16.03.2012

Wie verscheucht man Brettspieler aus Fußballkneipen?

Kneipenterroristen, schwerstens motiviert

Man kennt das: Dienstagabend, 20:15 Uhr. Champions League! Doch am besten Platz in der Fußballkneipe sitzt eine verschworene Gemeinschaft und spielt Brettspiele. Unser Autor kann gar nicht so viel trinken, wie er kotzen möchte.

Text:
Alex Raack
Bild:
Imago

Die Band »Böhse Onkelz« hatte vor einer Ewigkeit mal einen Song namens »Kneipenterroristen« im Repertoire. Auszüge: »Mütter sperrt die Töchter rein und rettet euren Sohn, vor Kneipenterroristen, dem Schrecken der Nation!« Natürlich sangen die »Onkelz« von Menschen, die so drauf waren, wie ihre Fans es immer sein wollten: Kernige Rocker, die ungefragt einen Tresen nach dem anderen leer tranken und anschließend noch das Mobiliar fachgerecht zerlegten. Solche Menschen habe ich noch nie gesehen. Doch die Kneipenterroristen, sie sind unter uns! Sie tragen häufig Brillen oder lange Haare, die in Zöpfen geordnet über ihren Metal-T-Shirts baumeln. Wahlweise sieht man sie auch als weibliche Sozialwissenschaftlerinnen im zweiten Semester getarnt. Sie mögen keinen Fußball. Aber sie treffen sich gerne in Kneipen. Vorzugsweise am Dienstag- oder Mittwochabend. Um den harten Alltag als Metal-Fan oder Student bei einer Partie Cluedo ausklingen zu lassen. Sie sind schlimmer als jeder noch so kernige Rocker, der sich Fahrradketten schwingend ins Damenklo übergibt.


Zum Beispiel gestern in Berlin. Bayern spielt gegen Basel. Leider am Dienstag und deshalb nicht im Free-TV (dort überträgt Sat.1 heute lieber Real Madrid gegen ZSKA Moskau). Gegen 20 Uhr beginnt die Suche nach einer Kneipe samt Beamer, Großbildleinwand und Bierausschank. Die Stammkneipe, an einem normalen Samstagnachmittag gähnend leer, ist bereits bis auf den letzten Platz gefüllt. Da! So ein Rockerschuppen mit erstaunlichen vielen Schädel-Skeletten von längst ausgerotteten Tierarten an der Wand und Postern voller langhaariger Draufgänger. Aber auch: Mit dem leuchtenden »Sky«-Logo an der Fensterfront, der Seenotfackel gestrandeter Fußballfreunde. Hinein! Die Plätze weitestgehend frei, handelsübliche Fußballfreunde lassen sich von langhaarigen Draufgängern und ausgerotteten Tierarten ganz offensichtlich abschrecken.

Wer in Fußballkneipen reserviert schlägt auch kleine Kinder

Dann der erste Schock: Auf drei der vier Tische in günstiger Position zur Leinwand steht eine handbemalte Karte: »Reserviert«. Meine Meinung: Wer Tische in Fußballkneipen reserviert, der wählt auch die FDP oder schlägt kleine Kinder. Am vierten Tisch sitzt eine Gruppierung von auf den ersten Blick harmlosen Menschen. Zwei Frauen, zwei Kerle. Sie MÜSSEN Fußballfans sein, denn inzwischen ist es 20:15 Uhr und ihr Tisch steht zentral, in einem maßvollen Abstand vor der Leinwand. Es ist der beste Platz in diesem Laden. Etwas irritierend ist nur, dass die beiden Kerle noch immer mit dem Rücken zum Geschehen sitzen, und das, obwohl bereits Ottmar Hitzfeld von der Leine gelassen worden ist. So weit, so beunruhigend. Immerhin: Auf höfliche Nachfrage macht das Quartett zwei Plätze frei, der freie Blick auf das Achtelfinale ist gesichert.

Mittlerweile ist es 20:42 Uhr, die Champions-League-Hymne erklingt. Hat die UEFA jemals sinnvoller Geld ausgegeben, als für den Dirigenten Tony Britten und das Royal Philharmonic Orchestra? Doch während die Gänsehaut wohlig die allerletzten Körperregionen erreicht, erzählt einer der Kerle am Nebentisch lautstark einen Witz, den er gestern von einem Kumpel aus der Rollenspiel-Gruppe gehört hat. Die Weiber kreischen vor Lachen und packen dann, die Wangen noch tränennass, tatsächlich ein Brettspiel auf den Tisch! Und die Kerle reiben sich auch noch voller Vorfreude die Fingerspitzen, auf ihren Rücken, die immer noch der Leinwand zugewandt sind, wackeln munter die Teufelshörner ihrer Lieblingsband. Nun wird klar: Es sind Kneipenterroristen! Schwerstens motiviert, am Champions-League-Abend ihren Brettspiele-Scheiß durchzuziehen!

Wie können wir uns nur gegen Brettspieler wehren? 

Solche Szenen, schockierend und verletzend, spielen sich jede Woche ab. In jeder deutschen Stadt. In JEDER ehrbaren Fußballkneipe! Bleibt die Frage, wie wir, die hilflos dasitzen und sich von den Brettspielern auch noch dumme Sprüche gefallen lassen müssen (»Schwein-Steiger? Was isn das fürn Name? HARHAR!«), uns in Zukunft gegen Übergriffe solcher Art wehren können? 

Müssen wir bereits am Nachmittag in die Kneipen kommen und die Brettspiele unbrauchbar machen (zum Beispiel: Würfel klauen)? Müssen wir Bürgerwehren organisieren, die die Brettspieler rechtzeitig vor deren Kneipenbesuch verscheuchen? Müssen wir endlich aufstehen, den Ohrfeigen-Gesichtern am Nebentisch so lange die historische und soziale Bedeutung von Fußball in die Ohren brüllen, bis selbst die Metall-erprobten Horchlappen anfangen zu bluten? Müssen wir eine Sammelklage gegen den Erfinder des Brettspiels einreichen? Wenn ja, wie heißt diese Person? Hermann Mallefitz? Sven Siedler? Sabine Menschärgeredichnicht? Oder müssen wir selbst zum Äußersten greifen, die Fahrradkette aus dem Keller holen und tun, was zu tun ist?

Anmerkung der Redaktion: Die Brettspieler einfach stumpf wegsaufen funktioniert. Nicht. 

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