf dem offiziellen Foto.


Hat der Verein mit dieser »Trainingsgruppe 2« Karrieren zerstört?
So krass würde ich das nicht sagen. Zu so einem Zerwürfnis gehören immer zwei Seiten – auch wir Spieler haben Fehler gemacht. Für die berufliche Zukunft ist es aber schädigend, derart degradiert zu werden. Schaut man sich an, wo die Spieler, die damals in der Gruppe trainierten, heute rumturnen, ist das schon bezeichnend. Auch dass die Trainingsgruppe irgendwann aufgelöst und wir in die U23 geschickt wurden, hat unsere Situation nicht wirklich verbessert.

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